Stadtentwicklung

Ganz neu nachdenken über Form und Funktion

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Richard Sennett setzt sein Engagement für die offene Stadt mit einem leise-beharrlichen Auftritt in Berlin fort.

Der 1943 geborene, in London und New York lehrende und lebende Soziologe und Historiker Richard Sennett war jetzt im Berliner Haus der Kulturen der Welt und stellte dort sein neues, im Hanser Verlag erschienenes Buch vor: „Die offene Stadt – Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“. Anschließend diskutierte er mit Francesca Bria – sie versucht nach Erfahrungen in Rom jetzt in Barcelona das Konzept einer „Offenen Stadt“ zu fördern – und Andrej Holm, seit Februar 2017 Stadtentwicklungsberater der Berliner Senatsverwaltung. Die Veranstaltung hatte den Titel „Der Kampf um die Stadt“. Der mehr als tausend Besucher fassende Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Vorraum folgten weitere dreihundert Menschen Sennetts Ausführungen und der Debatte.

Sennett sprach leise, langsam, manchmal fast stotternd. Ein freundlicher, zurückhaltender Herr, dessen altrosafarbene Schuhe den Hautton seiner Glatze wiederholen. Er war schnell beim Thema. Eine offene Stadt muss erstritten werden. Immer wieder. Oft gegen ihre Anwohner. Die neigen dazu, ihre Kieze, ihre Communities geschlossen zu halten. Sich abzusetzen von den anderen ist eines der wichtigsten Ziele vieler „Bürgerinitiativen“. Ihnen geht es oft gar zu sehr um Bestandssicherung. Der offenen Stadt geht es genau darum nicht. Sennett ist sehr für Bürgerbeteiligungen im Planungsprozess, aber seine fünfzigjährige Erfahrung hat ihn gelehrt, in ihnen kein Allheilmittel zu sehen und schon gar nicht eine Garantie für die Schaffung einer offenen Stadt.

Was ist eine offene Stadt? Es ist eine Stadt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichster gesellschaftlicher Stellung sich zufällig begegnen können. Sennett erzählte vom Nehru Place Market im Süden Neu Delhis. Hindus, Moslems, Sikhs. Hier gibt es Computergeschäfte und Händler, die auf dem Straßenboden ihre Waren auslegen. Hier wird alles angeboten: Legales und Illegales. Die neuesten Smartphones und die Raubkopien davon. Sennett grinste, als er das sagte. Die offene Stadt bietet keine hundertprozentige Sicherheit gegen Kriminalität. Aber der Nehru Place Market ist der sicherste Ort in der Stadt.

Zur offenen Stadt gehört auch eine offene Architektur. Sennett machte das deutlich an einem dreißig Jahre alten Wohnviertel in Peking. Es sieht von weitem aus wie die Häuser in Berlin-Marzahn, eine sozialistische Großwohnsiedlung. „Prima Wohnungen, sauberes Wasser, funktionierende Elektrizität. Aber die Wohnungen waren gebaut worden, als noch die Ein-Kind-Familie Pflicht war. Jetzt sind zu viele Chinesen in meinem Alter“, grinste Sennett, „und China braucht junge Leute, um die Alten zu ernähren.“

Diese riesigen Anlagen sind irreparabel. Sie müssen beseitigt und durch neue Wohnungen ersetzt werden, in denen Raum ist auch für größere Familien. Die Baustruktur müsse flexibler werden. „Ich hasse das Wort flexibel. Weil es immer heißt, die Menschen müssten flexibler werden. Es muss so gebaut werden, dass die Menschen mehr Freiraum, mehr Wahlmöglichkeiten haben.“ Sennett machte eine Pause. Dachte nach, dann sagte er, als spreche er jedem Einzelnen seiner Zuhörer ins Gewissen: „Wir haben gelernt, die Form müsse der Funktion dienen. Die Wahrheit ist aber: Je besser die Form zur Funktion passt, desto rigider wird das System.“

Passen Form und Funktion zu gut zu einander, bestärken sie sich gegenseitig, betonieren den Ist-Zustand. Wir neigen dazu, das Konkrete zu loben und Verallgemeinerungen zu kritisieren. Richard Sennett aber führte uns an diesem Abend vor, dass Denken ein Prozess ist, in dem das eine das andere erhellt. Das konkrete Pekinger Marzahn verstehen wir besser, wenn wir angesichts seiner nachdenken über Form und Funktion.

Ganz Ähnliches passierte in der anschließenden Diskussion. Francesca Bria erzählte von ihren Anstrengungen in Barcelona, die Stadtplanung in die Hände der Bürger zurückzugeben; Andrej Holm nannte die wirtschaftlichen und politischen Interessen, die in Berlin einer freien Auseinandersetzung um die Herstellung einer offenen Stadt entgegenstehen. Sennett meinte, dass zur Offenheit einer Stadt natürlich die breite öffentliche Debatte über sie gehöre, dass sie aber, um wirklich offen zu sein, nicht beschränkt werden dürfe auf die Realisierung der Wünsche der sie tragenden Gruppen. „Wir brauchen Lust auf Neues. In den USA und in Europa gibt es immer mehr Menschen, die sich verschließen vor dem Neuen, die nicht mehr diskutieren, sondern abschalten wollen. Sie sind nicht mehr interessiert an Partizipation. Sie wollen Verantwortung abgeben. Sie haben Lust auf autoritäre Lösungen.“

Sennett sagte das leise. Er klagte nicht an, er wollte uns hinweisen auf die radikale Veränderung der Lage. Die wir erst einmal wahr- und hinnehmen müssten, um sie ändern zu können.

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