Die Geburt von Mensch 2.0

Zwischen Faszination und Schaudern: Eine Dokumentation über künstliche Intelligenz

Von TILMANN P. GANGLOFF

Zwei Jahre ist diese Dokumentation der BBC bereits alt. Da sich die Leistungskraft künstlicher Intelligenzen regelmäßig verdoppelt: Wer weiß, was sich in den geheimen Labors seither getan hat; vielleicht haben die Maschinen längst die Macht übernommen, und wir haben es bloß noch nicht gemerkt. James Van der Pools Menetekel prognostiziert dieses Ereignis jedoch erst fürs Jahr 2029.

Zumindest wird es bis dahin Rechner geben, die die Geisteskraft des Menschen in den Schatten stellen. Eine Vision, wie sie James Cameron mit "Terminator" schuf, scheint vor diesem Hintergrund realistischer als George Orwells negativer Utopieentwurf "1984". Natürlich ist das Ungemach hausgemacht. Letztlich sind auch die Maschinen Geister, die der Mensch gerufen hat und von denen er jetzt noch nicht wissen kann, was sie dereinst mit ihm anstellen werden .

Van der Pools Film vermittelt allerdings eine eher entspannte Haltung zu diesem Thema. Die Bilder der entsprechenden Tierversuche sind zwar nicht schön, werden aber ohne Moralkeule präsentiert. Die Forscher haben ohnehin kein Problem damit, einem Stier oder einer Ratte eine Apparatur in den Schädel zu implantieren, um sie dann wie ferngesteuerte Autos auf Knopfdruck manipulieren zu können.

Mit Hilfe einer geschickten Verzögerung kostet Van der Pool seinen Triumph aus. Zu Beginn sieht man einen Affen, der seinen Arm bewegt. Seine Gehirnströme werden aufgezeichnet, ein Rechner überträgt das Muster auf einen Roboterarm, der exakt dieselben Bewegungen vollführt. Erst mehrere Kapitel später lässt der Autor den Knüller folgen, und diesen Moment rezipiert mit man mit einer Mischung aus Faszination und Schaudern: Irgendwann merkt der Affe, dass er seinen eigenen Arm gar nicht bewegen muss, um den Roboter zu steuern; es genügt, wenn er sich die Bewegung denkt.

In gut zwanzig Jahren, vermuten die Forscher, werde es möglich sein, Gehirnströme auf Computerchips zu übertragen - die Geburtsstunde von Mensch 2.0; und spätestens jetzt denkt man doch wieder an Orwell und seine "Gedankenpolizei". So fesselnd Van der Pools Trip in die "schöne neue Welt" auch ist: Man muss kein Fortschrittsskeptiker sein, um die entworfenen Szenarien auch mit weniger Euphorie zu betrachten.

"Robot Sapiens", Arte, 20.15 Uhr.

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