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Auf der historischen Seidenstraße, hier in der Nähe des Jiayuguan-Passes mit dem ersten Übergang am Westende der Chinesischen Mauer.

Seidenstraße

Fünf Züge fahren ab. Einer kommt zurück

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Die Neue Seidenstraße ist das größte Bauprojekt in der Geschichte der Menschheit. Ihr Bau wird die Verhältnisse in Eurasien ändern.

Am 23. Juli kam ein chinesischer Lastzug im Hafen von Rotterdam an. Er brachte Bohnen aus China und lud Kaffee für China. Seit November 2014 verkehrt der YXE-Güterzug zwischen dem chinesischen Yiwu und dem spanischen Madrid. Die Neue Seidenstraße ist ein riesige Projekt. Sie ist aber auch bereits Realität. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, was China vorhat. Da sind die verschiedenen Strecken über den Kontinent Eurasien, und da ist die Verbindung vom Chinesischen Meer über den Indischen Ozean, den Suezkanal ins Mittelmeer. Alle diese Strecken werden bereits befahren. Worum geht es also bei dem Projekt der Neuen Seidenstraße?

Im September 2013 hielt der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping in Kasachstan eine Rede. Er erinnerte an die alte Seidenstraße, die jahrhundertelang China mit dem Westen verband und dabei half, Zentralasien zu einer der ökonomisch fruchtbarsten Weltgegenden zu machen. Genau das erstrebe China mit seiner Initiative für eine Neue Seidenstraße. Völker und Staaten von China bis Europa sollten schneller und enger zusammenarbeiten. Alles natürlich zum gegenseitigen Nutzen und für den Frieden.

Die Karte zeigt nur die geplanten Hauptverbindungen. Es fehlen die Eisenbahnverbindungen durch Russland im Norden und die Straßen- und Eisenbahnstrecken, die im Süden die Neue Seidenstraße mit Pakistan, Afghanistan und Indien verbinden sollen. Auf all diesen Abschnitten wird bereits gearbeitet. Auch die Seekarte gibt sich, trotz des Abstechers nach Nairobi im Innern Kenias, bescheiden. Denn natürlich geht es China bei seinem Vorhaben ganz wesentlich auch um einen direkten Zugang zum Persischen Golf und dem dort geförderten Öl.

Auf der Karte ist auch nicht zu sehen, was das Projekt in den Augen mancher Beobachter besonders interessant macht: die Gründung einer Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB). Sie wird den Bau von Infrastrukturmaßnahmen entlang der Routen der Neuen Seidenstraßen finanzieren helfen. Der Bank gehören inzwischen mit unterschiedlichem Status 57 Länder von Aserbaidschan bis Vietnam – darunter auch die Bundesrepublik – an. Inzwischen stehen noch mehr Staaten Schlange, um in der einen oder anderen Form Mitglieder zu werden. Die USA und Japan sprachen sich gegen die Einrichtung der AIIB aus. Sie wollen nicht dabei helfen, eine Konkurrenz zur Weltbank aufzubauen. Die Konstruktion der AIIB sieht so aus, dass China stets 25 Prozent der Einlagen halten soll. Wenn es also nach dem Prinzip geht, wer zahlt, bestimmt, wird China stets das Sagen haben.

Der Blick zurück

Es lohnt sich, einen kurzen Blick zurück zu werfen. Im Jahre 2011 hatte die US-amerikanische Außenministerin Hillary Clinton das Projekt einer Neuen Seidenstraße ins Spiel gebracht. Sie stellte sich vor, Indien hineinzuziehen in die Lösung des Afghanistankonflikts und wedelte darum ein wenig mit dem Lockstoff „Seidenstraße“.

Als die USA diesen Reden nichts folgen ließen, sah keine der Parteien einen Grund, sich weitergehend zu engagieren. Schon ein paar Jahre zuvor hatten Beobachter, darunter der ehemalige Chief China Economist der Royal Bank of Scotland, Ben Simpfendorfer, darauf hingewiesen, dass der durch den chinesischen Energiebedarf noch einmal kräftig in die Höhe geschossene Reichtum der arabischen Ölstaaten, diese zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China anstachele.

Es gab damals, so Ben Simpfendorfer in seinem 2009 erschienenen Buch „The New Silk Road – How a rising Arab World is turning away from the West and rediscovering China“, keinen großen strategischen Plan, sondern die Vorstellung, einzelne Verbindungen und Initiativen zusammenzubringen, um langsam ein Netz aufzubauen, in dem – so die arabischen Protagonisten dieser Entwicklung – die arabischen Staaten endlich eine politische Rolle spielen sollten, die ihrer wirtschaftlichen entsprach.

Der Blick nach vorn

Wer heute auf die chinesischen Pläne schaut, der muss sich vor Augen halten, dass die Chinesen sich jetzt an etwas versuchen, das weder die arabischen Staaten noch die USA zu leisten sich imstande sahen. Der Hinweis auf die alte Seidenstraße führt auch in die Irre. Sie war nicht das Resultat einer chinesischen Anstrengung, sondern das Produkt eines Zusammenspiels von vielen Akteuren. Sie schloss auch Kriege zwischen ihnen keineswegs aus. China hat etwas vor, das es noch niemals gegeben hat: Welthandelswege unter chinesischer Kontrolle.

Ahmed Rashid, der in Lahore lebende Journalist, der wohl beste Kenner der Entwicklungen in Pakistan und Afghanistan, hat beim Internationalen Literaturfestival in Berlin betont, dass die Chinesen noch nie viel Geschick beim Umgang mit „Fremdvölkern“ gezeigt haben, dass sie mit den muslimischen Uiguren in ihrer westlichen Provinz Sinkiang größte Probleme haben, dass sie gerade dabei sind, sich in den zentralasiatischen Staaten durch gewaltige Landkäufe neue Feinde zu schaffen.

Dennoch beschwor Ahmed Rashid die Besucher seiner Veranstaltung: „Die Neue Seidenstraße ist die letzte Hoffnung Zentralasiens. Wenn die Chinesen scheitern, wird Eurasien im Chaos versinken.“ Es war ein ergreifender Moment, gerade, weil kaum zu erkennen ist, warum ausgerechnet China glücken soll, was in den vergangenen Jahrzehnten weder Russland noch den USA gelang: der wirtschaftliche Aufstieg und die Befriedung Zentralasiens. Wenn ein so nüchterner Beobachter wie Ahmed Rashid all seine Hoffnung ausgerechnet auf China setzt, dann bekommt man eine Ahnung davon, für wie verfahren er die Lage ansieht.

1991 hatte sich die Sowjetunion aufgelöst. Damit waren die zentralasiatischen Staaten in die Freiheit entlassen worden. Eine Freiheit für gewalttätige und größenwahnsinnige Diktatoren. Die USA arbeiteten, solange die gegen die muslimischen Terroristen standen, mit ihnen zusammen. Statt mit den Teilen der Bevölkerung, die ihre meist an Bodenschätzen reichen Länder voranbringen wollten. Seit 2014 haben die USA ihre Präsenz in Afghanistan gewaltig reduziert. Man hört nichts über ein verstärktes Engagement in Zentralasien.

China ist mit dem Konzept der Neuen Seidenstraße in diese Lücke gesprungen. China plant ein integriertes System von Zehntausende von Kilometern langen Straßen- und Eisenbahnverbindungen, von Öl-und Gas-Pipelines, von elektrischen und Internetverbindungen. China investiert also, so kann man zurzeit sagen, in Wirtschaft und Entwicklung statt in den Aufbau einer Militärpräsenz. Freilich fragt man sich, ob nicht jeder diesen neuen Verkehrswege auch ein Angriffsziel für Terroristen aller Art und für jeden, der sich und seinen Clan bereichern möchte, sein wird. Lässt sich das alles ausgerechnet in diesen Weltgegenden mit zivilen Mitteln verteidigen.

China-Experten wie Tom Miller, Analyst bei Gavekal Dragonomics – zitiert nach einem Beitrag von Ruth Kirchner im Deutschlandfunk –, blicken auch auf die andere Seite und sehen in der Neuen Seidenstraße auch so etwas wie die letzte Hoffnung eines sich in einer höchst prekären Lage befindlichen China. Er erklärt: „Wie wir wissen, verlangsamt sich das Wachstum in China. Es gibt gewaltige Überkapazitäten in diversen Branchen – etwa bei Zement, Stahl, Werften und Eisenbahnzügen.

China ist sehr erpicht darauf, Wege zu finden, all dies zu exportieren und neue Märkte für diese Unternehmen zu finden.“ China plante, dafür bis 2015 in aller Welt rund 1,2 Billionen Dollar zu investieren. Die Seidenstraßen sind davon nur ein – wenn auch großer – Teil.

Im selben Rundfunkbeitrag weckt uns aus den Zukunftsträumen von einer Neuen Seidenstraße der Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke; er ist auch Vizepräsident und Hauptrepräsentant von BASF in China. Er erinnert uns an die Gegenwart: „Momentan haben wir die Situation, dass aus dem Südwesten Chinas fünf Züge nach Duisburg gehen und einer zurückkommt. Man fragt sich: Wo bleiben die anderen vier? Die gehen per Schiff zurück. Das zeigt schon das Problem. Die Route ist nicht besonders profitabel. Das ist einfach noch eine One-Way-Street. China kann dem abhelfen, indem es den Markt mehr öffnet und mehr Produkte aus Europa bezieht.“ Davon ist bei den Planungen um die Neue Seidenstraße derzeit wenig die Rede.

Aber die Karte, die Gründung einer internationalen Bank, die Einrichtung eines Fonds und die zahlreichen Aktivitäten an weit voneinander entfernten Orten, nähren die Fantasie. Sie zeigen, dass nicht nur vom Pentagon aus global gehandelt, von Think Tanks in Washington aus global gedacht wird, sondern dass auch China sich als globaler Akteur versteht und sich zu positionieren beginnt.

Das kann einem Angst machen. Jedenfalls trägt es zur Komplizierung der Weltlage bei. Aber es ruft auch in Erinnerung, dass über viele, viele Jahrhunderte lang von Zentralasien aus bestimmt wurde, was an der Peripherie, was also in Europa und China, geschah. Die Welt wird durcheinandergeruckelt, und niemand weiß, ob die einzelnen Steine nicht wieder in ganz alte Stellungen fallen werden, als Zentralasien das Land der 1000 Städte war.

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