Theater

Die frühe Grenzgängerin

Ingeborg Wolff wechselte lange vor Rimini und Co. zwischen städtischen Bühnen und Off-Theater.

Von STEFAN KEIM

Als Ingeborg Wolff dem Staatstheater Wiesbaden ade sagte, war sie kein junger Hüpfer mehr. Trotzdem wagte sie den Schritt in die Off-Szene, zum Mobilen Rhein-Main-Theater. Nun hatte sie keinen Apparat mehr hinter sich, musste Texte schreiben, die Kostüme nähen und entwerfen, das Auto fahren, alles selbst machen.

Das war Anfang der achtziger Jahre, als die Grenzen zwischen städtischen Bühnen und freier Szene noch nicht so durchlässig waren wie heute. Als es noch keine Kollektive wie Rimini Protokoll gab, die in beiden Systemen zu Hause sind, keine Schauspielerinnen wie Anne Tismer in Berlin oder Lena Schwarz in Bochum, die Herzensangelegenheiten realisieren und sich ihre Produktionsmöglichkeiten selbst schaffen.

Ingeborg Wolff und ihre Kollegen recherchierten auf der Straße, stellten sich morgens bei Tchibo zu den Arbeitslosen, die dort Kaffee tranken und Zeitungen lasen. Sie diskutierten mit ihnen, ließen sich ihre Lebensgeschichten erzählen. "Wir stempeln für Deutschland" hießt das kabarettistische Stück, das dabei heraus kam und quer durch die Republik tourte.

Das Mobile Rhein-Main-Theater spielte nicht nur in Kleintheatern und Kulturzentren, auch auf Demonstrationen und Kongressen. "Du kannst überall Theater spielen", sagt Ingeborg Wolff. "Du musst nur wissen, was du willst."

Sie verkörperte eine Putzfrau, die bei solchen Veranstaltungen den Abfall wegkehrte, die Flugblätter aufsammelte und die Schlagworte neu und schräg zusammen dachte. Diese Rolle hat sie bis heute behalten und immer neu erfunden. In Wuppertal ist ihre "Frau Schröder" Gast bei vielen Empfängen und öffentlichen Anlässen. Die lokalpolitisch gepfefferten Texte schreibt Ingeborg Wolff natürlich selbst.

Sie ist doch wieder am Stadttheater gelandet, an den Wuppertaler Bühnen. Dort spielt sie nun ihre letzte Rolle vor dem Ruhestand, Brechts "Mutter Courage". Das passt zu der Frau mit dem wachen Blick, der stets eine widerspenstige weiße Locke in der Stirn hängt, wie ein Fanal gegen die Gleichförmigkeit von Kurzhaarfrisuren.

Sie hat eine eigenwillige Ausstrahlung auf der Bühne, ob sie nun Mutter Pius in Else Lasker-Schülers "Wupper" oder die mit den Sardinentellern kämpfende Dotty in der Boulevardkomödie "Der nackte Wahnsinn" spielt. Ingeborg Wolff ist keine Schauspielerin, die ins Stammeln gerät, wenn sie keinen vorgegebenen Text hat.

Als junge Frau wusste sie nur eins. Dass sie Schauspielerin werden musste. Ihre Eltern wollten sie ins Büro schicken, als Sekretärin. "Ich war so ein typisches verträumtes Mädchen ohne eigene Meinung", erzählt sie. Und weiß selbst nicht, wieso es sie zum Theater zog. Als sie auf der Realschule sitzen blieb, meinten ihre Eltern, sie solle sich nicht so quälen, sie werde ja doch heiraten.

Eine Lehre musste aber sein. Letztens ist ihr der Kaufmannsgehilfenbrief in die Hand gefallen, den sie vor vielen Jahren bestanden hat. Mit Ausreichend, schriftlich wie mündlich, gerade so. "Da muss ich mich irgendwie durchgemogelt haben", grübelt sie. Diese junge Frau, die so anders war, scheint ihr heute fremd zu sein.

Immer wieder kommt das Gespräch auf das eine Jahr in der Off-Szene. "Ich habe damals unglaublich viel gelernt", sagt Ingeborg Wolff. Und warum so schnell wieder aufgehört? "Weil ich völlig fertig war. Ich sah aus wie meine eigene Mutter." Außerdem kam ein Angebot von den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, die damals ein eigenes Ensemble hatten.

Hier konnte die Schauspielerin weiter politisches Theater machen, ohne den dauernden Produktionsdruck der Stadttheater, ein Kind bekommen, eine Familie haben. Sie schrieb und spielte nicht nur, sondern führte auch Regie und arbeitete mit Laien. Auch das lange bevor die "Experten des Alltags" die Profibühnen eroberten. Die Frauentheatergruppe "Die Schnepfen" zog unter ihrer Leitung Zuschauer aus dem ganzen Ruhrgebiet an.

Dann passte das eigene Ensemble nicht mehr ins Konzept der Ruhrfestspiele, und der damalige Intendant Holk Freytag holte Ingeborg Wolff nach Wuppertal. Das Inszenieren hat sie nicht mehr verfolgt, sie wollte Zeit für ihre Tochter haben. Aber weiterhin dachte sie über die städtischen Bühnen hinaus, entwickelte Chansonabende, gab Lesungen, gastierte auch in freien Theatern.

Heute ist das Wuppertaler Ensemble nur noch ein kleiner Haufen. Mit Ingeborg Wolff und ihrem Kollegen Hans Richter gehen in diesen Tagen die beiden letzten Vertreter der "alten Garde" in den Ruhestand. "Nach uns gibt es keine Alten mehr im Ensemble", sagt Ingeborg Wolff. "Niemand ist mehr da, um den Jungen zu helfen, Ihnen zu erklären, wie Theateralltag funktioniert, was für Rechte sie haben." Aber zu der gemeinsamen Arbeit steht sie, auch wenn die Möglichkeiten begrenzt, manche Stücke und Autoren nicht mehr aufführbar sind. "In einem kleinen Ensemble wächst man mehr zusammen."

Brecht hat Wolff durch ihr Theaterleben begleitet. Gerade weil sie sich auch an ihm reiben kann. Die "Mutter Courage" kam ihr beim Lesen etwas zäh vor. Doch Regisseur Robin Telfer habe eine "kurze, knackige Fassung" erarbeitet und will nicht das bekannte Bild der Marketenderin mit dem Planwagen wiederholen. "Ich habe wieder viel gelernt", sagt Ingeborg Wolff: "Ich bin noch nicht fertig mit Brecht." Auch nicht mit den Kabarett- und Chansonabenden, schon gar nicht mit den Lesungen. Bald arbeitet sie wieder frei, die frühe Grenzgängerin zwischen den Theaterstrukturen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion