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Frankreich: Linker Sturm auf „reaktionäres Protzwerk“ Sacre-Coeur

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Von: Stefan Brändle

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Sacre-Coeur leuchtet, den Hund kümmert’s nicht.
Sacre-Coeur leuchtet, den Hund kümmert’s nicht. © AFP

Paris erklärt die Kirche Sacré-Coeur auf dem Montmartre zu einem historischen Monument. Die Linke in Frankreich übt daran heftige Kritik.

Paris - Marmorweiß strahlt sie über Paris, unübersehbar auf ihrem Hochsitz des Montmartre-Hügels, unverwechselbar mit ihren vier römisch-byzantinischen Kuppeln. Die Basilika Sacré-Coeur (Herz Jesu) ist ein Wahrzeichen vom Kaliber des Eiffelturms; jährlich zieht sie elf Millionen Touristen an, am zweitmeisten aller Pariser Monumente. Einzelne mögen den Bau nicht, das „stillose Zuckerbäckerwerk“. Aber alle müssen einräumen, dass die Aussicht von ihrer Esplanade über die Dächer atemberaubend ist.

So scheint es nur normal, dass die von 1873 bis 1923 erbaute Großkirche wie 50 000 andere Gebäude in Frankreich endlich unter Denkmalschutz kommt. Der Stadtrat von Paris hat dies Mitte Oktober ganz pragmatisch entschieden: So steigen die Zuwendungen des Staates an den Unterhalt von 20 auf 40 Prozent.

Frankreich: Linke laufen Sturm gegen Sacre-Coeur

Die linke Ratshälfte läuft aber seither Sturm dagegen. Die Kirche sei ein reaktionäres Protzwerk gegen die Pariser Kommune, sagte die Abgeordnete Danielle Simonnet der Partei der „Unbeugsamen“. Ihr Parteichef Jean-Luc Mélenchon brachte die Dinge auf den Punkt: „Dieser Bau verherrlicht den Mord an 32 000 füsilierten Kommunarden.“

Der Volksaufstand der Pariser Kommune war im Mai 1871 von der Armee blutig niedergeschlagen worden. Die Kommunarden, deren Todesopfer heute eher auf 6500 bis 10 000 geschätzt werden, brachten selber – obschon viel weniger zahlreiche – Kirchenleute um, darunter ihre wichtigste Geisel, den Pariser Erzbischof Georges Darboy. Zum Gedenken daran begann zwei Jahre später auf Drängen royalistischer Katholiken der Bau von Sacré-Coeur. Die Arbeiten sollten mehr als vierzig Jahre lang dauern.

Sacre-Coeur: Daten und Fakten

NameSacre-Coeur de Montmartre
Eröffnet1875
Höhe83 Meter
FunktionKirche
ZugehörigkeitRömisch-katholisch

Frankreich: Pariser Wahrzeichen Sacre Coeur soll an französische Revolution erinnern

Was weniger bekannt ist: Die ersten Pläne für die Kirche datieren von Januar 1871, also aus einer Zeit vor der Kommune. Sacré-Coeur sollte ursprünglich an ein noch wichtigeres Geschichtsereignis erinnern – die Französische Revolution von 1789, die dem Klerus einen hohen Blutzoll abverlangt hatte. Nicht von ungefähr lautet die zentrale Inschrift unter der größten Sacré-Coeur-Kuppel: „Gallia poenitens“ – das „büßende Frankreich“. Die zwei Wörtchen machen die Basilika zu einem Erinnerungsort für die Opfer der antiklerikalen Verfolgung.

Anders die Anhänger der Revolution und ihrer Menschenrechtserklärung. Sylvie Braibant, Vorsteherin des Vereins der (heute noch 2500) „Freunde der Kommune“, sieht in dem Marmorbau ein Symbol für den „Kampf zwischen dem reaktionären und dem revolutionären Frankreich“. Die Entscheidung des Stadtrates, das Kirchenhaus als Denkmal anzuerkennen, bedeute nichts anderes als „die Beerdigung der Revolution“ von 1871, aber auch von 1789.

Frankreich: Sacre Coeur in Paris - ein Schandmal?

Deshalb verabscheut die französische Linke Sacré-Coeur bis heute. Die Kirche ist für sie ein Schandmal auf einem Hügel, der stolz ist auf seine aufmüpfige Tradition und Mentalität. Auf Montmartre hatte das „petit peuple“, das kleine Volk, gelebt; von dort war der Aufstand der Kommune ausgegangen. Der Historiker Paul Chopelin räumt in der katholischen Zeitung „La Croix“ ein, Sacré-Coeur sei „nicht bloß ein Postkartensujet, sondern ein Monument des Bürgerkrieges“. Er ruft dazu auf, die beiden Seiten sollten „nicht alten Hass kultivieren, sondern versuchen, den schrecklichen Verlauf zu analysieren“. Der Aufruf verhallt ungehört. Sacré-Coeur polarisiert bis heute, obschon der Monumentalbau längst zum Stadtbild gehört, für Touristen gar zu ihrem romantischen Bild.

Die Kommunistische Partei gibt nicht auf: Sie appelliert an Kulturministerin Rima Abdul-Malak, Sacré-Coeur den Denkmalschutz von Staats wegen zu verweigern. Ihr Vorgesetzter, Präsident Emmanuel Macron, dürfte sich dem Beschluss des Pariser Stadtrates allerdings kaum widersetzen.

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