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Ferdinand Sutterlüty: „Das Thema Gewalt begleitet mich halt immer.“

Frankfurter Instituts für Sozialforschung

„Wir wollen kein Museum sein“

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Der neue Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Ferdinand Sutterlüty, will das Haus öffnen.

Von der lärmumtosten viel befahrenen Senckenberganlage in Frankfurt am Main sind es nur wenige Schritte eine Treppe hinauf. Schon taucht der Besucher ein in eine Zone der Stille, der zugleich etwas Museales anhaftet. Bald, im Jahre 2023, wird das ehrwürdige Institut für Sozialforschung der Goethe-Universität seinen 100. Geburtstag feiern. Und noch immer scheint Theodor W. Adorno, der Direktor der 50er und 60er Jahre, in erstaunlicher Weise präsent. Da steht der mannsgroße Spiegel, in dem er sich einmal per Selbstauslöser fotografierte. Da öffnet sich die Tür zu seiner Bibliothek, in der noch die alten Schiefertafeln warten, auf denen er mit Kreide seine Weltsicht darlegte.

Ferdinand Sutterlüty ist all das nur zu bewusst. Der 56-jährige Soziologe führt seit Anfang des Jahres das Institut kommissarisch. Der gebürtige Österreicher hat eine milde Selbstironie entwickelt, um mit der Last der Tradition umzugehen. „Wir wollen uns nicht nur auf alte Heroen der Theorie beziehen“, mit diesen Worten führt er den Besucher ins Allerheiligste, eben die Bibliothek. „Und wir wollen uns nicht nur mit der Exegese alter Texte beschäftigen.“

Der kleine schmächtige Mann im feinen taubenblauen Anzug hat die Nachfolge von Axel Honneth angetreten, der nun an der University of Columbia in den USA unterrichtet und dort seinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Honneth, einer der wichtigsten Philosophen der Gegenwart, hatte mit seiner Wirkungsmacht die Frage überdeckt, welche Bedeutung die Kritische Theorie heute noch besitzt.

Taugen die Ansätze von Adorno und seinem wissenschaftlichen Gefährten Max Horkheimer noch zur Erklärung einer sich rasant wandelnden Welt? Sutterlüty setzt sich als Soziologe vor allem mit Gewalt und Kriminalität auseinander. 2002 veröffentlichte er im Frankfurter Campus Verlag die Untersuchung, die ihn bekannt machte: „Gewaltkarrieren“, eine wissenschaftliche Betrachtung von „Jugendlichen im Kreislauf von Gewalt und Missachtung.“

Sutterlüty weiß, welche „große Verantwortung“ als Nachfolger Honneths auf ihm lastet. Bis mindestens Mitte 2020 wird er im Amt sein, bis dahin will die Findungskommission eine neue Persönlichkeit für die Leitung des Instituts gefunden haben. Das ist nur ein Plan, ob er aufgeht, weiß niemand. Es kann auch länger dauern.

Er will beim Beginn einer neuen Ära nicht warten

Sutterlüty will nicht warten. „Es wird eine neue Ära beginnen“, sagt er selbstbewusst. Er ist entschlossen, das Institut mehr als bisher zu entstauben. „Wir wollen kein Museum sein“, sagt er entschlossen und bekräftigt noch einmal: „Nein, das wollen wir nicht!“ Das Institut soll stattdessen „Antworten auf die Fragen unserer Zeit“ finden und sich dabei weiterhin der Mittel der Kritischen Theorie bedienen. Das neue Forschungsprojekt des kommissarischen Direktors ist dafür das beste Beispiel. Es trägt den Titel „Flucht aus der Freiheit“. Und untersucht den Weg junger Deutscher in den Dschihadismus. Niemand weiß so ganz genau, wie viele junge Männer und Frauen sich vor einigen Jahren aufgemacht haben, um sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) oder anderen Terrorgruppen anzuschließen.

Jetzt, mit dem Niedergang des IS, streben nicht wenige dieser Kämpferinnen und Kämpfer durchaus verzweifelt zurück in die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Im Oktober hat Sutterlüty begonnen, mit Rückkehr-Kandidaten Interviews zu führen. Wie genau er zu ihnen Verbindung aufgenommen hat, lässt er bewusst im Ungefähren.

„Das Thema Gewalt begleitet mich halt immer“, sagt der Wissenschaftler fast entschuldigend. Ihn interessiert, welche mächtigen Triebkräfte diese jungen Menschen aus der bürgerlichen Gesellschaft aussteigen ließen. Dass dabei die relative Freiheit in der Bundesrepublik überhaupt keine Anziehungskraft mehr besaß, „das muss uns entsetzen“, urteilt der Soziologe.

Er ist überzeugt davon, dass die Erfahrung von Verletzung und Kränkung im deutschen Alltag, auch in der Familie, die jungen Aussteiger antrieb. In seiner Untersuchung sieht er eine „Weiterentwicklung der Kritischen Theorie“. Sutterlüty schlägt den Bogen zu dem Sammelband „Autorität und Familie“, den das Institut für Sozialforschung 1936 im Pariser Exil veröffentlicht hatte.

Viele der jungen ehemaligen Dschihadisten, mit denen er spricht, dächten jetzt „in erstaunlich bürgerlichen Kategorien“, wenn sie von Deutschland sprächen. „Eine Art Zeitenwende“ vollziehe sich da gerade, „und ich bin dabei.“

Ein anderes Feld, mit dem sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes gerade beschäftigen, sind „Erfahrungen in der digitalen Arbeitswelt“. Genau solche Bestrebungen, sagt Sutterlüty, „möchte ich in meiner Ära unterstützen.“

Damit knüpfe das Haus an große Vorbilder empirischer Untersuchungen an. Er nennt als Beispiel die Studie „Die Angestellten“, die 1929 der Journalist und Soziologe Siegfried Kracauer vorgelegt hatte.

Drei Jahre Laufzeit darf Sutterlütys Untersuchung über die jungen Dschihadisten haben, solange wird sie über Drittmittel von außerhalb des Hauses gefördert. Er ist glücklich, „noch einmal ins Feld gehen zu können“, möchte auf keinen Fall „zum Wissenschaftsmanager werden.“ Auch mit den deutschen Rechtspopulisten, mit Pegida und der AFD, werde sich das Institut beschäftigen: „Das ist ein wichtiges Feld für uns.“ Sutterlüty sieht sich da in der Tradition des früheren Instituts-Direktors Ludwig von Friedeburg. Der hatte Anfang der 90er Jahre nach den ausländerfeindlichen Gewalttaten in Ostdeutschland eine große Studie über Rechtsextremismus in die Wege geleitet.

Der Wissenschaftler warnt allerdings davor, die Parallelen zwischen dem Rechtspopulismus von heute und den Formen der Revolte des Jahres 1968 zu suchen oder gar zu betonen, wie das in der öffentlichen Debatte immer wieder geschehe. „In der Sache ist die AFD ganz weit 1968 entfernt.“ Das zeige sich etwa beim Familienbild des Rechtspopulismus oder seiner Polemik gegen den Genderismus.

Sutterlüty ist durchaus bewusst, dass das Institut für Sozialforschung noch immer eine Domäne der Männer ist, dass die Frauen im Lehrkörper eine untergeordnete Rolle spielen. Der Direktor muss selbst einen Moment nachdenken, bevor ihm immerhin zwei Namen einfallen. Dem Beirat des Institutes gehört Juliane Rebentisch an, die Vizepräsidentin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Und außerdem Judith Butler, die US-Wissenschaftlerin, die 2012 von der Stadt Frankfurt mit dem Theodor W.-Adorno-Preis ausgezeichnet wurde.

Auch die Männer-Domäne wird kritisch überdacht

Auch diese Männer-Vorherrschaft könnte jetzt aufgebrochen werden. Bevor der Österreicher zum kommissarischen Direktor des Hauses ernannt wurde, brauchte er das positive Votum von drei Gremien: Des Kollegiums, des Institutsrates und des Beirates. Jetzt unterbreitet der neue Chef en passant einen geradezu revolutionären Vorschlag: „Es wäre wünschenswert, wir bekämen eine Frau an der Spitze.“ Spricht es aus und lächelt wieder dieses kleine selbstironische Lächeln.

Am 6. August jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem Theodor W. Adorno überraschend einem Herzinfarkt erlag, 65 Jahre alt. Wir sitzen in der Bibliothek des Instituts noch auf den Stühlen, die schon er und Horkheimer nutzten. „Die Alten im Institut wollten alles auf den Warencharakter zurückführen“, sagt Ferdinand Sutterlüty. Der Kapitalismus, so war die Analyse der Protagonisten der Gründergeneration, sorge dafür, dass fast alles zur Ware verkomme – selbst die zwischenmenschlichen Gefühle. Aus diesem Schatten der Kritik an der Verwertungslogik des Kapitals löse sich das Institut für Sozialforschung Für die neue Leitung sind die ersten Bewerbungen schon eingegangen.

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