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Flugblätter gegen das Regime ihrer Wahl

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Von: Arno Widmann

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Gedenken an die Geschwister Scholl.
Gedenken an die Geschwister Scholl. © imago

Das Zentrum für Politische Schönheit fingiert einen Wettbewerb, bei dem Schüler gegen Autokratien protestieren sollen. Eine Schule stört sich daran.

Keine Tiger, sondern Flugblätter. Die neue Aktion des in Berlin angesiedelten Zentrums für Politische Schönheit findet in München statt. Das Zentrum hat bayerische Schulen mit „Arbeitsmaterialien und Aufgaben für den Unterricht“ versorgt. Absender ist das Bayerische Staatsministerium für Bildung, Kultur und Demokratie. So etwas gibt es nicht. Ansonsten aber wirkt die Broschüre haptisch und optisch wie direkt von der Kultusbürokratie. Wer sie liest, merkt allerdings: Hier spricht nicht die Bayerische Staatsregierung, sondern ein etwas schüchterner Stimmenimitator.

Vor 75 Jahren verteilten die Geschwister Scholl ihre Flugblätter gegen die Nazidiktatur. Die Bayerische Staatsregierung schreibt zur Erinnerung daran einen Wettbewerb unter bayerischen Schülern aus. Sie werden aufgefordert, sich ein Regime auszusuchen – zur Wahl stehen: China, Eritrea, Nordkorea, Russland, Saudi-Arabien, Simbabwe, Sudan, Syrien, Tschetschenien, die Türkei und Usbekistan – und ein dort zu verteilendes Flugblatt zu entwerfen. Am 29. Juni, so der Plan des fingierten Ministeriums, sollen in den Münchner Kammerspielen die von einer hochkarätig besetzten Jury begutachteten Blätter prämiert werden.

Zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen – am Montag, 14 Uhr – war ein Bus der Bayerischen Staatsregierung/des Zentrums – in München von Ministerium zu Ministerium unterwegs und machte Reklame für den Wettbewerb. Nachdem er vom Hof der Sophie-Scholl- Schule vertrieben worden war. Auch vor den Ministerien konnte er wohl nicht lange stehen.

Wer – wie ich – die Aktion nicht in München beobachten kann, der wird sich trösten mit einem sehr hübschen Film, in dem das Ministerium/das Zentrum seine Aktion vorstellt. Er ist unter www.scholl2017.de zu sehen. Großartig ist die Darstellerin der „Staatssektretärin“ (der Druckfehler ist wohl gewollt) Franziska Eisenreich. Sicher wird sie von einer unserer Parteien demnächst engagiert werden.

Aus der Schule verwiesen

Aus dem Gymnasium wurden die Aktivisten verwiesen, weil es sich um eine politische Demonstration handele, nicht um Kunst. Nun ja. Das ist ein wenig wie mit dem Kopftuch. Man kann es für ein Kopftuch ansehen oder als Demonstration einer politischen Einstellung.

Wenn ich mir meinen Deutschlehrer Neumann aus den frühen 60ern in die Gegenwart hole, denke ich mir, er hätte so reagiert: Eine großartige Idee. Wir machen das mit den Flugblättern und wir nehmen die von Büchner dazu – „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ – und diskutieren, wie Kunst und Politik zusammenhängen und warum wir beides und manchmal ein Gemisch von beidem brauchen und warum manchmal die Vermischung – „Ästhetisierung der Politik“ – lebensgefährlich ist.

Eine solche Reaktion hätte der Aktion den Stachel genommen, aber es hätte sie genutzt zu einer sicherlich sehr amüsanten – wie sagt man heute – „Unterrichtseinheit“. Amüsant wäre sie gewesen, weil es daneben eine Reihe sehr obrigkeitsstaatlicher Reaktionen gibt, die ernsthaft erörtern, ob man gegen das Zentrum nicht wegen „Amtsanmaßung“ oder Missbrauch von Amtsabzeichen vorgehen sollte.

Man stelle sich vor, die Aktion hätte im Theater stattgefunden. Man hätte kein Ministerium erfinden müssen, auch keine Staatssekretärin. Das Theater wäre die Klammer gewesen, die alles als Fiktion kenntlich gemacht hätte. Desto genauer hätte man bei den Tatsachen bleiben können. Desto größer wäre das Gelächter über den Schuldirektor gewesen. Der aber wäre nicht real gewesen, sondern eine Kunstfigur.

Das Theater verlassen

Das Zentrum für Politische Schönheit hat das Theater verlassen. Es führt sein Stück mit wirklichen Helden auf. Jeder der Angesprochenen und auch wir, die Zuschauer, haben die Chance, uns zu blamieren oder uns mit einem fröhlichen Lachen aus der Affäre zu ziehen. Die Vorstellung allerdings, deutsche Schulen würden Schüler dazu ausbilden, weltweit als demokratische Kreuzritter aufzutreten, ist mir sehr unsympathisch. Das politische Engagement sollte das des Einzelnen und nicht die Aufgabe einer staatlichen Behörde sein.

Über all das und noch andere Fragen ließe sich ausgiebig und erregt streiten. Vielleicht geschieht das gerade in Münchner Schulen. Vielleicht bringt die Aktion Schüler und andere Menschen auf neue Ideen. Vielleicht ist diese Münchner Aktion ja erst ein Anfang. Am 7. und 8. Juli tagt in Hamburg das G20-Gipfeltreffen. Einige Präsidenten der erwähnten Staaten werden dort sein: China, Russland, Saudi-Arabien und Türkei. Ein paar Flugblätter könnten so viel leichter ihre Adressaten finden. Blaise Pascal schrieb: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Die Kunst, könnte man sagen, findet Wege, wo die Politik nur Barrikaden sieht.

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