Auch im Geisterreich braucht eine Frau Spiegel und Lippenstift. In einem wahren Danse Macabre weiblicher Skelette wird in Barbara Hammers Filmen das Leben wie ein weihevoller Totentanz vorgeführt.
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Auch im Geisterreich braucht eine Frau Spiegel und Lippenstift. In einem wahren Danse Macabre weiblicher Skelette wird in Barbara Hammers Filmen das Leben wie ein weihevoller Totentanz vorgeführt.

Galerie KOW

Das ganze Leben in der Totalen

Krankheit, Therapie, Vermarktung: Die feministische Experimentalfilmerin Barbara Hammer in der Galerie KOW

Von Irmgard Berner

Im lichten aber fensterlosen Erdgeschoss der Galerie KOW liegt ein mit Zeitungszeilen bedrucktes Knochenensemble auf einem Podest, aufgereiht wie ein archäologischer Fund. Doch wie seltsam: Texte aus der New York Times wurden auf diese Gebeine gedruckt, auf Wirbel, Schenkel- und Schädelknochen. In den gut lesbaren Artikeln geht es um die Zunahme von Krebsfällen, um Therapien, ihre Folgen und die Vermarktung. Diese Installation konkreter Objekte wirkt wie ein Hebel– er bringt einen hinein in die eigentliche künstlerische Welt von Barbara Hammer: die des Films.

In Röntgenaufnahmen flimmern Skelette über Bildschirme, mit der Handkamera filmt sie hautnah ihren Haarausfall und geschwollenen Bauch während der eigenen Krebsbehandlung. In filmischen Großformaten wiederum sieht man, überdimensioniert und faszinierend makaber, die leicht schwankenden schlanken Halswirbelsäulen zweier Frauen, an denen entlang die Kehlköpfe in Schluckbewegungen auf und abrutschen. Immer wieder von Neuem werden die Bilder überblendet von zwei pulsierenden Herzen, die sich in den transluziden Rippenkörben blähen. „Sanctus“ heißt das monumental sakrale Werk.

Filme über Masturbation und Menstruation

Die amerikanische Experimentalfilmerin, Bildkünstlerin und feministische Aktivistin Barbara Hammer spielt auf der ganzen Klaviatur – sie bezieht sich auf die medizinische Schichtendurchleuchtung des weiblichen Körpers, als sie selbst schwer erkrankt, ihres eigenen geschwächten Organismus. 1939 in Hollywood geboren, schließt sie sich als junge Frau Ende der 60er Jahre in San Francisco einer Gruppe von Feministinnen an und hört zum ersten Mal eine Frau sagen: Ich bin mit einer Frau zusammen. Erstaunt stellt sie fest, dass das etwas mit ihr zu tun hat. Im damals erzkonservativen Amerika gibt es lesbische Frauen praktisch nicht. Hammer aber macht genau dieses gesellschaftliche Tabu zu ihrem Thema als Filmemacherin: nah dran an den Frauen, in der Totale.

Mit ihrem bis heute 80 Filme umspannenden Lebenswerk wurde sie zu einem Meilenstein der feministischen und Queer-Kinogeschichte. Mitte der 80er Jahre zieht sie nach New York, macht Filme, explizit auch über Masturbation und Menstruation. „Sie ist eine kämpferische Person“, beschreibt Galerist Alexander Koch die Künstlerin, „eher ein Löwe, der sich gegen diesen alles beherrschenden heterosexuellen Hollywoodbetrieb richtet – und es artikuliert: Wir müssen uns Frauen eine Stimme geben.“

Danse Macabre mit Skeletten

Mit dieser Ausstellung, von der Galerie mit der Künstlerin gestaltet und mit „Dignity“(Würde) betitelt, wird Hammer aus der Kinowelt hinein in die Kunstwelt geholt. Ihre Filme liefen bisher auf Festivals oder im Filmprogramm der Tate Modern in London. 2012 erhielt sie den Teddy-Preis der Berlinale. Im nackten hohen Betonambiente der KOW-Räume im Brandlhuber-Bau aber kann Hammers Filmwerk nun seine subtile Wucht neu entfalten, mit eben jener überwältigenden Arbeit „Sanctus“ im Zentrum: Kathedralenhaft pulsieren Röntgenbilder in Großprojektionen über die aus dem Kellergeschoss über zwei Etagen hochstrebende, leicht gold schimmernde Wand.

In einem wahren Danse Macabre weiblicher Skelette wird das Leben wie ein Totentanz vorgeführt, weihevoll sakral. In diesem Werk von 1990 verwendet Barbara Hammer Röntgenfilmaufnahmen eines Dr. Watson, der, in den 50er Jahren mit Film experimentierend, Körper in Bewegungen meist von Frauen bis in ihre Tiefen visuell und medizintechnisch durchleuchtete.

Watsons Archivmaterial kopierte Hammer um, beschnitt und bemalte, überblendete und verätzte es. Als sinnliche Parallelebene unterlegte sie das kinetische Spektakel mit der computergenerierten Messe „Sanctus“, die sie eigens bei dem Komponisten Neil B. Rolnick in Auftrag gab. Mal zeigt sie die Szenerien als bedrohlich, mal überhöht sie, indem sie ihnen Sinnlichkeit, ja Erotik einhaucht.

Sie animiert, beseelt im besten Wortsinn. Denn ihr geht es um nicht weniger als um Heiligsprechung. Ein Werk, das unter die Haut geht.

Galerie KOW, Brunnenstraße 9 ( Mitte). Mi–So 12–18 Uhr. Bis 14. April.

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