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Nicht nur Spielen: Die Internetkonferenz re:publica 2018 setzt sich auch mit dem Hass im Netz auseinander.

re:publica in Berlin

Filterblase des politischen Konsens

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Auf der Netz-Konferenz re:publica in Berlin versichert man sich fleißig gegenseitig, auf der richtigen Seite zu stehen.

Warum übernehmen die Rechten zunehmend die Kommentarspalten im Netz? Wie stoppt man die Verbreitung von Fake News? Wie wehrt man sich gegen den Hass in den sozialen Medien? Ähnlich wie im vergangenen Jahr nimmt sich die Digitalkonferenz re:publica vor, die gesellschaftspolitischen Probleme des Internets in der analogen Diskussion zu lösen.

Es ist ein frommer und legitimer Wunsch, der mit dem vieldeutigen Motto „Pop“ ausgedrückt wird. Die „Power of People“ soll die Filterblasen des „Populismus“ zum „Poppen“ bringen („to pop“, platzen) und der schreienden Minderheit im Netz eine Mehrheit entgegensetzen, die nicht mehr schweigend zusieht, sondern aufsteht für die Verteidigung gesellschaftlicher Grundwerte wie Vielfalt, Respekt und Toleranz.

Eine riesige Plattform für Propaganda 

Noch vor ein paar Jahren hielt man diese Werte für selbstverständlich. Doch seit der sogenannten Flüchtlingskrise ziehen nationalistische Kräfte in die europäischen Parlamente ein und sorgen dafür, dass sie wieder zur Diskussion stehen. Das Internet trägt daran keine Schuld, bietet den Rechten aber eine riesige Plattform für ihre Propaganda vom vergewaltigenden Migranten und der Notwendigkeit zur Abschottung vor dem Fremden. Dabei hatte das Internet doch genau das Gegenteil versprochen, es war eine Utopie von der Öffnung aller Kommunikationsschranken über Ländergrenzen hinweg, es wurde gefeiert als Medium der Transparenz und Freiheit, das Diktatoren stürzen und Kulturen zusammenbringen kann.

Heute spricht man weniger über die Möglichkeiten als über die Gefahren des Internets und über die gesetzliche Regulierung jener Quasimonopole, deren übermächtige Algorithmen Falschnachrichten mit hoher emotionaler Intensität bevorzugen und dafür die Faktentreue vernachlässigen. Vom scheinbar perfekten Medium der Demokratie zum Problemkind – die Debatte über das Internet hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Das wirkt sich auch auf die re:publica aus, die 2007 zum ersten Mal mit 700 Teilnehmern weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit abgehalten wurde. Zur „res publica“, übersetzt „öffentliche Sache“, ist die Digitalkonferenz erst über die Jahre mit der fortschreitenden Digitalisierung geworden. Mittlerweile kommen Tausende zur Konferenz nach Berlin und diskutieren fast jedes erdenkliche Thema, weil die Digitalisierung fast jeden Bereich betrifft. Doch bei keinem Thema ist man sich so einig wie beim Kampf gegen den Hass im Netz.

Keine Vertreter von Facebook und Co. anwesend 

Und genau hier liegt das Problem, denn die re:publica ist eine Veranstaltung des politisch-gesellschaftlichen Konsens, auf der viel diskutiert, aber nichts entschieden wird. Wenn links-progressive Gleichdenkende sich gegenseitig versichern, auf der richtigen Seite des Diskurses zu stehen, was interessiert das die Rechten? Wenn über mögliche Konsequenzen aus dem Cambridge-Analytica-Skandal um Datenklau und Wahlmanipulation mit Falschnachrichten diskutiert wird, was interessiert das die Verantwortlichen bei Facebook? Cambridge Analytica meldete gerade erst Insolvenz an, weil es sich die steigenden Anwaltskosten nicht mehr leisten kann.

Facebook aber wird abgesehen von einigen kosmetischen Veränderungen so weitermachen wie bisher – und kein Vertreter des größten sozialen Netzwerks wird auf die re:publica kommen, um sich dafür zu rechtfertigen.

„Zivilcourage“ ist ein oft bemühtes Wort in den Diskussionen, das in der Sache zweifellos seine Berechtigung hat, aber für viele nach einer leeren Formel klingt. Es klingt weniger konkret als das Angebot der Rechten, Andersartigkeit konsequent auszugrenzen. Blogger-Pionier und re:publica-„Klassensprecher“ Sascha Lobo fasst das in seinem Vortrag auf der Digitalkonferenz treffend zusammen und fordert, dass die Gesellschaft eine eigene politische Vision entwickelt, die über die reine Abwehr der Rechtspropaganda hinausgeht. Klarmachen, wofür man kämpft – und nicht nur wogegen.

Lobo formuliert das so: „Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken knutschend an jedem Ort mit einer stillenden, schwarzen, behinderten Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzen kann – ohne Angst um ihre Existenz haben zu müssen.“ Mehr Minderheiten kriegt man kaum unter in einem einzigen Satz, weshalb Lobo die Lacher des Publikums auf seiner Seite hat. Ob man damit diejenigen überzeugt, für die schon jede einzelne dieser Minderheiten eine Gefahr für das heimatliche Deutschland darstellt, darf bezweifelt werden.

Aber warum empfindet man Minderheiten überhaupt als Gefahr und nicht als Bereicherung? Glaubt man Lobo, dann hat das auch damit zu tun, dass in der öffentlichen Debatte nicht offen genug mit unangenehmen Wahrheiten und Integrationsproblemen umgegangen wird. „Wenn man die richtige Statistik braucht, um nicht rassistisch zu sein, dann ist man auf dem falschen Weg.“ Keine Verharmlosung, sondern ein offensiver Umgang mit schmerzhaften Wahrheiten soll also helfen gegen den Rechtsruck im Netz. Das dürfte nicht die schlechteste Idee sein, wenn es die rechten Vorwürfe von „linksgrünversiffter“ Politik und „gleichgeschalteten“ Medien zu entkräften gilt. Die Frage nach der Herkunft der Angst vor dem Fremden führt unmittelbar zu der Frage, warum die Rechten und ihre Rhetorik überhaupt „so hip im Netz“ sind, wie die Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig formuliert.

In ihrem Vortrag kommt sie zu dem Schluss, dass Beharrlichkeit eine große Stärke der Rechten darstellt. Auch wenn ihre falschen Statistiken über kriminelle Flüchtlingshorden schon längst widerlegt sind, wirkt der Narrativ von der natürlichen Verknüpfung zwischen „kriminell“ und „Flüchtling“ weiter, weil er in leichten Variationen immer wieder und unermüdlich retweetet, gepostet und geteilt wird. Wenn es also etwas gibt, was man sich von den Rechten abschauen sollte, dann ist es deren Beharrlichkeit, schlussfolgert Brodnig.

Die re:publica hält sich an diesen Rat und bleibt beharrlich dran am Thema, auch wenn sich jeder Teilnehmer darüber im klaren sein dürfte, dass eine Konferenz die Welt nicht verändern wird. Aber es ist ein Anfang. Und es stärkt den Zusammenhalt, so viele Gleichgesinnte auf einem Haufen zu sehen, die die freie Gesellschaft lieben und die Schnauze voll haben vom Hass im Netz.

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