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Die Folgen des Krieges

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Daniel Libeskinds Keilschlag ins Armeemuseum.
Daniel Libeskinds Keilschlag ins Armeemuseum. © Getty Images

Das neue Militärhistorische Museum in Dresden zeigt Gewalt als Teil der Geschichte

Von Nikolaus Bernau

Der Zweite Weltkrieg tobte. Irgendwo, irgendwann füllte sich ein Soldat der Wehrmacht den Mund mit Wasser. Steckte sich eine Pistole in den Mund. Schoss. Durch den Wasserdruck explodierte sein Kopf regelrecht. Dieser Mann wollte nicht nur sterben, er wollte sich auslöschen. Wenn das Militärhistorische Museum in Dresden als Teil seiner neuen Ausstellung ein solches Dokument der Verzweiflung ausstellt (hoffentlich mit Zustimmung der Hinterbliebenen), dann zeigt das auch den Mut der Ausstellungsmacher und ihrer Auftraggeber in der Bundeswehr zur kritischen Selbstbetrachtung: Opfer des Militärs sind nicht zuletzt Militärs selbst.

Tatsächlich kann man mit Fug und Recht feststellen: Das Museum hat sich geradezu neu erfunden. Der Altbau wurde saniert, die Ausstellungen darin von den Architekten HG Merz und Holzer & Kobler neu gestaltet. Auf den ersten Blick spektakulärer ist aber der 2001 von Daniel Libeskind entworfene und ab Sonnabend für das Publikum zugängliche Neubau. Wie ein gewaltiger Keil scheint er die alte Neurenaissance-Fassade mit seinem Metallgitter zu durchschlagen.

Der neue Blick

1990, als die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) in die Bundeswehr integriert wurde, war klar: Das Museum muss nicht nur wieder einmal einer anderen Weltsicht angepasst werden, sondern grundsätzlich neu gedacht werden. Die 1972 eingerichtete Abteilung zum Bauernkrieg etwa gilt als Musterbeispiel ideologische Verfälschung von Geschichte. 1994 entschied Verteidigungsminister Volker Rühe, dass in Dresden das Hauptmuseum der Bundeswehr entstehen soll. Seitdem amtierten fünf von CDU, CSU und SPD gestellte Verteidigungsminister. Doch das Projekt stand nie auf der Kippe.

Nichts mehr sieht man nun von der in Militärmuseen üblichen, fetischistischen Anbetung der Technik, Größe, Durchschlagskraft. Das Museum setzt stattdessen auf Selbststudium, auf Neugier. Dazu sollte man sich Zeit mitbringen, einen halben Tag mindestens. 13?000 Quadratmeter Dauerausstellung sind zu entdecken, dazu werden bald die Schaudepots für Großobjekte kommen.

Im Altbau wird streng chronologisch gearbeitet, vom reichlich willkürlich gesetzten Zeitschnitt um 1?300 über die Armeesystematik des Barock und die Schrecken der Weltkriege bis zu den Kriegen in Afghanistan, dem Einsatzplan für die Evakuierung von Zivilisten aus Tirana oder dem Einsatz im Kosovo. Man verläuft sich oft, soll sich verlaufen – und entdeckt dadurch die Nähe etwa zwischen der Propaganda im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, zwischen den Rollen, die Frauen oder Kinder im Krieg einnehmen mussten. Großobjekte wie Kanonen, Flugzeuge, Helikopter und Autos fehlen nicht. Und doch: Nichts da mit Waffenkult. Hier geht es um Geschichte, um den ritterlichen Kult des Heiligen Georg, der neben Bildern der Landsknechte und ihrer Huren steht, um die Schlachtschiffmanie der Kaiserzeit. Vorzüglich ist die Darstellung der NVA und der Bundeswehr, ihrer Ähnlichkeiten, aber auch ihrer großen Unterschiede.

So etwas wie den „Bürger in Uniform“ konnte die DDR mangels Demokratie nie erfinden. Die Bundeswehr hingegen erkämpfte sich geradezu den Weg aus den Traditionen der Reichswehr, in oft jahrzehntelangen Prozessen. Wenn heute eher Widerstandskämpfern wie Wessel Baron von Freytag-Loringhoven gedacht wird, dessen berührender Abschiedsbrief zu sehen ist, dann markiert das auch einen Teil des Wegs hin zu einer modernen, selbstkritischen Armee .

Der Nachteil dieser Inszenierungsstrategie ist: In der Fülle geht so mancher Schwerpunkt und viel Feinheit verloren. Die Kolonialkriege waren nicht nur eine Nebensache der deutschen Militärgeschichte. Wie steht es mit Sexualität, gar mit Homosexualität im Militär? Sind Kindersoldaten nur aus Afrika bekannt – siehe den NS-Volkssturm? Und vor der in den Vitrinenlauf des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion eingestellten Großvitrine mit Schuhen von im Holocaust ermordeten Juden schaudert es einem: So korrekt diese Position auch historisch sein mag – da fehlt es an Empathie.

Libeskinds Scheitern

Ganz anders zeigen sich die Ausstellungen im Neubau Libeskinds. Weitläufig, ja, luftig werden hier die großen Themen abgehandelt. Die brutale Formung des Menschen zum Militär. Das Leiden am Krieg. Tiere und Militär. Schafe, die durch Minenfelder laufen müssen. Elefanten als Panzer früherer Zeiten, eine zierliche Taube als Bombenträgerin. l Spielzeug ist zu sehen, Zinnsoldaten selbstverständlich aber auch ein Geschicklichkeitsspiel, mit dem man Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki werfen soll. Wer schließlich sieht, wie naiv Vivianne Westwood Militärelemente in ihre Kreationen aufnahm, sieht auch eine Rüstung mit den Augen des Modedesigners.

Enttäuschend allerdings ist, dass die so mächtige Keilform des Libeskind-Baus sich im Museum kaum bemerkbar macht. Was bedeutet seine V-Form überhaupt? Churchills Victory-Zeichen, mit dem er seine Briten zum Widerstand gegen die Nazis bewegte? Der Grundriss eines Düsenjets? Libeskind erklärt die Form als Hinweispfeil auf die Altstadt Dresdens. Mag sein. Mit schrägen Linien und Fußböden will die Architektur irritieren. Doch wurde die von ihm behauptete Brutalität des Keils gar nicht wirklich durchgezogen. Im Foyer etwa sind die alten Gewölbe sauber aufgetrennt wie eine Sahnetorte. Glatte Kanten kaschieren den Eingriff – statt ihn zu betonen. Und so enttäuscht ausgerechnet das Innere des Libeskind-Baus.

Bis eben auf seine obersten Geschosse. Dort, wo die Selbstverherrlichung des Militärs gezeigt wird und die Zerstörung ganzer Städte wie Dresden, Rotterdam oder Wielun in Polen. Da fühlt man sich in der Spitze des Keils wie in einem Flugzeug, dem ganz Dresden zu Füßen liegt. Es ist die Perpektve des Bomberpiloten.

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