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Relikt der digitalen Steinzeit: der Commodore PET 1977.

Filmmuseum Frankfurt

Neue Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum - Interaktiv und revolutionär

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Das Frankfurter Filmmuseum zeigt mit „Digital Revolution“ eine interaktive Ausstellung über die Änderungen durch digitale Technologien.

Es fühlt sich an wie in der Steinzeit. Dem Ohr drängt sich ein rhythmisches Piepsen auf, dazwischen ab und an ein Bing-Ton – die typischen Geräusche von Videospielen der vergangenen Jahrzehnte, die auf großen Bildschirmen zu sehen sind. Der Blick fällt zunächst aber auf die grau-beigen Klötze geradeaus, an denen nur die abgerundeten Bildschirme und klobigen Tastaturen erkennen lassen, dass es sich hier um die ersten Computer handelt: den Apple II und den Commodere PET, die aussehen, als stammten sie aus einer weit entfernten Vergangenheit, der digitalen Steinzeit, wenn man so will. Tatsächlich stammen sie aus dem Jahr 1977.

Es hat sich viel getan, seitdem der erste „Heimcomputer“, wie es damals so schön hieß, entwickelt worden ist. Dieser Entwicklung widmet das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt nun die Ausstellung „Digital Revolution“. Der Begriff bezeichnet bedeutende Änderungen durch digitale Technologien, die seit Anfang der 90er Jahre das Arbeits- und Privatleben komplett auf den Kopf gestellt haben. Dass diesem Umbruch aber einiges vorausgegangen ist, will die Schau zeigen. Gleichzeitig fragt sie, was digitale Kreativität eigentlich ist und wie sie sich entwickelt hat – und beginnt dabei ganz vorne.

Interaktive Ausstellung im Filmmuseum

„Archäologie des Digitalen“ ist der erste Ausstellungsbereich betitelt, in dem der Commodore PET und der Apple II zu sehen sind (letzterer wurde, so erzählt man sich zumindest, nur deshalb von Steve Jobs erfunden, weil der einen Heimcomputer haben wollte, auf dem er „Breakout“ spielen konnte). Auch der Fairlight CMI von – der erste Synthesizer, der auch Töne sampeln konnte – daneben wirkt wie ein historisches Denkmal für noch gar nicht so entfernte Zeiten (er wurde 1979 erfunden), in denen die Welt und auch das Musikmachen noch ein bisschen anders funktionierten.

Zu den Meilensteinen der digitalen Revolution gehören nicht zuletzt Videospiele – und weil die Ausstellung explizit interaktiv angelegt ist, lässt es sich an Joysticks und kleinen Minicomputern wunderbar in die Vergangenheit eintauchen. Die spätestens in den 90er Jahren geborenen Besucherinnen und Besuchern dürften sich beim Spielen am Nintendo Game Boy in die eigene Kindheit oder Jugend zurückversetzt fühlen – allen, die jünger sind, muss der Anblick (und die im Vergleich mit heutigen Spielen auf dem deutlich kleineren Smartphone doch etwas umständliche Handhabung) beinahe unwirklich vorkommen.

Methoden des digitalen künstlerischen Arbeitens

In den folgenden Räumen löst sich die Ausstellung vom Nachzeichnen wichtiger Entwicklungen und lenkt den Blick auf Bereiche und Methoden des digitalen künstlerischen Arbeitens. Dabei geht es auch darum, dass sich Menschen durch die zunehmende Digitalisierung in allen Bereichen des Lebens immer häufiger aktiv beteiligen (können) – und mitproduzieren statt nur zu konsumieren. „Exquisite Clock“ von João Henrique Wilbert etwa ist eine Uhr, deren Zeitanzeige aus Abbildern von Zahlen besteht, die Nutzerinnen und Nutzer ihm zugeschickt haben.

Deutsches Filmmuseum Frankfurt: bis 20. Oktober www.dff.film

Die Schau wurde ursprünglich von Conrad Bodman für das Barbican in London kuratiert. Für das Filmmuseum musste sie von 1600 auf 600 Quadratmeter verkleinert werden – der Fokus bei den in Frankfurt gezeigten Exponaten liegt deshalb auf Bewegtbildern. Und so erzählt auch eines der beeindruckendsten Ausstellungsstücke die Geschichte hinter einem berühmten Film – in diesem Fall „Gravity“, dem Blockbuster, in dem Sandra Bullock eine Wissenschaftlerin spielt, die Reparaturen an einem Weltraumteleskop durchführen soll und plötzlich durch einen Unfall in die Weite des Weltalls geschleudert wird.

Die Bilder des Weltraums, die im Film so real wirken, als seien sie tatsächlich dort aufgenommen worden, waren nur mit digitaler Hilfe zu realisieren, nämlich der „Lightbox“, die im Filmmuseum nachgebaut ist. Die drei Meter lange Box ist an zwei Seiten mit LED-Monitoren ausgestattet. Für die Weltraumszenen wurde Bullock in der Mitte der Box auf einem rotierenden Gerüst festgeschnallt, das das schwerelose Umherdriften im All nachahmte. Dank der Monitore im Hintergrund konnten nachträglich Licht- und Bildeffekte eingefügt werden. So entstanden fast real wirkende Eindrücke wie aus den Tiefen des Weltalls.

Auch der Science-Fiction-Film „Inception“ wurde mit digitalen Techniken produziert. In der Ausstellung aufgegriffen wird insbesondere eine Szene, in der der Stadtplan von Paris in einer anderen Dimension bewegt und geschüttelt wird. Wer seine Hand zuhilfe nimmt, kann selbst ausprobieren, wie sich der Stadtplan der französischen Hauptstadt nur durch leichte Bewegungen kippen und lässt und so zu einem Spielball der eigenen Willenskraft wird.

Datenschutz im digitalen Raum

Schließlich spielt auch die Musik in der Ausstellung eine Rolle. Thematisiert und gezeigt werden etwa besonders bedeutende Musikvideos. Computergenerierte Musik und die Veränderung der Musikszene durch Sampling und Filesharing sind ebenfalls Thema. Und auch hier lässt sich wieder einiges ausprobieren: „The Wilderness Downtown“ etwa ist ein Projekt, das für den Song „We Used To Wait“ der kanadischen Band Arcade Fire konzipiert wurde. Die dazugehörige Website nutzt Google Maps und mehrere Browser, damit die Nutzerinnen und Nutzer das Musikvideo auf ihren Heimatort zuschneiden können. Ist die eigene Heimatadresse einmal eingetippt, beginnt ein nostalgischer Film mit Vogelschwärmen und einer rennenden Figur im Kapuzenpulli – eine Reise in die eigene Vergangenheit, wenn man so will, und die Möglichkeit, dem eigenen jüngeren Ich eine Geschichte zu schreiben.

Die Aspekte der Ausstellung, die wegen der kleineren Fläche im Filmmuseum nicht behandelt werden können – wie Fragen zum Datenschutz im digitalen Raum oder zu Vereinfachungen im Alltag –, werden im begleitenden Rahmenprogramm in Vorträgen und Workshops aufgegriffen. Eine Filmreihe zeigt außerdem die Veränderungen durch die Digitalisierung und konzentriert sich im Juni auf Filme, die auch in der Ausstellung eine Rolle spielen.

„,Digital Revolution‘ zeigt, wie sich die digitale Technologie in einer Reihe von Medien verbreitet hat, vom Film über das Webdesign bis hin zu Videospielen“, sagt Neil McConnon, der Barbican International Enterprises in London leitet. Er hoffe, dass die Ausstellung veranschaulicht, wie zeitgenössische Künstler bei dieser Entwicklung immer noch Pionierarbeit leisten und die Grenzen der Technologie erweitern, um neue Ausdrucksform zu finden.“ Und so bleibt schließlich nur die Frage, wie sehr sich diese Grenzen erweitern lassen – und wohin die digitale Revolution noch führen mag.

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