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Gute Zahlen, aber die Nerven liegen blank. Ein Arbeitstag bei Next Generation Invest. 

Schauspiel Frankfurt

Da funkeln die Diamanten

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„Alles was zählt“, ein minutengenauer Liederabend in den Frankfurter Kammerspielen.

Manchmal wirkt das Schicksal unerwartet produktiv an einer Inszenierung mit. Vor der Premiere des Liederabends am Schauspiel Frankfurt verletzte sich Eva Bühnen, die zum Ensemble des diesjährigen Studiojahrs der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gehört, so schwer, dass sie sich vorübergehend nur mit Rollstuhl bewegen kann. Ihr gelingt das auf der Bühne mit so viel Geschick, dass sie dem Gesamtwerk eine zusätzliche Dimension hinzufügt. Inmitten einer Welt, in der es um Geld, Karriere und „Alles was zählt“ geht, gehört sie ganz selbstverständlich mit zum Team.

Minutengenau folgt die Inszenierung (Regie: Michael Lohmann, Musikalische Leitung: Günter Lehr) dem Arbeitstag des Investmentunternehmens „Next Generation Invest“. Nur wer gut lernt, hat hier eine Chance. Der Arbeitsraum (Bühne: Martin Holzhauer) wirkt entsprechend wie ein Klassenraum. Eine Uhr über den Schreibtischen zeigt zu Beginn fünf vor acht. In diese trocken anmutende Atmosphäre haben die sieben zum Kooperationsprojekt zwischen Schauspiel und HfMDK gehörenden Studierenden eine vitale, spannungsreiche Geschichte eingefügt (Dramaturgie: Ursula Thinnes), die über klug kombinierte Liedsequenzen erzählt wird.

Nach und nach trudelt das Mitarbeiterteam bei NGI ein. Schon in den ersten Minuten lässt die prägnante Aufstellung ahnen, wer hier den Ton angeben will. Leonie (Julia Staufer) ist die Neue, Klaus (Andreas Gießer) der Dienstälteste, er hat leuchtend blaues Haar (Kostüme: Martina Suchanek) und die größte Tastatur auf seinem Tisch. „Brother, can you spare a dime“ singt Lina (Eva Bühnen), die zunächst im Putzfrauenkittel um die Tische rollt. Niemand ist hier schon am Ziel seiner Träume. Die aber reichen hoch hinaus. Auf einer Leinwand funkeln im Hintergrund die Diamanten, während Judith (Katharina Kurschat) mit starker Präsenz vom „Million Dollar Man“ (Lana Del Rey) träumt. Die Euphorie der Aufsteigerhoffnungen bricht jedoch immer wieder ein. Fabian (Julian B. Melcher) verstolpert seinen Einstieg, Dollarscheine fliegen über den Boden.

Den stärksten Auftritt hat Emma (Laura Teiwes), die anfangs unscheinbar hinten sitzt und sich massenhaft Post-it-Zettel auf Tisch und Körper klebte. Jetzt tritt sie mit hoch aufgebauten roten Haaren hervor und nimmt in der Mitte auf dem größten Bürostuhl Platz. Es folgt Schunkelmusik, selbst die Tabellensäulen der Börsengrafik schaukeln mit. Max (David Campling) singt zur Gitarre „What Do You Do For Money Honey“ (AC/DC), wirft sich zu Boden und gewinnt das Vorsingen. Emma hebt den Daumen, und Leonie fragt singend: Sind wir denn nie „Schön genug“ (Lina Maly)?

Bis zum Arbeitsende wachsen die Zweifel an dem, was zählt. Statt Hierarchie herrscht Anarchie. Doch am Ende kehrt man zur alten Ordnung zurück. Fabian – immerhin – sitzt nun mit am Tisch.

Schauspiel Frankfurt,Kammerspiele: 18., 31. März. www.schauspielfrankfurt.de

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