Mailänder Scala

„Frankreich wartet nur auf das Geld“

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In Italien gibt es Streit um den Plan der Mailänder Scala, sich finanziell von Saudi-Arabien unterstützen zu lassen.

Darf eine herausragende europäische Kulturinstitution mit einer despotischen Herrscherfamilie zusammenarbeiten, die Kritiker ins Gefängnis werfen oder gar hinterrücks ermorden und zerstückeln lässt? Über diese Frage wird derzeit in Italien debattiert. Es geht um die Mailänder Scala, eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt, und um die saudische Königsfamilie, die wegen Menschenrechtsverletzungen in Verruf geraten ist, vor allem seit der Dissident und Journalist Jamal Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul umgebracht wurde.

Eine Vereinbarung sieht vor, dass aus Saudi-Arabien fünf Jahre lang je drei Millionen Euro an die Scala fließen werden. Das hat Intendant Alexander Pereira, ein österreichischer Kulturmanager, in Interviews bestätigt. Die Scala solle außerdem beim Aufbau einer Musik- und Tanzakademie in Riad helfen. Offen ist allerdings, ob die Millionenspende direkt vom Königshaus oder etwa vom saudischen Ölkonzern Aramco kommen wird. Und offen ist, ob Saudi-Arabien im Gegenzug tatsächlich Mitglied der Scala-Stiftung werden wird, wie italienische Medien berichteten. Der Trägerstiftung des Opernhauses gehören neben dem italienischen Staat, der Region und der Stadt Mailand etliche private Geldgeber wie Pirelli, Eni, Tod’s und Allianz an. Spekuliert wird, der saudische Kulturminister, Prinz Badr bin Farhan al Saud, werde künftig im Verwaltungsrat der Scala sitzen. Das neunköpfige Gremium segnet Programmplanung und Personalentscheidungen ab und kümmert sich um die Bilanzen. Der saudische Prinz war im Dezember ganz überraschend zum Spielzeitauftakt nach Mailand gereist. Damals habe er mit Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli erstmals über eine Kooperation gesprochen, sagte Intendant Pereira jetzt – wohl auch, um sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, er handele auf persönliche Initiative.

Die Opposition ist empört. „Die Vorstellung, dass die Saudis in die Scala kommen, ist in Sachen Menschenrechte ein Schlag ins Gesicht“, erregte sich der italienische Sozialdemokrat Antonio Panzeri, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im EU-Parlament. Maurizio Gasparri von der Berlusconi-Partei Forza Italia wetterte im römischen Parlament, man könne kein Geld nehmen von einem Land, das die Menschenrechte missachtet. Die Regierung müsse Geschichte und Identität der Scala verteidigen. Kulturminister Bonisoli ließ bisher nur wissen, er werde die Sache mit dem Außenministerium beraten. Das letzte Wort ist dem Scala-Aufsichtsrat vorbehalten. Der will am 18. März zusammenkommen.

Intendant Pereira geht nach dem Motto „Pecunia non olet“ vor, Geld stinkt nicht. „So eine Gelegenheit kommt nicht alle Tage“, verteidigt er den Deal. Wenn die Scala ablehne, gebe der Prinz das Geld anderen. „Frankreich wartet nur darauf.“ Er wisse sehr wohl, wie despotisch das Regime in Riad sei. Aber er glaube an die „positive Kraft der Musik“ und die moralische Pflicht, sie zu verbreiten.

Seit Pereira 2014 die Leitung in Mailand übernahm, hat er viele Sponsoren gewonnen. 45 Millionen nimmt die Scala inzwischen jährlich an privaten Geldern ein. Als eines der wenigen italienischen Theater schreibt sie schwarze Zahlen. Pereiras Vertrag läuft kommendes Jahr aus, er selbst würde gern weitermachen. Deshalb wird vermutet, er könnte darauf gesetzt haben, seine Position mit einer großzügigen Spende aus Riad zu festigen.

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