+
September 1848: Frankfurter Demokraten und Arbeiter versuchen, die Paulskirche zu stürmen.

Arthur Schopenhauer in Frankfurt

Fraktur sprechen

  • schließen

Im September 1848 sah sich Arthur Schopenhauer von Revolutionären bedrängt. Zweiter Teil eines dreiteiligen Rückblicks auf denkwürdige Tage der Empörung in Frankfurt, in Deutschland, im Kopf des Philosophen.

Arthur Schopenhauer, alles andere als ein Verfechter der Volkssouveränität, hinterließ dennoch eine äußerst originelle Definition der Menschenrechte: „Hiernach sind denn die Menschenrechte leicht zu bestimmen: Jeder hat das Recht, alles Das zu Thun, wodurch er keinen verletzt.“

So trefflich dieser Gedanke, Schopenhauer sah die Menschenrechte nicht durch die Monarchen und Fürsten verletzt, sondern durch Demokraten und Rebellen. Das Volk ist nicht souverän, denn es ist unmündig. Es ist auch nicht Souverän, als Substantiv, als Subjekt, als Herrscher, denn es stellt nichts dar. Es vermag nicht selbstständig zu denken.

Allerdings ist auch Arthur Schopenhauer dann doch nicht der Denker gewesen, um das Frankfurter Dasein von 1848 zu durchschauen – nicht das Ringen in der Paulskirche, nicht das rund um das Parlament. Was ging da vor sich? Eine Belästigung, Unruhen auf den Straßen, schon im Frühjahr in Sachsenhausen, auf der anderen Mainseite, wo es zu nächtlichen Krawallen kam. Die Katzenmusiken waren berüchtigt, angestimmt wurden sie vorm nächtlichen Fenster unliebsamer Bürger. Ausgeliefert wurde das Opfer (der „Verräter!“, schon klar) beißendem Spott, von der Straße aus in aller Öffentlichkeit gebrandmarkt.

Entgleisungen, vorsätzliche Verstöße, gezielte Übertretungen. Aufregung in der zunehmend mehr geängstigten Bürgerstadt, Anspannung in der Stadt des Parlaments. Schopenhauers Haltung in dieser Lage ist gelegentlich mit seinen Ängsten erklärt worden, seinen Eigentumsängsten. Er sah sein Eigentum, sein Geld, sein Vermögen durch den Aufruhr bedroht – sein gutes Recht, es so zu sehen. Dieses drohende Unrecht beherrschte offenbar seine Gedankenwelt, der Unrechtsgedanke die Überlegungen, die der Philosoph zum Mitleid angestellt hatte. Mitleid mit den sozial Deklassierten war jedoch kein Gedanke in diesen Tagen, so prägend einige schreckliche Eindrücke in der Jugend, angefangen mit dem erschütternden Anblick von Galeerenhäftlingen, die der Jugendliche in einem Hafen der französischen Marine zu Gesicht bekam. Die soziale Frage war für Schopenhauer keine, in dem allgemeinen, auch sozial begründeten Aufbruch sah er allenfalls ein egoistisches Anliegen.

Die Darstellung der Monate dieses Aufbruchs, der Hoffnung und Enttäuschung ist das Verdienst von Historikern, Jahrzehnte später. Die deutsche Revolution von 1848/49, die historische Verliererin, war für die deutsche Geschichtswissenschaft, die zu den beiden „Siegermächten, zu Preußen und zur Monarchie mindestens loyal stand, äußerst heikel. Und wenn sie beiden, der „Reaktion“, treu ergeben war, wurde die Zäsur als „Unfall“ verdrängt, als Jahr der Tollheiten oder als „peinliche Episode“ abgetan.

Es dauerte 60 Jahre, bis der gebürtige Frankfurter Veit Valentin die erste umfassende, quellengestützte Darstellung lieferte. 1909 schreibt er als ein „Beurteiler der Vergangenheit“ seine groß angelegte, großartig erzählte Geschichte Frankfurts im Revolutionsdoppeljahr 1848/49.

Darstellungen, die folgten, haben sich daran gehalten, auch an diejenige über den Nachmittag des 17. September, als auf der Pfingstweide bei Frankfurt eine enorme Menge zusammenströmte. Eine von Anfang an aufgeregte Stimmung, die „mit jeder Minute aufgeregter, wilder, radikaler, revolutionärer wurde“. Unter „Zischen, Drohen und Geschrei“ wurden besonnene Stimmen von der Rednerbühne vertrieben. Den Platz, so Valentin, „behaupteten die maßlosen Propheten des Jakobinertums“, und wem das womöglich zu einseitig erscheint, die Charakterisierung der radikalen Linken als „eigensüchtige Helden“, als „ungebändigte rohe Tatenmänner“, sollte doch auch zur Kenntnis nehmen, dass auf der Pfingstweide „Fraktur“ gesprochen wurde. Ein Wort, das bei dieser Gelegenheit in Umlauf gebracht wurde.

Zum Fraktursprechen gehörte die Mobilisierung von Ressentiments, rechte Paulskirchenparlamentarier sollten aufgeknüpft, das Parlament gesprengt werden. Soll das Parlament der Teufel holen. Das war nicht das letzte Wort, Anmaßung und Selbstermächtigung, ganz so wie beim Pegida-Wahn, heute: Wir sind das Volk! Denunziert wurden diejenigen Parlamentarier, die dem Waffenstillstand von Malmö zugestimmt hatten, als Volksverräter. Böses Wort, rasch zur Hand, fortan böses Blut. Ging ganz schnell.

Der „Malmö-Konflikt“, der Streit in den deutsch-dänischen Beziehungen, hatte seit langem geschwelt, beherrscht wurde er von der Frage nach den Grenzen des Nationalstaats. Die Paulskirchenversammlung bestritt Preußen, das sich immer mehr in den Vordergrund spielte, das Recht, die Schleswig-Holstein-Frage zu klären. Das Paulskirchenparlament sah sich mit nicht wenigen Herausforderungen konfrontiert, angefangen mit der Verfassungsfrage – somit zwangsläufig der Frage nach den Grundrechten. Die Debatten waren heftig, die Kontroversen hitzig, sie zogen sich hin, die Ungeduld war groß, zumal, neben dem Bürgertum weitere Schichten des Volkes die soziale Frage angegangen, endlich gelöst sehen wollten.

„Eine gigantische, zukunftsorientierte Hoffnung“ hat das der Historiker Wolfram Siemann genannt. Die jahrzehntelangen Missstände und krassen Ungerechtigkeiten riefen nicht nach Tröstung, dem Jahr 48 waren Hungerrevolten vorausgegangen, der Aufstand der schlesischen Weber, die nackte Not rief nicht nur nach Linderung, sondern Abschaffung.

Eine neue Zeit schien eingeläutet, eine Zeit der allgemeinen Beschleunigung auch. In dieser Aufbruchsstimmung war für die Arbeit des Parlaments die Geduld rasch aufgebraucht. „Im Parla-Parla-Parlament, das Reden nimmt kein End“, spottete der Lyriker Georg Herwegh. In der Stunde der gigantischen Hoffnung äußerte sich das Unverständnis der Öffentlichkeit für die Gepflogenheiten des demokratischen Prozedere.

Das kürzlich erst im Namen des Volkes zusammengekommene Parlament sah sich im Handumdrehen einem Populismus ausgesetzt, der handstreichartig von rechts und von links aufgestachelt wurde. Der Ruf nach direkter Aktion war so recht wie die Herabsetzung des Parlaments als liberaler Schwatzbude billig. Mit dem historischen Auftritt eines ersten deutschen Parlaments war die polemische Parlamentskritik ebenso geboren wie die populistische.

Wenn in dieser Situation auch die Nationenfrage in den Mittelpunkt der Konflikte geriet, kann man sich vorstellen, dass es um Alles oder Nichts ging. Die „schleswigsche Sache“ wurde von der radikalen Linken zur nationalrevolutionären Frage, mit der die „Ehre Deutschlands gewahrt werden soll“, erklärt. Die Zustimmung zum Vertrag von Malmö, dem Waffenstillstand Preußens mit Dänemark, der auf Druck von Russland und England zustande kam, wurde als Affront aufgefasst. Bereits der Tag des Vertrags, der 26. August, mit seinem Waffenstillstand, wurde als „Preisgabe der Nation“ dargestellt und als „Selbstentmachtung des Parlaments“ aufgebauscht.

Von einer „heißen Sitzung“ berichtete der Paulskirchenparlamentarier Jacob Grimm seinem Bruder Wilhelm. Preußens schroffes Vorpreschen, das die Einheit der Nation aufs Spiel setzte, nannte der berühmte Germanist „schimpflich“. Empörung auf der Straße, Empörung im Frankfurter Parlament. Aufgebracht war auch die Linke, und wenn sie tobte, dann vaterländisch. Das liberale Bürgertum echauffierte sich über die militärische Unterlegenheit, den Dänen gegenüber auf See. In dieser nationalen Erregung deutlich der Ruf nach einer schlagkräftigen deutschen Flotte. Spenden wurden für deutsche Kriegsschiffe gesammelt, zur Gemengelage von 1848 gehört, neben dem Barrikadenbau, der Aufruf zu einem deutschen Flottenbauprogramm. Zu den Konsequenzen der nationalen Mobilisierung gehörte ein mentaler Stapellauf, der dann in den maritimen Imperialismus des Wilhelminismus mündete.

Die nationale Frage beherrschte die Köpfe, wie sehr lässt sich daran erkennen, dass die „Neue Rheinische Zeitung“, die der Rückkehrer aus dem Exil, Karl Marx, im April 1848 in Köln gründete, „fast manische Forderungen nach einem deutschen und europäischen Revolutionskrieg gegen die östlichen Monarchien, vor allem Russland, und notfalls auch noch gegen England“ anstimmte, so der Kommunismusforscher Gerd Koenen.

Die nationale Sache ließ sich nicht befrieden, so wenig wie die soziale. Die Konflikte im Parlament waren im Laufe von sieben Monaten, vom März bis September immer wieder auf die Straße verlagert worden. Die radikale Linke, enttäuscht von Kompromissen, nahm Anlauf, um die Revolution zu retten. Anders als die gemäßigte Linke rief sie den Auftakt zur Fortsetzung, zur permanenten Revolution aus. Und während sie die Stunde dazu, zur zweiten Revolution gekommen sah, und mit dieser Stunde die Abkehr vom Parlament, brachte sich Preußen als Speerspitze der Gegenrevolution in Stellung – um in der Tat der Revolution die Spitze zu brechen.
Aus Sicht Berlins drohte dem Parlament in Frankfurt die Beherrschung der Lage zu entgleiten. Aus Sicht der Hardliner Preußens galt es zu verhindern, dass die Dinge vollständig entgleisten. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion