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Das immer wieder auch als „Enklave“ bezeichnete Ceuta in Marokko.

Straße von Gibraltar

Flüchtlinge in Ceuta: Nah genug beieinander

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Streifzüge an der Straße von Gibraltar: Die aktuelle Situation der Flüchtlinge verweist auf Konflikte, die schon vor Jahren beschrieben wurden.

Der Passagier ist gehalten, neunzig Minuten vor Ausfahrt bereit zu sein. „Ceuta Jet“ wird den Terminal um sieben Uhr dreißig am Morgen verlassen, die Mole umrunden, und, nach der Passage der berühmten Silhouette Gibraltars und der Schiffe, die in der Bucht von Algeciras auf Reede liegen, Kurs Südsüdost halten. Den Kurs auf der maritimen Grenze zwischen dem Alborán-Meer (dem westlichsten Teil des Mittelmeers, benannt nach den unscheinbaren Felsen der Isla de Alborán weit vor Melilla) und dem Estrecho, der Meerenge von Gibraltar. Hier, um Gibraltar, und dort, um die Isla de Alborán, liegen die Brennpunkte der westlichen Mittelmeerroute der Pateras, der Migrantenboote aus Marokko.

Und hier öffnet sich das Panorama der Meerenge im Morgenlicht nach Westen mit dem Leuchtturm Faro de Punta Carnero im Vordergrund, mit dem Grün der Sierra del Cabrito rechter Hand darüber, deren Höhen sich nach Westen, Richtung Tarifa abflachen. So weitläufig die Meerenge im Morgenlicht vom Wasser aus erstrahlt, dort liegt die Engstelle zwischen Europa und Afrika: jene symbolischen vierzehn Kilometer. Jene schmale Lücke zwischen den Kontinenten, die im Süden, Kurs voraus, von der Felsenkulisse des Jbel Moussa, dem 851 Meter hohen Mosesberg, gekrönt werden.

Die Linie vom Leuchtturm am Europa Point auf Gibraltar zu dem auf Punta Almina, dem östlichen Kap von Ceuta, lässt sich als Verbindung zwischen zwei politischen Exklaven lesen. Im britischen Gibraltar haben bei den Europawahlen am 26. Mai 2019 stolze 77,4 Prozent der wahlberechtigten Bürger für die Liberal Democrats gestimmt – und damit ein erneutes Votum gegen den Brexit abgegeben (während Labour dort gerade noch 4,4 Prozent und den Conservatives verschwindende 2,7 Prozent der Stimmen blieben).

Das geografische Gegenüber in Afrika, die autonome spanische Exklave Ceuta, das phönizische Abyla, in der Antike durch die Legende der Säulen des Herakles verbunden, ist einer der neuen Hot Spots auf der veränderten Politik-Landkarte Spaniens, aus denen sich die ultrarechte nationalistische Vox-Partei speist, die hier, erst im Dezember 2013 gegründet, bei den Europawahlen mit 20,6 Prozent der Stimmen eines der stärksten Resultate in Spanien verbuchte (bei den Kommunalwahlen, den Elecciones Municipales vom 26. Mai, waren es gar 22,4 Prozent – nach gerade einmal 0,5 Prozent im Jahr 2016). Algeciras, der Fährhafen und Auffangort für Migranten, stand bei den andalusischen Parlamentswahlen 2018 mit 19,5 Prozent für Vox kaum nach. Zwei Städte im Migrationsgeschehen der Westroute.

Klare Sicht: Das Gegenüber Tage zuvor schon, bei klarer Sicht unter den Schirmkiefern der Atlantikküste, war die gestreckte Silhouette Afrikas mit dem dreihundert Meter hohen Vorgebirge des Kap Spartel deutlich wie selten zu sehen. So nah, dass das Kap sich vom Sfumato des nach Süden auf die Stadt Larache zuschwenkenden Saums von Marokko wie ein Scherenschnitt abhob. Wenig weiter nach Osten, dort, wo sich Tanger in der zurückweichenden Bucht tarnte, schien selbst der helle Flaum der Hochhäuser am Boulevard Mohamed VI erahnbar zu sein. Oder war es nur Dunst über dem Wasser? Die Küste schob sich danach, zu Felsen mutiert, beim Kap Malataba erneut in den Vordergrund.

Dort drüben, dachte der Reisende, in Tangers legendärem Café Hafa, hatte Tahar Ben Jelloun seinen 1994 beginnenden Roman „Verlassen“ unverwechselbar Gestalt finden lassen und damit ein Datum gesetzt. Mit dem Café Hafa, dem „Observatorium der Träume“ für die Wanderungssüchtigen, die Abend für Abend auf das Zeichen des Gegenüber, das „Aufblinken der ersten Lichter Spaniens“ warteten. Um ihren Traum zu bestätigen, „die Meerenge zu überspringen“.

Von diesem Datum bis zum 29. Juni 2019, als die delacroixsche Kapitänin Carola Rackete („Die Freiheit führt das Schiff“) die „Sea-Watch 3“ in den Hafen von Lampedusa steuerte, sind ganze 25 Jahre vergangen. 25 Jahre, in denen die EU Jahr um Jahr mehr der bitteren Früchte ihrer Außen- und Entwicklungspolitik im Süden erntete, der die Vertrauenskrise in den Gesellschaften am südlichen Rand des Mittelmeers und denen der Subsahara gleichgültig war.

„Die meisten Analysen von Migrationsmotiven sogenannter Mittelschichten in armen Ländern zeugen von einer Vertrauenskrise dieser Schichten in die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer eigenen Nationen“, hatte der Politologe und Migrationsforscher Sami Naïr 2010 festgestellt, „und die Möglichkeit, einen Lebensstandard zu erlangen, der sich mit dem der reichen Länder vergleichen ließe. Nationale Identität in den armen Ländern, die sich oft polemisch gegen die westlichen Länder konstruiert, wird zunehmend unterminiert durch das Fortbestehen von Armut und ‚Fehlentwicklung‘; Sesshaftigkeit im Ursprungsland kann sich gegenüber dem Wunder schneller Bereicherung durch Emigration schwerlich behaupten.“ (Sami Naïr, „Europa wird mestizisch“, in: „Lettre International 91“, 2010) Oder eher: gegenüber dem Mythos vom Wunder der schnellen Bereicherung. Das auch ein europäisches Binnenproblem ist.

Das Vierteljahrhundert, das in Rede steht, beginnt bei Ben Jelloun damit, dass ein „Oberboss“ aus dem Rif-Gebirge (der „Drogenhandel reichte ihm nicht“) in Tanger „alle vierzehn Tage alte Schiffswracks voll mit armen Teufeln stopfte, die ihr ganzes Hab und Gut für eine Überfahrt nach Spanien blechten“. Heute ist nicht mehr von einem Oberboss die Rede, sondern von „Mafias“ in Marokko. Damals meinte Migration über die Straße von Gibraltar zunächst allein den Maghreb. Die Episoden wiederholten sich, mal so, mal anders, Jahr um Jahr.

Später tauchten Passagiere aus der Subsahara auf, ursprünglich eine Seltenheit. In Mahi Binebines Roman „Kannibalen“, zehn Jahre später veröffentlicht, stoßen sie zum Kreis der Protagonisten – in Gestalt zweier Malier („aus der Region von Segu, einem hübschen Dörfchen am rechten Ufer des Niger, nordöstlich von Bamako gelegen“). In den Jahren seither reichen die Migrationsquellen immer tiefer nach Afrika hinein. Auch diese Episoden wiederholen und verstärken sich, Jahr um Jahr. Wie bei einem Gelände, das durch Erosion zerfurcht wird.

Ihren Nachfahren, dachte der Reisende, konnte man womöglich an der Küste bei Atlanterra begegnen, an der Playa de los Alemanes am Fuße des Leuchtturms Faro de Camarinal. Einem hervorragenden Ansteuerungspunkt von Afrika aus, der hinter teuren Strandvillen in unübersichtliches Hügelland überging, das, licht mit Schirmkiefern und Macchia bestanden, schnelles Untertauchen an Land sicherte. So jedenfalls war es am 9. August 2017, als am hellen Tag ein großes Schlauchboot mit bulligem Außenborder anlandete, zehn, zwanzig, dreißig Afrikaner oder mehr mit leichtem Gepäck auf den Strand sprangen, zwischen erstaunten Nackten, aufgeschreckten Sonnenbadenden hindurch, in die Büsche rannten und verschwanden.

Sie konnten kaum auf direktem Weg über die Straße von Gibraltar gekommen sein, denn aus den klassischen Sammelpunkten wie Tanger waren Migranten aus der Subsahara lange schon verdrängt worden. Wo nicht, stießen sie, wie bei der Capitainerie in Tanger, an zwei geschosshohe Stahlzäune mit einer Krönung aus Nato-Draht. Die Verstärkung der Straßenkontrollen, berichtete „El País“, erschwerte die Ankunft in den Häfen im Norden Marokkos ohnehin. „Zum ersten Mal“, wird in der Zeitung aus einem internen Bericht für die Europäische Kommission zitiert, „wurde eine Gruppe aus der Subsahara vor der Atlantikküste bei Rabat abgefangen, 250 Kilometer von Tanger entfernt“ („El País“ v. 25. Mai 2019)

Die Angelandeten, die an der Playa de los Alemanes den Boden Europas erst einmal glücklich erreicht hatten: Wohin würden sie gehen? Wer würde sie in Empfang nehmen? Wo würden sie wieder auftauchen? In Benalmádena vielleicht, 180 Kilometer weiter östlich an der Costa del Sol, wo sie an der Promenade, dem Paseo Marítimo, an der Brüstung zum Strand mit Taschen-Imitaten und Sneaker-Doubles und Sonnenbrillen und Strandtüchern und Talmi-schmuck gefälschtes Zeug anboten, das kaum ein Blick streifte? Gerade gegenüber der Bar „Mare Nostrum“, den Chiringuitos und Strandrestaurants, in denen sich Touristen in der Sonne fläzten, Pescados und Raciones für 6 Euro und das Bier per Pint für 1,40 feilgeboten wurde? Und wenn: Sollte „so“ das vermeintlich richtige Leben aussehen?

Das Gegenüber: ein Schaulager für Ceuta, dessen Bevölkerung zu vierzig Prozent muslimisch ist. Hier hatte, das Vorbild unverkennbar, die Vox-Partei gefordert, eine „Mauer entlang der Grenze zu Marokko zu bauen“, um, „El País“ berichtete, „den mediterranen, europäischen und westlichen Way of Life zu verteidigen“.

Dabei gehört es zu den Paradoxien der vordersten Migrationszone, dass in Ceuta zu Marokko hin nicht etwa offene Grenzen bestehen, die durch eine „Mauer“ geschlossen werden müssten. Es existieren bereits martialische, doppelte, befestigte, sechs Meter hohe Grenzzäune mit Nato-Draht auf den Kronen, mit durchgehend elektronischer Grenzsicherung und Wachtürmen. Die Kehrseite des Zauns besteht, direkt hinter dem Grenzübergang Tarajal, aus einer billig gebauten Hallenstadt von Supermärkten und Lagern, die auf einem Kilometer Länge die Talseite zwischen der Grenze und dem muslimischen Barrio El Príncipe komplett ausfüllt: ein Schaulager europäischen Alltagskonsums. Ausgrenzender Zaun und anziehender Konsum, die zwei Seiten des europäischen Symbols.

Das Bruttoinlandsprodukt Ceutas wird vom Handel mit dem Süden getragen, den die Vox ausgrenzen will. Nahezu dessen Hälfte hängt vom öffentlichen Sektor ab, darüber hinaus von der Subventionierung der Exklave, von der Besteuerung der hier ansässigen Online-Glücksspiel-Unternehmen. Die Stadt profitiert nachhaltig vom Geschäftsmodell des Zollauslands, vom „irregulären“ Grenzverkehr.

Das europäische Schaulager zieht tagtäglich Tausende marokkanischer Kleinhändler und Kleintransporteure an – früher als Lastenträger, heute mit Handkarren. Vorzugsweise Frauen, die für zwanzig Euro Mulidienste für Händler in Marokko leisten.

Der kleine Grenzverkehr ist offen für marokkanische Putzkräfte und für Handwerker, die in den drei bis fünf Kilometer von der Grenze entfernten Quartieren von Ceuta-Stadt ihrer Beschäftigung nachgehen.

Wer das Glück hätte, stellt sich der Reisende vor, den Jbel Moussa bei klarem Wetter zu besteigen, sähe Europas südlichste Stadt Tarifa im Westen, die spanische Sierra del Cabrito gegenüber und den Felsen Gibraltars im Nordnordosten aufsteigen. Die Ebene des Campo de Gibraltar dahinter würde in der Ferne in die Silhouetten der Betischen Kordillere übergehen, mit dem Pico de los Reales (1450 m) über Estepona als vorgeschobener Bastion. Er läse die Meerenge von Gibraltar zu Füßen des Felsengipfels und das Alborán-Meer als Orte, die prädestiniert wären für den engsten Austausch über das Meer hinweg. Nachts dürften die Feuer der Leuchttürme auf engstem Raum, fünf an der spanischen Küste, fünf an der marokkanischen, Ceuta eingeschlossen, ein einladend-verbindendes Sternenbild abgeben.

Der Jbel Moussa, der gedanklich eher „zu einer Durchquerung der Zeit denn der Landschaft“ (Rafael Chirbes) einlädt, ist ein Ort, der die „Janusköpfigkeit“ Europas und der afrikanischen Welt ahnen lässt. Über die Passagen der Westroute sind im vergangenen Jahr offiziell gezählte 65 000 Migranten nach Spanien (die Kanaren eingeschlossen) gelangt. Auf gleicher Linie wie Matteo Salvini argumentiert die Vox-Partei, dass die Seenotrettung der Salvamento Marítimo für die irregulären Migranten „als authentische Taxis für das Mittelmeer“ fungierten.

Bei europäischen Verhandlungen im Hintergrund, die das Ziel einer dauerhaften Unterstützung Marokkos zum Ziel haben, verweist Spanien auf die „6000 Millionen Euro, die der Türkei seit 2016 zur Eindämmung der Ausreise nach Europa und zur Unterstützung der in ihrem Hoheitsgebiet verbliebenen Flüchtlinge zugewiesen wurden“. („El País“ v. 29. März 2019). Diese stünden in horrendem Missverhältnis zur Unterstützung der Staaten an der Westroute.

„Die einander gegenüberliegenden Küsten sind nahe genug beieinander, um leichte Kontakte zu ermöglichen“, notierte David Abulafia in „A Human History of the Mediterranean“ (2011), „und weit genug voneinander entfernt, um es den Gesellschaften zu erlauben, sich auf eigene Weise unter dem Einfluss ihres Hinterlandes und der übrigen Anrainer zu entwickeln.“ Unter „Einfluss ihres Hinterlandes und der übrigen Anrainer“? Das meinte einmal eine Gemeinsamkeit des Austauschs, die über den Handel hinausging.

Rafael Chirbes las dieses Nahe-genug-Beieinander noch als Gemeinsamkeit der nördlichen und südlichen Ufer des Mittelmeers, auch als Gemeinsamkeit der Bewohner, „Größe und Wert einer jeden Sache zu bestimmen“ – auch der Kultur, sich darüber zu verständigen.

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