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Sie rennen unter einer traurigen Wolke: Gro Swantje Kohlhof (v. l.), Julia Riedler, Sophie Krauss als Räuberinnen.

Theater

Frauenbilder, Männerfantasien

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Premierenwochenende in München: „Lulu“ und „Die Räuberinnen“ dehnen den weiblichen Blick auf Frau und die Welt aus.

Geblieben sind Franz, Karl, Spiegelberg und Amalia: mehr Personal braucht die Regisseurin Leonie Böhm nicht, um aus Schillers „Räubern“ „Die Räuberinnen“ in den Münchner Kammerspielen zu machen. Dazu ein extrem skelettierter Text, ein E-Piano und ein riesiges, rosa-weiß-weiches Etwas, das gelegentlich leuchtet, auf und ab fährt und aus dem es hin und wieder regnet. Eher ein karstiges, mutiertes Kopfkissen als eine dampfende Räuberhöhle: eine traurige Wolke, ein verformtes Herz, das Schutz bietet und keinen Einblick in sein Innerstes gewährt.

Diese Elemente bieten dem grandiosen Frauen-Quartett (Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau und Julia Riedler) Spielraum für ihre anderthalbstündige radikale Befragung des Klassikers, der abgesehen von Amalia, die sich sehnen darf, nur Männergeschichten erzählt. Nicht hier, nicht heute: schonungslos legen, rennen, singen, kotzen, schreien sich die Räuberinnen an und machen aus dem Jugendstil-Haupthaus an der Maximilianstraße eine weibliche Echokammer des Schreckens – aus der am Ende die Selbstbefreiung gelingt.

Konsequent wird in dieser Räubertherapiesitzung nichts nacherzählt. Alles ist schon passiert: Lüge, Verrat, Vernichtung. Nun geht es an den Versuch der spielerischen Ermächtigung aus dem Blickwinkel des Ensembles. Eva Löbau erkundet den Franz Moor in sich, erzählt von ihrem Gesehen-werden-wollen vom eigenen Vater: Der Trekkingsandalen-Fetischist scannt seine Tochter auf Klischeeabweichungen, erkennt ihre Sehnsüchte nicht, nur ihre Schamlippen. Nur ein Witz? Nein. Eva Löbau zittert an diesem Abend wie ihre Kolleginnen – und verzweifelt.

Karl „The Star“ Moor aka Julia Riedler stürzt sich in glänzender, roter Lackhose in Liebes-, dann Lebensdepressionen, hockt lange teilnahmslos am Rand der Bühne. Wie viel Spiegelberg in Kohlhof wohl schimmert? Ihr ärmelloser, waldgrüner Hoodie spielt zart mit dem Räuberimage, durchpflügt in einem langen Ausflug die Publikumsreihen: Statt zu brandschatzen aktiviert sie, stehend auf einem Sitz in Reihe 8, als Fußballstadion-Capo ihre desolate Bande, erinnert sie an Vergangenes, um sie für die Zukunft zu rüsten, eine Zukunft ohne Selbstmord und Mord. Sophie Krauss (from now on known as Amalia von Edelreich) öffnet sich beiden Moor-Brothern mit Hingabe und Abscheu vor dem, was sich Liebe nennt. Allerdings auf ziemlich andere Art als bei Schiller: Sie lenkt die Männer, rauft mit ihnen, hat sie im Griff, von Anfang an recht selbstbewusst in weißer Unterhose mit Eingriff.

Größte Distanz zur Klischee-Lulu: Juliane Köhler (v. l.), Charlotte Schwab, Liliane Amuat.

Es regnet. Es geht dem Ende zu. Die Räuberinnen, nun alle in Unterwäsche, schwören sich gegenseitigen Zusammenhalt. Um dann lachend, splitternackt, sehr lebendig und rasant auf der Wasserlache bis tief in die erste Reihe des Publikums zu schlittern. Mit den Füßen zuerst. Gute Schauspielerinnen kommen nicht nur in den Himmel, sondern überall hin.

Überall? Tags zuvor wurde im Münchner Residenztheater Frank Wedekinds „Lulu“ neu verhandelt. Neu-Intendant Andreas Beck befeuert die Theaterstadt seit diesem Herbst nicht nur mit seinen zahlreichen Übernahmen aus Basel, sondern beginnt Neues. Zwar stehen hier im Marstall drei Frauen auf der Bühne (Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab), das Team um Regisseur Bastian Kraft besteht jedoch überwiegend aus Männern. Was das bedeutet?

Der Blick wird gedreht

Aus Wedekinds Lulu, dem prototypischen Objekt männlicher Begierde, wird im Laufe des Abends nicht nur die dreifache Lulu der drei ständig in verschiedene Rollen wechselnden Spielerinnen, sondern der Blick wird insgesamt gedreht. Aus dem Objekt werden viele weibliche Subjekte: Amuat, Köhler und Schwab spalten sich und werden auch zu Dr. Schön, Dr. Goll, Maler Schwarz, Gräfin Geschwitz, Ganove Schigolch und noch ein paar mehr.

Nein, nackte Haut gibt es in dieser Inszenierung nicht zu sehen. Als Spiel mit enttäuschten Erwartungen und vielen Überraschungen legt Bastian Kraft den Abend an. Die Vorstellung wird zur Vorstellung. Aber diese gehirnakrobatische Übung entwickelt sich sinnlich und humorvoll.

Zunächst ein Schlagschatten-Scherenschnitt-Feuerwerk in Gelb, Cyan und Magenta. Die drei Lulus, alle das gesamte Stück in männlicher Abendrobe, irgendwas zwischen Stresemann und Cutaway, mit High Heels, haben ihre Haare streng nach hinten gelegt. Größtmögliche Lulu-Distanz und Spiel mit den Geschlechteridentitäten zugleich. Ihre Körper werfen harte Schatten auf die große Leinwand, auf der weitere Schattenbilder ablaufen. Beide Ebenen kommen ins Gespräch. Aber wer spricht hier mit wem? So vorhersehbar sich bei Wedekind die Bildungsbürgerkritik Szene für Szene entfaltet, so verschachtelt bleibt die Zuordnung und Verteilung der Stimmen auf das Blickregime in diesem Gender-Camp. Da hilft nur fallenlassen. Holt mich hier rein!

Und nach einer Stunde dieses knapp 100-minütigen Abends wird man sehr weich aufgefangen von einer glamourösen, optisch überwältigenden Burleske: Amuat, Köhler und Schwarz eignen sich vor den Augen des Publikums und in geschnittenen, gerahmten Hochkantvideos die Männerrollen an: ein Fest der Maskenbildner um Christian Augustin und Lena Kostka.

Krafts Dekonstuktionsharlekinade ist vieles, aber kein ästhetischer Scherz. Fragen explodieren.

Man sieht nur unter Schmerzen gut? „Die Räuberinnen“ und „Lulu“ gehen nicht synchron, weder vom künstlerischen Zugriff, noch von der Vorlage her. Aber beide Inszenierungen fangen keine Befreiungskriege an, sondern entfesseln den weiblichen Blick. Im Auge des Publikums. Im Auge des Sturms.

Münchner Kammerspiele: 29. Nov., 4., 11., 16., 18., 26. Dezember. www.muenchner-kammerspiele.de

Residenztheater, München: 25., 28. Nov., 1., 4., 5., 7., 11., 13., 21., 27., 31. Dezember. www.residenztheater.de

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