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Die First Lady des Fernsehens hört auf

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Bestens vernetzt: Barbara Walters.
Bestens vernetzt: Barbara Walters. © afp/LOU ROCCO

Castro, Assad, Ghaddafi und Stallone – Barbara Walters hat sie alle interviewt. Nun hat die amerikanische TV-Legende angekündigt, dass sie 2014 aufhört.

Von Sebastian Moll

Wenn man heutzutage in den USA über Frauen im TV-Talk-Geschäft spricht, dann fällt Oprah Winfreys Name zuerst. Sie ist die uneingeschränkte Queen, die jeden Interview-Partner bekommt. Dabei gerät häufig in Vergessenheit, dass das Oprah-Phänomen nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Das ausgedehnte Prominenten-Interview, in dem die Reichen, Schönen und Mächtigen im Fernsehen einer Frau gegenüber ihre Seele entblößen, das hat nicht Oprah erfunden, sondern Barbara Walters.

Wenn die heute 83 Jahre alte Walters als Gastgeberin der Daytime-Talkshow „The View“, wie vergangene Woche angekündigt, 2014 geht, dann verschwindet eine echte TV-Pionierin von den US-Bildschirmen. Walters hat in den 60er- und 70er-Jahren im amerikanischen Fernsehgeschäft für Frauen die Tür aufgestoßen. Und Walters hat das Genre erfunden, das Oprahs Imperium begründete.

Entwaffnende Direktheit

Die Liste der A-Prominenten, die auf Walters Studio-Sessel gesessen haben, flößt sogar Oprah Ehrfurcht ein. Barbara Walters hat seit den 70er-Jahren jeden lebenden US-Präsidenten interviewt. Sie hat mit Michael Jackson geplaudert und mit Sylvester Stallone, als dieser mit „Rocky“ seinen Durchbruch landete. Sie hat Fidel Castro zu Gast gehabt und Bashir Al Assad. Und ja, sie war sich nicht zu schade, um mit dem Reality-Klan Kardashian zu reden. Ihr bis heute mit 74 Millionen Zuschauern erfolgreichstes Interview war jedoch das mit Monica Lewinsky, nachdem deren Affäre mit Bill Clinton publik geworden war. Das Gespräch war ein Paradebeispiel jener Interview-Technik, die Walters berühmt machte. Sie ist entwaffnend direkt und hart, das Gegenteil der übertrieben einfühlsamen Oprah. Und doch hat Walters es immer wieder geschafft, dass ihre Partner sich ihr gegenüber öffnen.

So scheute sie sich nicht, Lewinsky zu fragen, ob sie immer noch in Clinton verliebt sei. Sie fragte Cstro, ob er nicht glaube, dass der Sozialismus in seinem Land gescheitert sei. Sie fragte Assad, warum er seine eigene Bevölkerung umbringe. Und sie sagte Muhammar al Ghaddafi, dass sie ihn für verrückt halte.

Die harte Schale musste Walters sich zulegen, um sich in der „Mad-Men“-Ära als Frau in einem absoluten Macho-Geschäft durchzusetzen. Walters begann zu Beginn der 60er Jahre als Schreiberin und Rechercheurin beim Fernsehnetzwerk NBC. Für die meisten Frauen wäre der Posten bei einem ernsthaften Nachrichtensender bereits das Karriere-Limit gewesen. Doch die Tochter eines jüdischen Nachtclub-Impressarios wollte mehr.

So ergriff sie die Gelegenheit, die Präsidentengattin Jackie Kennedy bei ihrem Indienbesuch zu begleiten. Es war genau die Mischung aus einer „weichen“ Geschichte und der großen Politik, die damals eine Gelegenheit für Frauen im Journalismus darstellte. Die Berichte, die Walters mitbrachte, ließen die Sendeverantwortlichen aufhorchen. Ihren Durchbruch schaffte sie zwei Jahre später mit ihrer herausragenden Berichterstattung über das Ereignis des Jahrzehnts, die Ermordung von Jackie Kennedys Ehemann, dem beliebtesten US-Präsidenten der Nachkriegsgeschichte.

Sensationelle Scoops

Trotzdem musste die talentierte Journalistin noch lange Zeit hinter den männlichen Kollegen zurückstehen. Sie wurde zwar zur Co-Moderatorin der Nachrichtensendung „Today“ ernannt. Es wurde jedoch penibel darauf geachtet, dass sie Interviewpartnern erst dann Fragen stellen durfte, wenn ihre männlichen Kollegen fertig waren. Die Dünkel konnte Walters erst abschütteln, nachdem eine offen vor den Kameras ausgetragene Fehde mit ihrem Mit-Moderator Harry Reasoner dazu führte, dass die Zuschauer davonliefen. Walters gewann den Machtkampf mit Reasoner und etablierte sich als First Lady des Nachrichtengeschäfts.

Ihre Stellung konnte Walters nicht zuletzt deshalb über Jahrzehnte halten, weil ihr immer wieder sensationelle Scoops gelangen. Dank ihrer sorgsam gepflegten Kontakte in den oberen Sphären der amerikanischen Gesellschaft und der internationalen Diplomatie hatte sie bei zahllosen der größten Geschichten die Nase vorn. Sie sprach als erste mit Richard Nixon nach dessen Rücktritt, sie sprach mit Superman-Darstelller Christopher Reeves unmittelbar nach seinem Reitunfall, bei der er querschnittsgelähmt wurde. Und direkt nach dem 11. September interviewte sie den Bruder von Osama Bin Laden.

Vor den Schwierigkeiten, mit denen das Fernsehen im digitalen Zeitalter zu kämpfen hat, konnten Walters jedoch weder ihr Geschick noch ihre Verbindungen schützen. Genau wie die Quoten von Oprah sind die Quoten von Barbara Walters Daytime Show seit Jahren rückläufig. Oprah hat darauf reagiert, indem sie ihre Energie in andere Projekte steckt. Walters hingegen hat das Alter erreicht, in dem sie Schluss machen und zufrieden auf eine großartige Karriere zurückschauen kann.

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