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„Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, sagt Gauck.
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„Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, sagt Gauck.

Islam Muslime Gauck

Gauck in der Falle

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Während Bundespräsident Joachim Gauck sagt, dass „die Muslime, die hier leben“, zu Deutschland gehören, sprach sein Vorgänger Christian Wulff noch von der Religion insgesamt. Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht?

Die Falle, in die er trat, hat kein anderer so treffend beschrieben wie Joachim Gauck selbst. Der Bundespräsident hat sich nämlich nicht nur von dem Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ distanziert. Er hat in Sachen Islam gegen eben jene Werte verstoßen, die er ein paar Zeilen vorher überzeugend erläutert hat.

Gauck hat die Formulierung seines Vorgängers Christian Wulff ausdrücklich nicht übernommen. Er hat damit nicht nur einer „Historisierung der Integrationsdebatte“ das Wort geredet, wie Omid Nouripour kritisiert. Gaucks Relativierungen kratzen vor allem an der Universalität eben jenes Freiheitsbegriffs, auf den der Pfarrer im Staatsamt sich so brillant beruft.

Westlichen Werten verpflichtet

Auch im Zeit-Interview hat der Präsident wieder betont, „dass ich mit all meinen Überzeugungen westlichen Werten verpflichtet bin“. Dass im Zentrum dieser Werte die unbedingte, allen Menschen gleichermaßen gegebene Würde des Menschen steht, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religion – Gauck wäre der Letzte, der daran Zweifel zuließe. Angewendet auf das Integrationsthema, hat er es jetzt wieder selbst formuliert: als „eine Vorstellung von Beheimatung nicht durch Geburt, sondern der Bejahung des Ortes und der Normen, die an diesem Ort gelten“.

Hier finden wir die schöne Idee vom gleichen Recht der Menschen, gebunden nur an die Bereitschaft, Regeln und Normen zu akzeptieren. Hätte Gauck nicht mehr gesagt als das, dann wäre er zu preisen als Streiter gegen das kulturalistische Weltbild der Broders und Sarrazins, die „den Islam“ wie „die Muslime“ durch Zuschreibung negativer Eigenschaften aus der Gemeinschaft der Freien und Gleichen auszuschließen versuchen. Aber Gauck hat mehr gesagt, und er hat sich damit – sicher ungewollt – in gefährliche Nähe zum kulturalistischen Antiislamismus begeben.

Das Individuum, sonst nichts

Gaucks Satz „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“ verstößt natürlich nicht an sich gegen das Ideal von Freiheit und Gleichheit. Doch die Falle, in die er jetzt lief, besteht in der Relativierung der Freiheit: Er trennt „die Muslime“, denen er die Zugehörigkeit zugesteht, von „dem Islam“, ihrer Religion.

Das Motiv des Präsidenten dürfte, zugegeben, ein sehr aufklärerisches sein: Wer den Wert eines Menschen unabhängig von dessen Glauben schätzt, darf ihn weder wegen noch trotz dieses Glaubens geringer schätzen. Und in dieser, der Perspektive auf das Individuum, ist es tatsächlich „der Muslim“ und nicht „der Islam“, der zu Deutschland gehört.

Aber Wulff bewegte sich auf einer anderen Ebene. Ihm ging es um die kulturelle Beschaffenheit der Gesellschaft. Er sagte nicht „Die Christen gehören zu Deutschland, die Juden gehören zu Deutschland und die Muslime gehören auch zu Deutschland“, sondern: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Wulffs politische Toleranz

Dieser Satz holte den Islam aus dem Hinterhof. Er gestand ihm zu, was wir auch anderen Bekenntnissen zugestehen: Präsenz und Prägewirkung im öffentlichen Raum. Er beschrieb damit mehr als die Toleranz gegenüber individuellen Vorlieben in Glaubensfragen. Er beschrieb Zuwanderung in ihren politischen Folgen, vor allem: Er akzeptierte sie. Erst durch Anerkennung ihrer gemeinsamen Glaubens-Identität vermittelte er den Muslimen das Gefühl individueller Akzeptanz.

Das Bekenntnis, Muslime (als Individuen) gehörten zu Deutschland, ist demgegenüber so folgenlos wie richtig, es sei denn, es entspränge einem radikalen Säkularismus. Der aber müsste alle Bekenntnisse, auch das christliche und das jüdische, zur Privatsache erklären und etwa von steuerlichen Privilegien entbinden. Das hat Pfarrer Gauck eher nicht gemeint. Seine Worte schließen speziell den Islam aus den Räumen der Gleichberechtigung wieder aus, die Wulff ihm eröffnet hat.

Islam und Aufklärung

Wo es um die Religion als Ganze geht, redet Gauck der Abwertung des Islam gegenüber anderen Bekenntnissen das Wort. „Da kann ich diejenigen eben auch verstehen, die fragen: Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation?“

Nebenbei: „Die Aufklärung“, „gar eine Reformation“: Ein geradezu Freudsches „gar“ ist das, das die christliche Reformation über die Aufklärung erhebt! Vor allem aber grenzt der Präsident „den Islam“ von beiden negativ ab. Er verletzt, wo es um die öffentlichen Angelegenheiten geht, den Universalismus des Freiheitsbegriffs, den er in seiner individuellen Ausprägung so emphatisch vertritt. Und er sieht nicht, dass dies am Ende auch die individuelle Freiheit zu entwerten droht.

Er finde „Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit immer problematisch“, hat Gauck gesagt. Mehr-Satz-Formulierungen über Nicht-Zugehörigkeit sind das größere Problem.

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