Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Man kann die Augen nicht davor verschließen: Berlin-Mitte ist eine monumentale Baustelle. Sie ist es, wenn man hinter die dekroativen Kulissen schaut, auch kulturpolitisch.
+
Man kann die Augen nicht davor verschließen: Berlin-Mitte ist eine monumentale Baustelle. Sie ist es, wenn man hinter die dekroativen Kulissen schaut, auch kulturpolitisch.

Kulturpolitik

Die Gedanken sind so frei

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Erlebt die Republik eine neue Kulturdebatte? Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat eine Überlegung eingespeist, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann sich mit einer blamiert.

Erlebt die Republik eine neue Kulturdebatte? Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat eine Überlegung eingespeist, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann sich mit einer blamiert.

Kultur, so hat die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihrem Amtsantritt betont: „Kultur ist kein dekorativer Luxus.“ Dieser Satz sagt viel aus, über den Stellenwert der Kultur, über das Prestige der Kultur bei den Umstehenden, als sie zuhörten (vielleicht ein wenig dekorativ lauschten), während die Politikerin einen typischen Politikersatz formulierte. Gewiss, sie tat es, um sich für die Kultur stark zu machen, wie es gerne etwas pompös heißt. Gleichwohl, sie sprach bei der Gelegenheit einen im Grunde redundanten Satz aus, dabei ist die Kultur, im Unterschied von so vielem in der Welt: eben nicht Redundanz, sondern Konzentration. Nicht Dekoration, sondern Substanz. Zugleich Luxus und, nun ja, Lebensmittel.

Kulturpolitik als Schmiermittel sozialer Infrastruktur

Kultur, so hat erst kürzlich der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann geschrieben, „ist ein permanenter Prozess der Veränderung und immer wieder neues Produkt des Zusammenlebens“. Was immer mit dem Wort Produkt gemeint sein mag – Kultur als ein Modus des Zusammenlebens ist (zwangsläufig) ein Prozess permanenter Veränderung, und das ist ein alles andere als lebensferner (oder absurder) Gedanke. Zumal Feldmann in seinem kulturpolitischen Papier auf die so feinen wie deutlichen Unterschiede zwischen Kunst und Kultur hingewiesen hat, was eine Einsicht ist, die nicht jedem Kritiker Feldmanns gegeben ist.

Dieser Gedanke Feldmanns ist nicht der Grund, warum er Künstler und Kulturschaffende, Kulturkritiker und Politiker in Frankfurt gegen sich aufgebracht hat. Vehementen Widerspruch hat der SPD-Politiker für den in jeder Hinsicht geistlosen Gedanken erhalten, „Kulturpolitik sei umso erfolgreicher, je mehr sie sich als Schmiermittel sozialer Infrastruktur“ und wirtschaftlicher Erfordernisse begreife.

Wegen dieser demütigen und blamablen Funktion, die Feldmann der Kultur zuwies, und er dachte nicht etwa an eine Metapher oder Allegorie, sondern an ein Industrieprodukt, ist das Stadtoberhaupt im Römer, in Frankfurts Rathaus, als Scharlatan hingestellt worden. Stark überbewertet wurde der in dieser Sitzung vom Fraktionschef der Grünen, Manuel Roth, ausgesprochene Konter: „Kultur muss frei sein, auch frei von Zwecken.“ Ach, ja?

Noch eine Scharlatanerie. Obendrein die pure (nicht zweckfreie, sondern zweckgebundene, parteipolitische) Heuchelei. Der ganze faule Zauber wird dann deutlich, wenn der Bürger in der soeben von Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) aufgestellten kulturpolitischen Bilanz liest, wie wenig die Kultur in der Stadt Frankfurt frei ist. Alles schöner Schein, so darf man die Bilanz zum Jahreswechsel verstehen. Ist doch die Kultur vielmehr dem „Kampf um Ressourcen“ ausgesetzt wie wohl noch nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten der Stadt. Semmelroth, im Unterschied zu Roth, wird wissen, dass dieser einem weniger feinsinnigen als vielmehr fundamentalem Missverständnis aufsitzt, der Verwechslung und/oder Ineinssetzung von Kunst und Kultur.

Gegen die verschrobene Auffassung von der angeblich autonomen Kultur sind auch Künstler nicht gefeit. So hat der Kriminalromanautor Jan Seghers, Feldmann hammerartig abstrafend, festgehalten: „Es scheint, als wollten Sie über Kultur reden, um über Kunst nicht sprechen zu müssen. Und so schreiben Sie: ,Kultur ist nicht Kunst.‘ Aber was denn sonst?“ Für Seghers, alias Matthias Altenburg, ist das Wort Kultur so etwas wie eine Lizenz, eine für das Hehre, das weiterhin Erhabene. Er reklamiert die Kultur als das Reich des Anderen, erklärt es zum eingehegten Besonderen. Er verspricht sich von ihr ein abgeschirmtes und in ihr aufgehobenes Autonomieversprechen, eine Realität jenseits der Realität.

Selbstaufklärung, Vergewisserung und Aufklärung

Kultur, das lässt sich nicht übersehen, ist so etwas wie Stilwille, Formbewusstsein, und wo kulturelle Absichten bewusst auftreten, wird der Gestaltungswille deutlicher erkennbar. Dieser Gestaltungswille zeigt sich aber nicht allein in einer Verszeile, in der Neuinszenierung eines Klassikers oder in einer aktuelle Kunstinstallation, sondern bereits in alltäglichen Gesten.

Da Kultur in der Tat, und so sagt es auch Monika Grütters, „ein Modus des Zusammenlebens“ ist, zeigen sich Kulturtechniken etwa morgens und abends während der U-Bahnfahrt, ja, es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass sich dort Kulturtechniken geradezu offenbaren. Wie ja auch im Gewühle eines bienenfleißigen Großraumbüros, in einem Call-Center oder Kindergarten. Zivile Umgangsformen haben ihre kulturellen Grundierungen, auf die sich eine Gesellschaft einigt, um einigermaßen erträglich miteinander leben zu können. Und wenn sie sie ausdrücklich reklamiert, etwa in der Schlange an der Supermarktkasse, zeigt sich, dass unausgesprochen etwas im Argen liegt.

In der Kultur kommt, bei allen widerstreitenden Werten, Normen, Einstellungen, Auffassungen, trotz unterschiedlicher Bedürfnisse und Erwartungen, ein Konsens zusammen. Das, was als Kultur glatt durchgeht, hat sehr viel mit Routinen zu tun, was nicht zwangläufig, anderes als etwa bei Romanen oder Bildern, prekär werden muss. Ein routiniertes Gedicht? Das pure Gift, nicht weil es subversiv wäre, sondern unerheblich. Ein konsensfähiger Kriminalroman? Wahrscheinlich erfolgreich, aber auch verdächtig. Zugleich haben Kulturtechniken, neben den unbewussten Routinen, den nicht hinterfragten Ritualen, viel mit Selbstvergewisserung zu tun, mit dem Bemühen um Selbstaufklärung. Vergewisserung und Aufklärung, vollzogen am eigenen Subjekt, bilden ein schwieriges Unterfangen, erst recht, und dazu muss man kein Kulturpessimist sein, in der unmittelbaren Konfrontation.

Reiche oder ästhetische Kultur?

Handelt es sich gar um die nicht alltägliche Situation, dass ein Künstler auf einen Politiker trifft, neigt jener dazu, seine Kunst kräftig aufzuwerten. Kulturell ist der Snobismus etwa eines Malers gut zu erklären, auch wenn er künstlerisch nicht zwangsläufig zu rechtfertigen ist.

Nun, in Frankfurt sind die Rollen, keine Frage, anders verteilt. Die Kulturtechnik des Snobismus ist konfrontiert nicht so sehr mit der Arroganz als vielmehr der Ignoranz der Macht. Bildet sich doch Frankfurts Oberbürgermeister, der seine Vorbehalte gegen die Elite- und/oder Hochkultur seit langem kultiviert, einiges darauf ein, wenn er diese Aversionen auch zelebriert.

Man könnte auch so sagen: Während der SPD-Politiker Feldmann seine Sympathien für die Alltags- oder Populärkultur mit einem angeblich weiten, ganzheitlichen, einem totalitätsorientierten Kulturbegriff verbrämt, kontert Seghers mit einem äußerst engen, einem differenzierungsunwilligen Kulturbegriff, dessen Maßstab das Kunstwerk, das Artefakt ist. Eine Kultur, die ihre Anregungen allein hierher bezöge, ist keine reiche Kultur, sondern eine ästhetisierte Kultur.

Wenn man sich vorzustellen versucht, dass die Kultur das Vielfache repräsentiert, das Mehrdeutige und auch Vieldeutige, wenn man sich daran erinnert, dass die Kultur in den letzten Jahrzehnten als das Hybride schlechthin wahrgenommen und erkannt worden ist, dann darf man wohl sagen, dass Feldmann ebenso wie Seghers einen regelrecht abgespeckten Kulturbegriff haben.

Kulturelle Muster der Art, dass die Elitenkultur etwas sozial Verwerfliches sei, gehören bei Feldmann weiterhin zum sozialdemokratischen Katechismus. Wie naturwüchsig zählt der Vorwurf „Elitekultur!“ zur eisernen Reserve sozialdemokratischer Stereotype – und hat vielleicht deshalb die neue Kulturstaatsministerin ausdrücklich betont, die Kultur sei keinesfalls dekorativer Luxus?

Gesellschaftstiere und Kulturtechniker

Umso erstaunlicher, dass Grütters, neben vielen Aufgaben, die sie wird stemmen müssen, ausgerechnet das Humboldtforum ein Herzensanliegen ist. Allein hier, bei der Wiedererrichtung des Schlosses in Berlin-Mitte, einem Nagelneubau, der als Rekonstruktion verbrämt wird, zeigt sich ein merkwürdiger Kulturbegriff: eine Vergangenheitsschau, die sich im Juste Milieu einer dekorativen Erbauung einrichtet.

Zugleich hat Grütters wie schon erwähnt, betont, Kultur sei „der Modus unseres Zusammenlebens“. Man mag auch darin einen äußerst weit gespannten, einen ganzheitlichen, einen totalitätsorientierten Kulturbegriff erkennen. Einen angemessenen? Auf jeden Fall arbeiten wir Gesellschaftstiere und Kulturtechniker uns ununterbrochen an diesem Modus des Zusammenlebens ab. Wenn dabei Stilwille, Formbewusstsein, Gestaltungswille ins Spiel kommen, dann ist es für dieses Gesellschaftsspiel, das der Berliner Friedrich Schleiermacher schon um 1800 als „gesellige Kristallisation“ bezeichnete, doch umso schöner.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare