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Ballett

Aus der Fülle des Lebens

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Das Hessische Staatsballett tanzt eine Choreografie des großen Ohad Naharin.

So schnell gibt das Wiesbadener Publikum nicht auf. Aber es ist, bis die Leute dann doch aufstehen und gehen, immer nur „Ende“ an der Wand zu lesen und keiner der Mitwirkenden zeigt sich, um sich zu verbeugen. Es ist die letzte Irritation an einem Abend der Irritationen. Keineswegs ist der israelische Choreograf Ohad Naharin, Jahrgang 1952, im Rhein-Main-Gebiet ein Unbekannter, früh gastierte er mit seiner Company Batsheva hier, aber immer noch lässt er sich nicht festlegen auf einen Stil, eine bestimmte Art von Stück. Er kann krass provozieren, aber er versteht auch zart zu irritieren. So in „Sadeh21“, einer Arbeit, die 2011 uraufgeführt wurde und die nun erstmals eine fremde, eine andere Company als Bathseva tanzt. Ein schöner Coup des Staatsballetts. 

„Sadeh“ heißt hebräisch „Feld“, es sind sehr nuancierte Gefühlsfelder, die hier beackert werden. Und schon ihre Benennung ist rätselhaft: „Sadeh1“ (die „Kapitel“ jeweils auf die Rückwand projiziert) sind Soli, aber „Sadeh2“ erstmal auch, außer dass der abgehende Tänzer ganz kurz zusammen mit dem nächsten auftretenden auf der Bühne ist. Dann erscheint irgendwann „Sadeh7-18“ und dauert gar nicht lange, jedenfalls nicht wie ein Dutzend Szenen. 

Aber Ohad Naharin versteht nicht nur, mit der Zuschauererwartung und der Dramaturgie Scherzchen zu treiben. Meisterhaft ist seine Fähigkeit, durch nur leichte Verschiebungen und Schattierungen der Bewegungssprache von Gefühlen und Befindlichkeiten zu erzählen. Oder vielmehr: den Zuschauer diese Befindlichkeiten ahnen, spüren, mit-fühlen zu lassen. Wie jeder Choreograf hat auch Naharin seinen Stil – er nennt seine Trainings- und Bewegungsausprobier-Methode „Gaga“ –, aber dieser ist in viele Richtungen offen, lässt offensichtlich viel zu, den klassisch-triumphalen Armschwung wie den kuriosen Stummfilm-Hüpfer, das geschmeidige Hüftwiegen wie die scharfen Kanten. 

Der Bewegungsgrundton in „Sadeh 21“ ist herb, das Bühnenbild (Naharin) besteht nur aus einer beigefarbenen Umrandung, darüber Schwärze. Zwischendurch scheint die Musik – im Mix sind Pachelbel, Brian Eno, David Darling – Süße und Harmonie anzukündigen, aber das ist nie von langer Dauer. Eine Tänzerin hebt, im Rechteck schreitend, zu Darlings wehmütigem „Stones Start Spinning“ nur jeweils die linke, die rechte, die linke usw. Hüfte, was auf fast unschuldige Weise sexy wirkt. Aber dann kommen schon andere hinzu, mit sich selbst und ihrer Getriebenheit beschäftigt. Später stört eine Tänzerin eine elegisch die Arme hebende Männerreihe, indem sie hinter ihnen liegt und Oberschenkel und Kniekehlen hektisch und laut auf den Boden dotzen lässt. Und als die Musik sie übertönt, beginnen die Männer mit lautem, fast besessenem Stampfen. 

In Ohad Naharins Choreografien kann man es sich nicht bequem einrichten. Er beweist uns, dass er Schönheit und Wohlgefallen erzeugen kann – und bricht sie. Frauenstimmen kreischen und kreischen (Ton vermutlich aus dem Lynch-Film „Mulholland Drive“). Der kahlköpfige Ramon John spricht eine quietschige Fantasiesprache. Tänzer in schwarzen Kleidern flattern wie Todesvögel hinter einer Reihe hübsch bunter Tänzerinnen herein (Kostüme: Ariel Cohen). 

Körper zeigen Härte und Zerbrechlichkeit. Entspanntheit und Wut. Furor und Zögern. Die Tänzerinnen und Tänzer, 18 sind es insgesamt für dieses 70-minütige Stück, malen oder hacken ihre Bewegungen buchstäblich in den Raum. Auf Naharins Feldern wächst Komplexität, wächst die Fülle des Lebens. Es passiert einerseits in „Sadeh21“ nicht viel, jedenfalls nichts im Sinne einer Handlung oder Festlegung von Menschentypen, scheint sich andererseits nichts zu wiederholen, auch kaum ein Schritt oder eine bloße Handbewegung. Was wechselt, sind die Stimmungen, Gefühlsfarben. Mal flimmern Aggressivität und Unruhe durch eine Szene. Mal begegnet man sich mit Zutrauen, Zuneigung. Es ist höchst intrikater, technisch anspruchsvoller Tanz, und doch kommt es einem vor wie im richtigen Leben. 

Das für jeden irgendwann zu Ende ist: Tänzerinnen und Tänzer erscheinen nach und nach über der beigen Umrandung, schauen uns einen Augenblick an, kippen in die Schwärze. Und manche springen auch mit beiden Beinen – fast meint man, sie juchzen zu hören – hinein. 

Staatstheater Wiesbaden:  21., 26. Oktober, 16., 21. Dezember.  www.staatstheater-wiesbaden.de 

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