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Dass hybride Konzepte das Schlechteste aus zwei Welten vereinen wie in der Wired-Überschrift, ist ein üblicher Vorwurf.
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Dass hybride Konzepte das Schlechteste aus zwei Welten vereinen wie in der Wired-Überschrift, ist ein üblicher Vorwurf.

Update

Frosch und Spork

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Hybride Systeme vereinen angeblich das Schlechteste aus zwei Welten. Ist dieser Rufgerechtfertigt?

Ende September verfolgte ich aus der Ferne eine Tagung, die in einem Seminarraum der Uni Essen stattfand. Dort saßen einige der Vortragenden, andere waren über das Videokonferenztool Zoom zugeschaltet. Die im Raum verteilten Mikrofone eigneten sich nicht gut für die Übertragung, so dass das Geschehen vor Ort klang, als würden die Vorträge unter Wasser gehalten. Es gab nur eine Kamera, die manuell auf die jeweils redende Person geschwenkt wurde, wodurch der Umriss dieser Person erahnbar wurde, nicht aber ihr Namensschild. Die Abwesenden hatten ihre eigenen Kameras und Mikrofone und waren daher groß im Bild und leicht zu verstehen. Ihre Namen wurden automatisch angezeigt.

Ich will mich nicht beschweren, das alles war schon ein Fortschritt. Noch vor wenigen Monaten hätte ich entweder nach Essen reisen oder die Tagung ganz verpassen müssen. Aber dass die Zugeschalteten besser zu verstehen waren und anwesender wirkten als die klassisch zur Tagung Angereisten, ließ mich wünschen, dass die Veranstaltung nicht „hybrid“, sondern gleich ganz im Netz stattgefunden hätte.

Dasselbe spielt sich derzeit in der hybriden Lehre an Universitäten ab. Schon wenn man ganz traditionell arbeitet, beansprucht die Kombination aus Inhaltsvermittlung, Zeitmanagement, Veranstaltungstechnik und sozialem Geschehen die Aufmerksamkeit der Lehrenden zu 100 Prozent. Bei einer Hybridveranstaltung kommen alle Aufgaben der Onlinelehre hinzu, ohne dass dafür etwas wegfällt. Und bisher zeichnete sich alles, was mit Internet zu tun hat, in Universitätsgebäuden durch verlässliches Nichtfunktionieren aus. Der Aufwand, die Remote-Veranstaltungstechnik in Gang zu halten, ist daher noch höher als der für Bild und Ton vor Ort.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Wenn eine Hochschule Präsenz- und Onlinelehre nicht zeitgleich, sondern abwechselnd anbietet, erzeugt sie andere Konflikte. Liegt zwischen einem Kurs im Hörsaal und einem im Netz keine längere Pause, dann können die Studierenden nicht nach Hause fahren. Sie brauchen einen Arbeitsplatz mit Internet und einer Steckdose, und solche Plätze waren an Universitäten bisher knapp. Es geht bei Onlinekursen auch nicht um schweigenden Konsum – die Beteiligten müssen sich zu Wort melden und an Gruppenarbeit beteiligen können. Manche Unis stellen dafür Hörsäle zur Verfügung. Ursprünglich sollte die digitale Lehre dazu führen, dass die Studierenden eben nicht gemeinsam im Hörsaal sitzen.

Die Situation erinnert an einen Fall, den der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seinem Buch „Schmutzige Wäsche“ beschreibt: Ein Ehepaar hat auf Anraten des Sohns einen Wäschetrockner gekauft. Der Mann ist wegen der ehelichen Arbeitsteilung und der Betriebskosten gegen den Einsatz des Geräts. Die Frau möchte keinen Ärger und hat daher einen Kompromiss gefunden: Die Wäsche kommt zuerst kurz in den Trockner und wird dann auf die Leine gehängt. Die Lösung wirkt im Rahmen des Systems logisch, auf Außenstehende nicht ganz so überzeugend.

Solche Wäschetrockner sind überall. Im Juli berichtete das Wired-Magazin unter dem Titel „Hybrid Remote Work Offers the Worst of Both Worlds“ über Unternehmen, in denen ein Teil der Angestellten von zu Hause arbeitet. Gemeinsame Räume gleichen unzulängliche Kommunikationsprozesse des Unternehmens aus, indem sie Zufallsbegegnungen und Gespräche an der Kaffeemaschine ermöglichen. Abwesende Teammitglieder werden in solchen Firmen immer Probleme mit dem Informationsfluss haben. Letztlich funktioniert die Zusammenarbeit dort reibungsloser, wo man „remote first“ praktiziert, also alle Unternehmensprozesse auf die Abwesenden abstimmt.

Dass hybride Konzepte das Schlechteste aus zwei Welten vereinen wie in der Wired-Überschrift, ist ein üblicher Vorwurf. Am häufigsten liest man ihn im Zusammenhang mit Autos: Wo ein elektrisches und ein Verbrennersystem verbaut ist, bekommt man auch die Komplikationen und Fehlerursachen beider Systeme. Andererseits dachte ich um 2003 herum genauso über in Handys eingebaute Kameras und hatte damit unrecht. Außerdem besitze ich einen Spork, ein Zwischending aus Löffel und Gabel, der mir schon oft gute Dienste geleistet hat. Auch der Frosch lebt auf dem Land und im Wasser, ohne dass man ihm daraus einen Vorwurf machen könnte. Irgendwie muss es also möglich sein, funktionierende Hybridsysteme von dysfunktionalen zu unterscheiden.

Es ist vielleicht nicht die günstigste Idee, auf hybride Lösungen zu setzen, nur weil man sich nicht entscheiden will, so wie die Evolution beim Frosch oder die Universitätsverwaltung während einer Pandemie. Zum Problem wird die Hybridlösung aber erst dort, wo eine entscheidende Ressource zu knapp ist: Geld, Ausstattung, Räume, Aufmerksamkeit, Personal, Arbeitszeit. Irgendwas wird dann zwangsläufig weggelassen, und es ist wahrscheinlich nicht das, wogegen man sich gemeinsam entschieden hätte. Außerdem sieht man wie jemand mit sehr merkwürdigen Wäschetrocknungsgewohnheiten aus.

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