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Gaye Su Akyol „Anadolu Ejderi“: Zeit für neue Ziegel

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Von: Stefan Michalzik

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Gaye Su Akyol.
Gaye Su Akyol. © www.gayesuakyol.com

Das schwungvolle Album der türkischen Musikerin Gaye Su Akyol .

In ihrer türkischen Heimat ist Gaye Su Akyol ein gefeierter Star, sie gehört zu den experimentierlustigsten Musikerinnen des Landes. Schon auf „Develerle Yasiyorum“ (2014), ihrem Debütalbum, hatte die 37-Jährige die traditionelle türkische Folklore mit Psychedelia und Surfsounds zusammengebracht, ohne der Tradition in einer nivellierenden Verschmelzung die Identität zu rauben. Die Musik auf „Anadolu Ejderi“, ihrem nun erschienenen vierten Album, klingt schwungvoller denn je und freier auch; nicht zuletzt dadurch, dass sie sich dem Disco annähert in einer Rock-Variante.

Weit gespannt ist das musikalische Spektrum der Songs, von Disco mit einem Riff auf der elektrifizierten türkischen Langhalslaute Baglama wie gleich eingangs in der Titelnummer, bis zu Stücken mit verhangen-schleppenden, vom TripHop inspirierten Beats („Kör Bicaklarin Ucunda“). Akyol setzt sich für Frauenrechte ein, direkte Kritik an Erdogan freilich vermeidet sie, wie sie selbst gesagt hat.

Von der Polizei vorgeladen

Doch ihre Texte sind vieldeutig, und sie ist auch schon einmal von der Polizei vorgeladen worden zwecks Erläuterung – ohne schlimme Folgen glücklicherweise. Die Subversion ist von einer untergründigen Art. Da ist beispielsweise immer wieder der explizite Bezug auf die Heimatstadt Istanbul, die eben auch das Zentrum des Protests ist. „Wenn meine Musik eine Stadt wäre, dann auf jeden Fall Istanbul. So viele verschiedene Sounds, so viele verschiedene Stimmen. Ein großes Durcheinander von allem und jedem.“

Das Album:

Gaye Su Akyol: Anadolu Ejderi. Glitterhouse/Indigo.

Der Rekurs auf die anatolische psychedelische Rockmusik der siebziger Jahre, nach wie vor ein zentrales Element in der Musik von Gaye Su Akyol, kommt alles andere als von ungefähr. Der Name des Albums – übersetzt: anatolischer Drache – steht für eine Rückbesinnung auf die eigene Kultur, mit dem Erwachen eines mythologischen Drachen aus dem Tiefschlaf als Symbol. Die erstaunliche Renaissance der psychedelischen türkischen Rockmusik in den letzten Jahren, zu deren zentralen Protagonistinnen sie gehört, dürfte tatsächlich auf jenen Grund zurückgehen, den Gaye Su Akyol in einem Interview angegeben hat. Bei einer Diskussion in den sozialen Medien sei die Frage aufgeworfen worden, ob die Türkei jemals etwas erfunden habe. „Die Leute versuchten ohne Hoffnung etwas zu finden – meine Antwort war: Türkische psychedelische Musik.“ Die im Land lange als altmodisch uncool gescholten wurde.

Vor allem in der Zeit nach dem Militärputsch war westliche Rockmusik unerwünscht. Die Zeit davor, in der Rock, Funk und Disco weit verbreitet waren, steht daher für Akyol und wohl auch viele andere in der heutigen Türkei für den Traum von Freiheit.

Ein wichtiger Bezugspunkt für Gaye Su Akyol ist, so in Interviews bekundet, die Sängerin Selda Bagcan, die in der Zeit nach dem Militärputsch zu den Dissidentinnen gehörte. Sie wurde für beinahe ein halbes Jahr ins Gefängnis gesteckt, ihre Lieder waren zwanzig Jahre lang verboten.

Die Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Tradition möchte Gaye Su Akyol, wie sie betont, nicht im Sinne von Nationalstolz missverstanden wissen. Sie wolle nichts kopieren, hat sie über ihr ästhetisches Selbstverständnis gesagt. „Ich möchte neue Ziegel darauf setzen; um ein weiteres Gebäude zu bauen.“

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