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Sich verändernde Gesellschaften auf Frankfurts Zeil.

Identität

Der Kampf um Anerkennung geht weiter

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Francis Fukuyama macht sich Gedanken über „Identität“.

Der 1952 in Chicago geborene, heute an der kalifornischen Stanford University – Motto „Die Luft der Freiheit weht“ – lehrende Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wurde 1992 eine Weltberühmtheit. Der Titel seines Buches „Das Ende der Geschichte“ wurde gerne missverstanden, als habe der damalige Mitarbeiter der US-Regierung die Auffassung vertreten, es gebe nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Geschichte mehr. Das meinte er nicht. Er fand vielmehr, die Hegelsche Vorstellung von der Geschichte als einem Kampf um wechselseitige Anerkennung habe mit der Ausbreitung der liberalen Demokratie, in der die Bürger einander Gleichheit und Freiheit zugestehen, ihr Ziel erreicht. Die Geschichte sei also nicht am Ende, habe aber ihr Ziel erreicht. Mit dem gerade auf Deutsch erschienenen Band „Identität“ erweitert Fukuyama seine alte Frage und es wird deutlich, dass die Zuspitzung auf die politische Dimension den wirklichen Sprengstoff verbarg, der in ihr lag, liegt und wohl ewig liegen wird.

Der Kampf um Anerkennung geht weiter. Es geht immer noch wie bei Hegel um die Anerkennung der Identität. Aber Identität haben nicht mehr nur Völker, Staaten und Individuen, sondern es entstehen fortwährend neue Gruppen, die in ihrer Besonderheit anerkannt werden möchten.

Wir sind in Deutschland gerade Zeuge geworden, wie eine neue Gruppe ihren Kampf um Anerkennung gewann. Neben „weiblich“ und „männlich“ kann bald auch „divers“ im Ausweis stehen. Die Koalition von CDU und SPD folgte damit einer Auflage des Bundesverfassungsgerichts.

Das ist ein typisches Beispiel für das, was Fukuyama „Identitätspolitik“ nennt. Eine Gruppe definiert sich als Gruppe und fordert Anerkennung seitens der Mehrheitsgesellschaft und des Staates. Je vielfältiger eine Gesellschaft zusammengesetzt ist, desto unterschiedlichere Gruppen müssen die Freiheit und die Gleichheit der anderen ertragen. Die Vorstellung, irgendwelche Positionen seien ein für alle Mal erkämpft worden, geht an der Wirklichkeit der fortwährend sich verändernden Gesellschaften vorbei.

Natürlich spielen Immigrationen dabei eine riesige Rolle. Fukuyama, dessen Vater Sohn eines in die USA immigrierten Japaners war, während seine Mutter noch in Kyoto auf die Welt gekommen war, weiß um die Schwierigkeiten von Immigration und Integration. Er weiß auch, was es bedeutet, wenn einem anzusehen ist, dass man nicht zu den Nachkommen der Pilgerväter gehört.

Darum wird er nicht müde zu betonen, dass die Staatsbürgerschaft vom ius sanguinis auf das ius soli umgestellt werden muss, wenn man eine wirkliche nationale Identität unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen befördern möchte. Man ist Bürger des Landes, in dem man geboren wurde, nicht des Landes, aus dem die Eltern kamen.

Von der doppelten Staatsbürgerschaft hält er darum nicht viel. Es werde immer wieder zu Konflikten zwischen den Staatsbürgerschaften kommen. Er bringt das Beispiel, wie der türkische Staatspräsident Erdogan die in Deutschland lebenden und dort wahlberechtigten Bürger aufforderte, die deutschen Politiker zu wählen, die seine Politik unterstützten. Fukuyama wird nicht müde zu betonen, dass moderne Identitäten fließend sind, dass jeder mehrere hat und dass die zentrale Aufgabe von Staat und Gesellschaft ist, diese ständig auch konfligierenden Identitäten aufeinander abzustimmen.

Er spricht sich gegen den Versuch aus, sich diese Arbeit zugunsten fundamentalistischer Entscheidungen zu ersparen. Ohne den Wahlsieg Donald Trumps, schreibt er, hätte er dieses Buch nicht geschrieben. Das Buch ist ein Anti-Trump-Buch. Es ist ein Buch gegen alle die, die ihre Vorstellung von Identität einfach durchsetzen wollen.

Zum Buch

Francis Fukuyama: Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe. 240 S., 22 Euro. 

Francis Fukuyama ist ein Liberaler, also einer, der an die Notwendigkeit von Konflikten glaubt, aber eben auch einer, der überzeugt ist, dass Gesellschaften vom Kompromiss leben. Ihre Mitglieder müssen einander als gleichwertig, als ebenbürtig betrachten. Sie müssen einander die Freiheit zugestehen, an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Wer den anderen als dazu unwürdig betrachtet, der untergräbt diese Gesellschaft.

Die lebt von „Konstitutionalismus, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit“. Fukuyama schreibt: „US-Amerikaner respektieren diese Ideen und zu Recht verweigert das Land die Staatsbürgerschaft denjenigen, die sie ablehnen.“ Für die Komik solcher Sätze scheint Fukuyama kein Gespür zu haben. Es ist offensichtlich, dass der derzeitige Präsident der USA wie einige seiner Vorgänger weder viel vom Rechtsstaat noch von der Verfassung hält. Und nun gar das Gleichheitsgebot! Donald Trumps Grundidee ist: Ich bin der Größte.

Ausgerufen von dem, der sein Leben lang geschubst wurde und endlich ein Feld – zum Beispiel den Boxring – entdeckt hat, in dem er der Sieger ist, hat der Satz eine völlig andere Bedeutung, als wenn der ihn sagt, der zu denen gehört, die großgezogen wurden im Bewusstsein, die Größten zu sein.

Die Würde des Menschen ist seit den Tagen des frühen Griechenlands demokratisiert worden. Würde kommt nicht mehr nur dem Krieger zu, der die Heimatstadt mit Waffengewalt und mit seinem Leben verteidigt. Fukuyama erinnert an den Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Er erinnert auch daran, dass die Würde des Menschen weder in der englischen noch in der amerikanischen Revolution eine wichtige Rolle spielt. Das sind die unterschiedlichen Freiheitstraditionen. Die deutsche bezieht sich auf die Idee des freien Willens, die schon bei Luther eine wichtige Rolle spielte und durch Kant säkularisiert weiter gegeben wurde. In der angelsächsischen Tradition dagegen geht es mehr darum, dass der Einzelne seinen Wünschen nachgehen kann, ohne von außen zu irgend etwas gezwungen zu werden.

Es sind diese Erörterungen, die den spezifischen Fukuyama-Sound herstellen. Er ist eingebettet in die europäische Ideengeschichte und betrachtet von dorther aktuelle und aktuellste Entwicklungen. Ob er recht hat, dass erst Luther die Spaltung von innerem Selbst und gesellschaftlichem Außen in diesem Umfang stark gemacht hat, wie Fukuyama das behauptet, mag jeder Leser für sich klären.

Aber interessant sind diese Schneisen durch Geistes- und Revolutionsgeschichte in jedem Fall. Das liest sich dann so: „Während des Englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert trat das Parlament für die Unabhängigkeit der Gerichte ein, ähnlich wie die polnischen Bürger es im Jahre 2017 taten, als die judikative Unabhängigkeit durch die regierende Partei bedroht wurde.“ Es sind diese Parallelen, die Francis Fukuyama interessieren und die uns aufscheuchen aus der Illusion von der völligen Unvergleichbarkeit unserer Gegenwart mit früheren Auseinandersetzungen.

Ein Ende der Geschichte ist nicht in Sicht. Der Kampf um Anerkennung geht weiter. Es ist immer auch, das wird gerne übersehen, ein Kampf gegen die Anerkennung der anderen. So wie Linke und Liberale glaubten, mit dem schwarzen Präsidenten Obama sei ein unhintergehbarer Schritt hin zu mehr Gleichheit und mehr Freiheit auch für die, denen die Freiheit und die Gleichheit abgesprochen worden war, so empört ging die Rechte dagegen vor, forderte Rache für die Schmach von einem Schwarzen regiert worden zu sein und will Amerika wieder groß machen.

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