Kultur und Klimawandel

Frankfurter Kunstverein: Debatte zur öffentlichen Meinung – Die Macht erstickter Albatrosse

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Eine Runde im Frankfurter Kunstverein spricht über Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs und fordert neue, positive Erzählungen.

Es sei die Pflicht und Schuldigkeit für die Wissenschaft, mit kühlem Kopf, mit Fakten und ohne Polemik den wahren Zustand unseres Planeten darzulegen. So sehen es die vier Frauen und der Mann, die an diesem Abend auf dem Podium im Frankfurter Kunstverein sitzen. Die Kulturinstitution ist mehr denn je Ort spannender Debatten, seit vor fünf Jahren die Kunsthistorikerin Franziska Nori die Direktion übernommen hat.

Wie entsteht öffentliche Meinung? Wer besitzt die Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs, wenn es um Klimawandel und den ökologischen Raubbau geht? Die mediale Allgegenwart von Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion täuscht über die tatsächlichen Verhältnisse hinweg. Eine Zahl lässt aufhorchen: 400 Milliarden Dollar hätten die großen Ölkonzerne bisher ausgegeben, um den Klimawandel zu leugnen und Wissenschaftler entsprechend zu beeinflussen, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert.

Rasch dringt das Podium zum Kern vor. Es ist das Paradigma vom permanentem Wachstum, das die Gesellschaft noch immer beherrscht. Gerade die ältere Generation hänge am Mythos Wachstum wie an einer Religion, urteilt Volker Moosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Davon müsse man sich angesichts der ökologischen Situation endlich verabschieden. Auch Kemfert stimmt dem zu, spricht vom überholten Wachstums-Postulat. Sie schlägt vor, anstelle der Aktienkurse, die jeden Abend im Fernsehen vor der 20-Uhr-Tagesschau aufgerufen werden, den Verlust von Tierarten einzublenden. Vergleichsweise wenige Menschen, die auf der Erde im Überfluss lebten, müssten etwas abgeben.

Die Runde sucht nach Narrativen, nach Zielen, die an die Stelle des Wachstums treten könnten. Es fehle an positiven Zukunftsvisionen, urteilt die Literaturwissenschaftlerin Ursula K. Heise, die an der Universität von Kalifornien in Los Angeles unterrichtet. Sie nennt als Beispiel die ökologischen Nischen in L. A. – da lebten mittlerweile immer mehr mexikanische Papageienarten, aus Haushalten geflüchtet, während sie im Original-Habitat in Mexiko bedroht seien.

Die Ornithologin Katrin Böhning-Gaese, die das Senckenberg Forschungszentrum für Biodiversität und Klima leitet, erzählt von der Macht der Bilder, der Überzeugungskraft der auch abschreckenden Bilder. Das Verbot der Plastiktüte gehe zurück auf die nachdrücklich wiederholte Darstellung erstickter Albatrosse und anderer Meerestiere, die unter Plastikmüll litten. Auch Moosbrugger fordert im öffentlichen Diskurs „Erzählungen“, die Emotionen weckten. Ja, Boehning-Gaese verlangt gar die Wiederentdeckung alter Narrative – so machte sie plausibel, wie sehr die Beschäftigung mit Vögeln in der Stadt Menschen glücklich mache. Schließlich sind es die Wortmeldungen von Naturschützern und Politikern, die für eine gewisse Ernüchterung sorgen. Ein Vertreter des BUND berichtet von der alltäglichen Schwierigkeit, die Ziele des Naturschutzes in der Praxis umzusetzen und dafür eine Mehrheit in der Öffentlichkeit zu gewinnen. Thomas Dürbeck, der kulturpolitische Sprecher der CDU im Frankfurter Römer, urteilt kühl, das reine Wissen von der Schädlichkeit des Rauchens halte niemand vom Rauchen ab.

Zu kurz kommt die Rolle der Kunst beim Kampf um die öffentliche Meinung. In einer bemerkenswerten Ausstellung unter dem Titel „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“ führt der Kunstverein in diesen Wochen wissenschaftliche Exponate aus der Senckenberg-Sammlung mit künstlerischen Positionen zusammen. Künstlerinnen und Künstler wirkten wie Seismografen für die Gesellschaft, urteilt Moosbrugger. Sie könnten, ergänzt Franziska Nori, zuspitzen, Fragen mit einer gewissen Dringlichkeit aufwerfen, um von einer Umkehr zu überzeugen. Nur eine Zuhörerin urteilt, der Erde ergehe es wie der Hauptperson des US-Thrillers „Death on Arrival“ (1988) – sie wisse, dass sie vergiftet sei, ohne es rückgängig machen zu können.

Ohne sich einem läppischen Optimismus hinzugeben, der den Klimawandel dreist leugne, ohne sich aber auch an einer Inflation apokalyptischer Szenarien zu beteiligen, sei es die Aufgabe der Wissenschaft, mit kühlem Kopf Ausstiegsszenarien aus dem Wachstumsimperativ zu vermitteln.

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