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„Der Kollaps wird diejenigen noch treffen, die heute jung sind und Kinder haben werden oder bereits haben“, sagt Jens Reich. Greta Thunberg in Washington.

Fridays for Future

Die Wissenschaft soll sich für den Klimaschutz engagieren

Wenn wir den Zusammenbruch unseres Ökosystems verhindern wollen, darf die Wissenschaft die Freitagsdemonstranten nicht allein lassen. Gastbeitrag von Jens Reich. 

Es hat in den trüben Jahren nach dem Mauerbau in der ganzen weiten DDR für mich wahrnehmbar nur zwei Menschen gegeben, die offen und ungeschminkt, unter hohem persönlichen Risiko, gegen das bürokratisch-diktatorische Machtregime aufgetreten sind: Wolf Biermann, als singender Barde des politischen Lieds, und Robert Havemann, der Naturwissenschaftler, Professor für physikalische Chemie und Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Das SED-Regime erkannte klar, dass beider politische Aktivitäten außerordentlich gefährlich für ihren Staat würden, wenn ihnen die Mobilisation der Jugend gelänge. Sie hatten, wie sich später zeigen sollte, Recht mit ihren Befürchtungen.

Die Behörden konnten sich allerdings nicht entschließen, die beiden – so wie sonst stets mit Regimegegnern geschehen – durch Lagerhaft und Zuchthaus zu brechen. Vermutlich waren sie im Westen zu bekannt, und sie genossen wohl auch wegen dessen, was die Nazi-Herrschaft ihnen angetan hatte, einen gewissen Schutz vor dem Äußersten.

Gefährlichste Dissidenten erfolgreich vom Volk isoliert

Stattdessen sorgte der Machtapparat dafür, dass Robert Havemann kaltgestellt wurde, als Professor entlassen und aus der Akademie mit großer Mehrheit ausgeschlossen – bis heute eine Schande für die damaligen Akademiemitglieder, die durchaus ähnlich wie die Mitglieder der Sowjetischen Akademie im Fall von Andrej Sacharow in der Abstimmung gegen den Rauswurf hätten votieren können.

Wolf Biermann berief sich auf die Freiheit des Künstlers, Robert Havemann auf die Verantwortung des Wissenschaftlers. Das waren damals auch meine Themen und ebenso die der Menschen in meiner privaten und beruflichen Umgebung, soweit sie nicht ihrer SED-Karriere verpflichtet waren.

Die beiden Dissidenten konnten zwar gelegentlich auf Antrag ihren Käfig verlassen und Einkäufe und Besuche absolvieren, allerdings stets mehr oder weniger unübersehbar von einem Schwanz aus Stasi-Bewachern begleitet. Sie lebten in einer Art Freigehege, das zu betreten die meisten Sympathisanten wegen befürchteter Konsequenzen für Familie und Beruf nicht wagten.

So wurden die beiden gefährlichsten Dissidenten erfolgreich vom Volk isoliert. Verstärkt wurde die Isolierung auch durch die Tatsache, dass beide zwar scharf gegen das System und die Machthaber polemisierten, dies aber (anders als die Dissidenten in der Sowjetunion wie Alexander Solschenizyn) stets auf der Basis kommunistischer Überzeugung und im den Glauben an die Reformierbarkeit des Systems. Die Isolierung hinderte sie wiederum daran, zu erkennen, dass dieses Volk jeden Glauben an Reformen des Staates mehr oder minder endgültig verloren hatte und sich stattdessen in privaten Nischen einrichtete.

Spätfolge der Nazihaft

Das trifft für die 60er Jahre bis zur Mitte der 70er auch für mich, meine Familie und unsere Freunde zu. Wir kannten Biermann und Havemann allein aus den westlichen Medien. Havemanns Verbannungsort Grünheide war dem Dorf benachbart, wo sich das gemietete Häuschen unserer Mehr-Familien-Wochenend-Kommune befand, das am Eingang das stolze Schild „Summerhill“ auswies. Die Havemann-Leute waren dadurch auf uns aufmerksam geworden. Eines Tages hielt ein Wartburg vor unserem Grundstück, und ein junger Mann und eine junge Frau stiegen aus und sprachen uns an, ob wir nicht zu ihnen, zu Havemanns, zu einer geplanten Abend-Diskussion über moderne Erziehungskonzepte kommen wollten. Einer von uns sagte halb zu und halb ab, wir würden uns gegebenenfalls melden.

Was wir dann nach einer Gruppendiskussion nicht taten. „Da können wir ja gleich den Schlüssel abgeben und den Ausreiseantrag stellen!“, hieß es. Außerdem hätte Havemann in seinen Vorlesungen Studenten, die sich zum christlichen Glauben bekannt hatten, aufs aggressiv Hochnäsigste niedergemacht. (Einen solchen Fall hatte ich auch im Hörsaal miterlebt.)

Ich hatte zudem ein eigenes Motiv, die Einladung in das stets von mehreren Beobachtungslimousinen umgebene Haus in Grünheide nicht anzunehmen, was ich aber den anderen nicht erzählen mochte: Ich war mehrfach zu unangenehmen dienstlichen Befragungen durch das MfS bestellt worden, weil ein Mitarbeiter meiner Forschungsgruppe „illegale Republikflucht“ begangen hatte. Die Stasi setzte mich unter Druck, wieso ich als Gruppenleiter die Absicht nicht mitbekommen und angezeigt hätte, sondern dem Mitarbeiter in dienstlichen Berichten an die Direktion stets staatspolitische Loyalität bescheinigt hätte.

Alle wichtigen Fragen an die Zukunft sind heute global

Trotz dieser Begründungen war mir seither unwohl mit meiner Entscheidung. Immerhin war Robert Havemann unglaublich mutig und hatte Missstände im Staat und insbesondere in der Wissenschaft angeprangert, die auch ich für untragbar hielt. Außerdem war bekannt, dass er, auch als Spätfolge seiner Nazihaft, schwer krank war und auf Solidarität angewiesen.

So habe ich mich damals noch aus pragmatischen Gründen der Verantwortung des Wissenschaftlers zu Wahrheit und kollegialer Solidarität verweigert. Erst Jahre später, nach zahlreichen intensiven Diskussionen im Freundeskreis, insbesondere mit Aktivisten der polnischen Solidarnosc-Bewegung, ist mir bewusst geworden, dass man in Umstände geraten kann, in denen es wichtiger ist, sich politisch zu aktivieren, als weiterhin ruhig seine Wissenschaft zu betreiben. Ich habe seit den frühen 80ern danach gehandelt und habe mit Karriereabbruch bezahlen müssen. Ich frage mich seitdem, ob wir, das schweigende Volk, nicht die DDR-Existenz zehn Jahre oder auch nur fünf Jahre vor 1989 hätten beenden können, wenn wir uns früher zu aktivem Protest entschlossen hätten. Die Polen haben es jedenfalls vorgemacht.

Wie steht es heute – können wir etwas aus unseren Fehlern und Versäumnissen lernen? Wir leben in einer völlig neuen Welt. Ich kann mich als Naturwissenschaftler zu den wichtigen Fragen der Zukunft äußern. Jedenfalls gehe ich kein Risiko ein, verhaftet zu werden. Trotzdem gehört Entschlossenheit dazu.

Wissenschaft soll sich politisch engagieren

Alle wichtigen Fragen an die Zukunft sind heute global (nicht mehr DDR-lokal) konstituiert. Sie lassen sich zusammenbinden in die Diagnose, dass (ich drücke es biologisch aus) Homo sapiens die Trag- und Stressfähigkeit der Biosphäre dieses Planeten gefährlich überlastet.

Jens Reich.

Nunmehr um Jahrzehnte älter geworden, beunruhigt mich immer noch die Frage, ob es nicht für die heute aktive Wissenschaftlergeneration unabweisbar notwendig wird, den Elfenbeinturm zu verlassen und sich politisch zu engagieren. Die Dynamik des hoch-nichtlinearen Gesamtsystems aus biologischen, ökologischen und ökonomisch-industriellen Subsystemen läuft unübersehbar auf einen Kipppunkt zu, hinter dem es keine Rückkehr zum bisherigen Gleichgewicht mehr gibt. Der Zeithorizont beträgt einige Jahrzehnte, äußerstenfalls vielleicht 50 Jahre. Und der Kollaps wird diejenigen noch treffen, die heute jung sind und Kinder haben werden oder bereits haben.

Wir sollten als Naturwissenschaftler die protestierenden Freitags-Schüler nicht allein lassen, sondern ihnen zu sachgerechtem Detailwissen verhelfen. Und es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern vor allem um die dramatische Überstrapazierung des gesamten Planeten: Vermüllung von Land und Ozeanen, Ausbeutung von Grund- und Trinkwasser-Ressourcen sowie Rohstoffen, Intensivlandwirtschaft, Massentierhaltung, Bodenerosion, schwindende Artenvielfalt, Regenwaldabholzung und -brände, polare Eisschmelze und Auftauen von riesigen Permafrostgebieten, Umkippen unverzichtbarer terrestrischer und mariner Ökosysteme wie Tropenwald und Korallenriffe. Das alles zusammen steuert auf einen Notstand zu, den zu bezweifeln nichts mehr mit freiem politischen Meinungsstreit zu tun hat, sondern eine halsstarrige Missachtung der Interessen zukünftiger Generationen darstellt.

Damals wurde mir, wurde uns allen die persönliche Freiheit und die Handlungsfreiheit als Staatsbürger vorenthalten, und es war unsere Verantwortung, um unsere Befreiung zu kämpfen. Sehr viele haben sich lieber befreien lassen. Heute habe ich, haben wir gemeinsam politische Handlungsfreiheit, und es ist unsere Verantwortung, ohne hysterischen Alarm und auch ohne stille Resignation die gefährlich drohende Krise des Planeten darzustellen und Handlungen entwickeln zu helfen, wie man die Gefahr eindämmen kann.

Das habe ich aus meinen Handlungen, meinen Fehlern gelernt. Dieses Mal dürfen wir nicht im Schneckenhaus sitzen bleiben und abwarten, ob und wann die Krise des Planeten nicht mehr beherrschbar sein wird.

Bei Frank Plasberg in der Talkrunde "Hart aber fair" wird auch heftig über das Thema diskutiert. Der Moderator scheint darüber sehr erstaunt.

Jens Reich: Zur Person

Jens Reich, geboren 1939 in Göttingen, aufgewachsen in Halberstadt, ist Molekularbiologe und war Bürgerrechtler in der DDR. Im Berliner Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin hielt er am 9. September den Eröffnungsvortrag für die neue Gesprächsreihe „Breaking Boundaries“. Mit der Veranstaltung wurde an den 30. Jahrestag der Gründung des Neuen Forums erinnert, zu dessen Sprechern Reich gehörte. Nach Reich sprach und sang auf der Veranstaltung Wolf Biermann, der einst schräg gegenüber in der Chausseestraße 131 wohnte. „Du hast viel Mut bei der Beschreibung deiner Feigheit gezeigt“, meinte Biermann zu Reichs Vortrag, aus dem wir Teile abdrucken.

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