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Unerschrocken auf hohem Niveau: Szene aus „Tanz“.

Tanzfestival Rhein-Main

Florentina Holzinger „Tanz“: Coole Hexen auf Motorrädern

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Florentina Holzingers nackte „Tanz“-Tatsachen im Frankfurter Mousonturm.

Wow, das war ja mal extrem. Wem das erkenntnisträchtige Vergnügen an Arbeiten der 33-jährigen Österreicherin aus Amsterdam zuvor nicht vergönnt war, sah sich knapp vor Schluss des Tanzfestivals Rhein-Main einem sinnlich-gedanklichen Florentina-Holzinger-Überfall ausgesetzt. Höchst kunstvoll, wahrhaft spektakulär und leicht aggressiv exekutiert wurde es von einer Zehnerbande supercooler, beängstigend starker Frauen. Die weitaus älteste, Beatrice „Trixie“ Cordua, war lange John Neumeiers Primaballerina, was sie wohl als alte Hexe in „Tanz“ prädestinierte. Dass sie und weitere neun Frauen vorwiegend splitternackt agieren, spiegelt vielleicht auch Corduas Vorliebe für nacktes Performen, da sie sich „sehr frei erzogen“ nennt und sagt, sie wisse selbst nicht, „warum ich immer nackt bin“.

Nichts gegen Eve Enslers feministisch berührte „Vagina-Monologe“. Aber wie Cordua, Holzinger & Co. in ihrer Mixtur aus Tanz und Spektakel von klassischen Ballettexerzitien über Revuen bis Zirkus und Filmstunts scheinbar ungewollt antike Mysterien wie den der Demeter-Variante Baubo („Schoß“) aufgreifen, indem sie wie Baubo vor aller Männer-Welt den Rock heben und ihrer Vagina Hymnen singen, ist eine viel blutvollere Hausnummer. Blutleer wäre „Tanz“ nicht mal, wenn weniger auch echtes Blut die schneeweiße Bühne deflorierte und das Ganze nicht erst „ab 18“ freigegeben wäre.

Für Struktur sorgen alleweil Titel in Blutrot und diskursive Anreden, vor allem aber die Fiktion, wir wohnten einer Ballettklasse aus Girls unter der Fuchtel ihrer nackt-süchtigen Meisterin bei: eine getünchte Oberfläche mit schwiemeligem Pornoeffekt, durch die wir plötzlich, wie durchs Kaninchenloch, zum Archetypus niederplumpsen.

Wo Cordua als Alter Ego Holzingers figuriert, steht ihr in Annina Machaz noch ein junges Hexen-Pendant gegenüber, beides auf der Plotline des romantischen Ur-Balletts „La Sylphide“. Niemand lächelt so schön einzähnig aus blutigem Gesicht wie Machaz’ Zweite Hexe, die noch von der Höhe des schrankartigen Dings in der Hintermitte ihrem Helvetiertum Ausdruck verschafft.

Nikola Knezevics Bühne gibt einen Tanzboden mit jugendstilhafter Ornamentik und Eimern vor Projektionswand vor, hängt zwei Sportmotorräder zum Erklimmen und „Lufttanzen“ in den Himmel, lässt Actricen an Seil- und Flaschenzügen an den Haaren baumeln und macht Lucifire, eine Zirkus-Leihgabe, minutenlang an Haken im Rückenfleisch kreuz und quer über die Szene fliegen, als wären es Elfenflügelchen. Zum Team gehört auch Personal für Prothese, Maske, Effects und Stunts.

Was sagt es uns, wenn stolze Tänzerinnen ganze Stücke auf Nacktheit aufbauen? Vielleicht, dass alles wiederkehrt: nicht unverändert zyklisch, sondern spiralförmig. Auf höherem Niveau, zu neuverhandelten Bedingungen, als Intellektuellen-Revue 4.0.

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