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Woodstock war bei weitem nicht nur Musik. Dort erforschte die „Counterculture“ ein komplett anderes Selbstverständnis der USA.

Woodstock

Die Frauen von Woodstock: „We are not afraid, ha ha!“

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Wo waren auf der Bühne von Woodstock denn bitte die Frauen? Und was blieb musikalisch übrig?

Also gut, Nackte im Matsch. Aber musikalisch? Was gilt Woodstock heute noch musikalisch? Angenommen, jemand ist jung und interessiert an Musik – was ist dann Woodstock gewesen? Was bleibt? Doch wohl hoffentlich nicht nur eine Ansammlung längst toter Rockstars, deren Songs die Generation 65plus auf ihre mit Hingabe gepflegten, ebenfalls ein halbes Jahrhundert alten Plattenspieler legt.

Die wichtigsten Woodstock-Rockstars, Hendrix und Joplin, starben ja praktisch unmittelbar danach, jedenfalls kommt es einem so vor. Womöglich kommt es einem ganz besonders so vor, wenn man heute dermaßen jung ist, dass 50 Jahre ein unüberschaubar riesiger Zeitraum sind.

Aber im Ernst und unter uns Babyboomern: Die ganz Großen waren doch gar nicht da, in diesem Woodstock. Oder?

Die Beatles? Die Stones? Die Kinks? Pink Floyd? Led Zeppelin? Genesis? Deep Purple? Jethro Tull? Fleetwood Mac? The Animals? David Bowie? Wir fassen zusammen: Die berühmten Briten fehlten, abgesehen von The Who, und das lässt sich vielleicht noch räumlich und reisetechnisch begründen, wenn man unbedingt will. Aber was war mit Bob Dylan? Simon & Garfunkel? Wo waren die Doors? Die Beach Boys? Zappa? Die Byrds? Entschuldigung: Elvis? James Brown? Leonard Cohen? Johnny Cash? Eric Clapton? Marvin Gaye?

Und Aretha Franklin? Wo waren die Frauen? Nackt im Matsch, na sicher, was wären die Fernsehbilder von Woodstock ohne die nackten oder Batik-Klamotten tragenden Frauen im Publikum. Aber wo waren sie musikalisch, wo waren sie auf der Bühne?

Joan Baez wollte das Publikum zum Chor machen.

Joan Baez. Janis Joplin. Melanie. Nancy Nevins, die Sängerin von Sweetwater. Grace Slick, die weibliche Stimme von Jefferson Airplane. Sly & The Family Stone hatten eine Trompeterin dabei, Cynthia Robinson. Das war’s, wenn wir nicht irgendwo eine Backgrounddame übersehen haben. Sechs Frauen – bei insgesamt 32 Acts. Am Festival-Sonntag war augenscheinlich keine einzige Frau auf der Bühne.

Erstaunlicherweise spielt das in der Woodstock-Aufarbeitung praktisch keine Rolle. Na gut, die Schweiz führte auch erst zwei Jahre später das Frauenstimmrecht ein, aber dieses Festival spielte in den USA, die Welt hatte 1968 erlebt – da ging es doch um Befreiung, um Gleichheit, da ging es doch irgendwie auch um Gleichberechtigung. Das würde man jedenfalls aus heutiger Sicht annehmen. Aber auf der Bühne herrschte die Männerwelt.

Als Janis Joplin am Mikro stand, nachts um zwei, bedröhnt nach Stunden um Stunden des Wartens – die Soundanlage der Grateful Dead hatte mehrmals schlappgemacht –, als sie also endlich dran war, sorgte sie sich um die Leute unten und fragte, ob es allen gutgehe, ob alle genug Wasser und einen Platz zum Schlafen hätten, und sie sang und sang, ein Reibeisen für die Massen. Joan Baez, ebenfalls tief in der Nacht, der Gegensatz: „We Shall Overcome“, Friedensengel, glockenklar. Sie sagte jeweils die ersten Zeilen jeder Strophe zum Mitsingen fürs Publikum vor: „We are not afraid – ha ha!“ Die beiden Frauen zählten zu den Bestbezahlten in Woodstock, nur Hendrix, The Who und Blood, Sweat & Tears hatten höhere Gagen als die im sechsten Monat schwangere Baez, die 10 000 Dollar mitnahm. Für Melanie gab’s dann nur 750.

Joni Mitchell sang einen Monat später ihr Lied „Woodstock“ bei einem anderen Festival und schuf damit eine Ikone, bis heute von unzähligen Bands gecovert. We are stardust / We are golden.

Sie gab alles, als kaum wer noch zuhören konnte: Janis Joplin.

Musikalisch war Woodstock in Abwesenheit der vielen Briten ein Blues-, Soul- und Protestliedfestival – und die Show von Jimi Hendrix. Seine Nationalhymne, sein ganzer Auftritt: Legende. Wer von Woodstock spricht, spricht vom „Star-Spangled Banner“, wie vor Hendrix ihn niemand interpretiert hatte und wie es auch danach niemand mehr tat, ein Kunstwerk, immer eingedenk der Zeit, zu der das geschah, eingedenk der politischen Umstände. Richard Nixon war Präsident, in Vietnam wurde immer noch gemordet und gestorben, Hendrix schredderte die Hymne, dass es krachte und kreischte.

Wer von Woodstock spricht, spricht auch von Joe Cocker und „With A Little Help From My Friends“, womit er ein wenig die Beatles auf die Bühne holte – um sie freilich fast so zu zerlegen wie Hendrix die Hymne, aber unter Freunden. Für Crosby, Stills, Nash & Young, die auch einen Beatles-Song spielten („Blackbird“), markierte Woodstock eine Zeitenwende. 1968 als Trio gegründet, war es für die Multivokalisten erst der zweite Gig mit Neil Young und ein Vorgeschmack auf den späteren Durchbruch als Supergroup.

David Crosby erzählte jüngst in der großartigen Dokumentation „Remember My Name“ davon – und auch, wie nach Woodstock die Welt nicht schlagartig besser wurde. Im Mai 1970 erschossen Nationalgardisten in Ohio vier Studenten bei einer Demo gegen die US-Invasion von Kambodscha. Neil Young schrieb darüber spontan den Song „Ohio“mit einem unvergesslichen Gitarrenriff, der binnen Tagen veröffentlicht wurde und in die Charts einzog. Wer im Internet Crosby, Stills, Nash, Young und Woodstock sucht, trifft aber immer noch zuerst auf den Song, der eigentlich Joni Mitchell gehört. Sie hätte gern in Woodstock gesungen. Ihr Manager buchte sie stattdessen in die Talkshow von Dick Cavett. Männerwelt.

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