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"Der Fußball ? dickhäutiger Gott"

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Von: Klaus Dermutz

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Eine Firma in China produziert kleine Repliken der WM-Trophäe.
Eine Firma in China produziert kleine Repliken der WM-Trophäe. © rtr

Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Anlass genug für eine gedankliche Lockerungsübung über die Viererkette Tiki-Taka, Politik, Philosophie und Theologie.

Vor dem Spiel. Der Fußball ist nicht nur der Kristallisationspunkt großer Emotionen, für Klaus Theweleit ist er das „Tor zur Welt“. Und man könnte kühn behaupten, der Fußball ist auch ein Modell zur Welterklärung. Ökonomie, Politik, Soziologie und leider auch die Theologie nehmen die Dienste des Fußballs gern an. Wie John Heartfield bereits vor 99 Jahren in einer Collage prophezeite, ist mittlerweile wirklich „Jedermann sein eigner Fußball“. 

1954. Kehren wir zum ersten Stern zurück. Das Wunder von Bern gab den Westdeutschen nicht nur ein neues Selbstbewusstsein, sondern war auch der Auslöser fürs Wirtschaftswunder. Die politische Ökonomie lässt sich anhand der Weltmeisterschaft 1954 begreiflich machen. In seinem Essayband „Ungarn. Vom Roten Stern zur Stephanskrone“ berichtet György Dalos, dass der legendäre Ferenc Puskás auf die Frage, in welcher konditionellen Verfassung die Mannschaft sei, geantwortet haben soll: „Genosse Minister, kleine Kohle – kleines Spiel, große Kohle – großes Spiel.“ Die Niederlage gegen das deutsche Team kam in Ungarn einer Katastrophe gleich. 

Ein gutes Jahr später hatte ein DFB-Länderspiel großen Anteil an der Verbesserung der Beziehung zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. Die Begegnung zog, wie in der von Thomas Grimm herausgegebenen Studie „Der Kracher von Moskau“ nachzulesen ist, Kreise weit in die Politik hinein. Fritz Walter und seine Mannen wurden zum Training am Kleinen Wannsee zusammengezogen, der Flug ging von Schönefeld ab. Torwart Fritz Herkenrath durfte sich im Cockpit umsehen und bemerkte, dass die Piloten rauchten und fragte sie besorgt, ob Rauchen bei Start und Landung nicht verboten sei? Der Flugkapitän antwortete: „Russisches Maschin stürzt nicht ab.“

 Die Herberger-Elf spielte am 21. August 1955 vor 80 000 Zuschauern im Dynamo-Stadion, 1500 waren aus der BRD und DDR nach Moskau gereist. Im Tor des Gegners stand kein Geringerer als Lew Jaschin, die Spinne. Das Spiel endete mit einem 3:2-Sieg der Sbornaja. Drei Wochen später reiste Konrad Adenauer nach Moskau und erreichte, dass die letzten Kriegsgefangenen heimkehren konnten. Die „Heimkehr der 10 000“ wurde in einer Umfrage nach Adenauers Tod als seine größte politische Leistung gesehen. 

Hat der Fußball die Kraft verloren, ein ganzes Land in eine Krise zu stürzen? Wohl kaum! Bei der WM 1986 haben Kriegsveteranen Diego Maradona mit Briefen und Telegrammen aufgefordert, die Niederlage im Falkland-Krieg zu rächen, den Ball wie eine Rakete ins Tor der Engländer zu feuern. Und hat die 1:7-Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft Brasilien 2014 nicht in eine noch größere politische Krise getrieben? 

Was für eine Überraschung und – für manche Fans sogar die Verlockung – könnte das WM-Turnier in Russland bereithalten: Deutsche Fans feiern ihre „Mannschaft“ als Weltmeister in Moskau. Merkel triumphiert im Luschniki-Stadion über den Sportheroen Putin sowie über dessen Mitspieler, den ehemaligen Fußballer, das politische Raubein Recep Erdogan, Trauzeuge von Arda Turan. Der türkische Nationalspieler war letzte Saison auf Leihbasis vom FC Barcelona zu Istanbul Basaksehir gewechselt und gilt als strammer Gefolgsmann von Erdogan. Im Vorfeld der Endrunde musste die Allianz von Merkel, Steinmeier und Löw zwei Spielern helfen, ihren Londoner Propaganda-Auftritt für Erdogan auf den kleinsten Nenner einer zwischen zwei Nationen zerrissenen Seele zu bringen. Die in einem Faustisches Drama gefangenen Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan erhielten einen politischen Crashkurs, damit sie nicht noch einmal vor Erdogan einen Diener machen. Einige Kommentatoren betonten, dass Gündogan beim Treffen einen Oberlippenbart wie der von ihm verehrte Präsident hatte. Eine erstaunliche Entwicklung für den als von „Pep“ Guardiola als intelligent gepriesenen Kurzpassspieler – jedoch nicht als weitsichtigen homo politicus.

Der Trainer Guardiola ist ein Zerrissener. In der Coaching-Zone von Manchester City überwacht der katalanische Derwisch nicht nur mit exzentrischer Selbstperformance die maximale Entfaltung seines Dominanz-Fußballs, sondern forciert mit der gelben Schleife am Revers auch die katalanische Offensive – wie es scheint gegen einen übermächtigen Gegner. Guardiola ties a yellow ribbon round his mind. Wahrscheinlich ist in der belastenden Sehnsucht nach regionaler Verwurzelung und internationaler Blüte – einem Double bind von globalem Pressing und lokaler Politik, think local, kick global – der Grund dafür zu suchen, dass Guardiola seit 2011 kein Endspiel der Champions League mehr erreicht hat. 

Der weitblickende Norbert Elias hat seine Prozess- und Figurationssoziologie immer wieder mit den sich von Sekunde zu Sekunde wandelnden Formationen eines Fußballspiels verglichen. Ist der Prozess der Zivilisation nicht ein einziges, über Jahrhunderte gestrecktes Fußballspiel? In seinem Essay „Der Fußballsport im Prozess der Zivilisation“ schreibt Norbert Elias über die „kontrollierte Spannungsbalance“ und über den Wunsch zu entspannen, wenn die Arbeit getan ist. Wir brauchen zur Entspannung eine Spannung: „Spannung und Entspannung ist ein – gewiss ein besonders gelungenes – Beispiel für ein psychosoziales Muster unseres Lebens, das, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, als Antwort auf ein sehr elementares menschliches Bedürfnis verdient, ernst genommen zu werden. Ich habe damit ein Problem unserer Freizeitbeschäftigung und Freizeiterfüllung aufgeworfen, das mir sehr am Herzen liegt. Es wäre schön, wenn es mehr Beachtung fände. Die Freizeitbeschäftigungen der Industriegesellschaften, ob es sich um Konzerte oder Fußballspiele, um Schauspiele oder Jazz handelt, entsprechen offenbar einem mächtigen Bedürfnis. Ich bin nicht sicher, dass wir Freizeitbedürfnisse, wie sie etwa auch bei der Anteilnahme am Fußballspiel zum Ausdruck kommen, so wie sie das verdienen, schon wirklich verstehen.“

13. Juli 2014, das WM-Finale geht in die Verlängerung. Der niveasierte Trainer Löw wechselt im Maracana Mario Götze ein, sagt ihm an der Außenlinie, er möge zeigen, dass er besser als Messi sei. Und dem phantasievollen Spieler gelingt in der 113. Minute das Siegestor, das dem DFB den vierten Titel beschert. Der Dichter Giovanni Orelli hat in seinem Buch „Walaceks Traum“ beschrieben, was geschehen muss, damit sich ein mystischer Moment ereigne. Orelli bedient sich für die Erläuterung dieses Geschehens der Überlegungen des Jesuiten Jean-Pierre de Caussade (1675-1751), der bei rational nicht zu fassenden Momenten vom Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks spricht. Orelli folgt dieser Maxime: „Dort, wenn die Flanke kommt, müssen Kraft und Gnade sich verbinden. Was die Gnade in diesem Zustand der Einfachheit dort bewirkt, sagt ein großer Techniker (de Caussade), ist stets Quelle des Staunens für die scharfen Blicke und die aufgeklärten Geister. Es gibt keine Regeln, doch nichts ist geordneter; es gibt kein Maß, doch nichts ist präziser; es gibt keine Überlegung, doch nichts ist geplanter; es gibt keine Anstrengung, doch nichts ist wirksamer; es gibt keine Vorhersage, dennoch könnte nichts besser zu den Ereignissen passen, die eintreten.“ 

Das WM-Endspiel 2014 ließe sich auch mit einer siebenfachen Alliteration zusammenfassen – als Entsprechung zum siebten Himmel, in den die deutschen Fans beim vierten Stern gerieten: Maximaler Mario, minimaler Messi – midst maravilhosa Maracana. 

Die Fußballer sind Götter auf Zeit, und als solche verdienen sie unsere uneingeschränkte Verehrung. Ist die Sympathie, das Mit-Leiden mit einer Mannschaft, nicht eine zutiefst christliche Tugend? Die Kommentatoren Didi Hamann, Oliver Kahn und Lothar Matthäus lassen sie bei der Reflexion von Loris Karius’ Fehlern im Champions League-Finale in Kiew so schmerzlich vermissen, dass man sich fragt, ob die Grenzen ihres Mitleids auch die ihrer Vernunft sind?

Hamann sah bei Karius’ tränenreicher Bitte um „Absolution“ vor den Liverpool-Fans ein „Star-Gehabe“. Vermutlich steckt dahinter die nicht uneigennützige Überlegung, mit einer Kritik am „Star-Gehabe“ werde man selbst zum Star erhoben. Tritt uns hier nicht ein Pferd, das mit einem Fehlpass im WM-Finale 2002 ein Tor der Brasilianer einleitete? Haman hat sich wie Lodarmaddäus im Trainergewerbe versucht – ebenso erfolglos. Im Juli 2011 heuerte Hamann beim Fünftligisten Stockport County an, trat aber nach einem halben Jahr von dieser internationalen Bühne ab, weil er nach eigenen Worten nicht genügend finanzielle Unterstützung für sein Team erhalten habe. Oh Lord, wodurch kommt Hamanns Überheblichkeit 2018 auf uns hernieder? – Because his head is up in the Sky. 

Die Gottesfürchtigen und die Marienverehrer: Lionel Messi, La Pulga, der eleganteste Floh im Zirkus, hat sich auf dem Oberarm einen Christus mit der Dornenkrone und einen Rosenkranz tätowieren lassen, damit ihm in den Stadien der Welt der Allerhöchste und seine Mutter Maria beistehen. Dafür bekreuzigt er sich nach jedem Tor und blickt in den Himmel, wo der Argentinier seine Großmutter sieht. Auch Sergio Ramos, brutaler Verteidiger und gelb-roter Sünder (über 20 Rote und über 160 Gelbe Karten zählen zu seinem Aktivbestand) trägt auf dem Oberarm ein Bild der Muttergottes. Und breitete nicht Maria tatsächlich im Champions League Finale 2018 nicht ihren Mantel über Ramos aus, als er Mo Salah im Stile eines Ringers zu Boden zog, sich auf die Schulter des „ägyptischen Königs“ fallen ließ und für dieses Foul weder Gelb noch Rot sah. Auch als Ramos am Beginn der zweiten Halbzeit Liverpool-Torwart Loris Karius den Ellbogen ins Gesicht rammte und damit den Liverpool-Torwart aus der Bahn warf, sah der Schiedsrichter großzügig weg. Der bekennende Katholik Ramos hat sich in Kiew als Nachfolger der Conquistadoren präsentiert und seine grausame Mission erfüllt. 

Ins Bewusstsein eines jeden Fußballfans prägt sich früh die unauslöschbare Gewissheit von der metaphysischen Unzulänglichkeit des Lebens ein. Aus keinem anderen Grund hat Neymar Jr. sich in unmittelbarer Nähe der Halsschlagader die Maxime „Tudo passa...“ (Alles vergeht...) stechen lassen. 

Kurz vor Schluss: Vor über 100 Jahren hat der große Ossip Mandelstam im Gedicht „Fußball“ in die dunkle Zukunft dieses Sports geblickt und die absurd hohen Transfers, politische Skandale und eine grausame Kommerzialisierung vorausgeahnt und dennoch den Fußball auf eine Ebene mit dem Allerhöchsten gestellt: „Entstellt, entehrt, in trübem Lichte:/ Der Fußball – dickhäutiger Gott.“ 

Der Autor wurde 1960 im österreichischen Judenburg geboren. Er ist Verfasser von Theaterbüchern über Tadeusz Kantor, Christoph Marthaler, Peter Zadek, Gert Voss, Andrea Breth sowie das Burgtheater 1955-2005. Sein erstes Buch widmete er der Karriere des österreichischen Weltklassefußballers und -trainers Ernst Happel, sein bisher letztes dem katalanischen Weltklassemann Pep Guardiola. 

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