Bereits am fünften Wochenende nach dem offiziellen Kinostart im Januar knackte „Ziemlich beste Freunde“ die Vier-Millionen-Marke und war damit der erfolgreichste französische Film in Deutschland seit über zwanzig Jahren.
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Bereits am fünften Wochenende nach dem offiziellen Kinostart im Januar knackte „Ziemlich beste Freunde“ die Vier-Millionen-Marke und war damit der erfolgreichste französische Film in Deutschland seit über zwanzig Jahren.

Französischer Kassenerfolg

Filmkritik „Ziemlich beste Freunde“

Die Komödie war der erfolgreichste französische Film 2011 - und unsere Autorin weiß, auch, warum.

Von Anke Westphal

Wann hat man zuletzt einen deutschen Film gesehen, in dem sich verschiedene Milieus, soziale Schichten, Klassen oder wie immer man das nennen möchte, begegnen? Einen Film, in dem ein Chef nicht nur seinen Assistenten terrorisiert und der wiederum den Hausmeister, sondern einen, in dem höchst differente Parteien als gleichrangig behandelt werden.

Wo sich Ober- oder Mittel- und Unterschicht auf Augenhöhe treffen, ohne dass die Unterschiede beschönigt werden. Wir können uns nicht erinnern. Das deutsche Kino wahrt fast eine Apartheid der Milieus, wohingegen das französische die Konfrontation oder auch Kollision nicht scheut. Jüngstes, zudem sehr amüsantes Beispiel ist die Komödie „Ziemlich beste Freunde“ von Olivier Nakache und Eric Toledano. Sie war der erfolgreichste französische Film des Jahres 2011.

Wie in so vielen anderen Übertragungsfällen trifft auch hier der Originaltitel die Sache besser: „Intouchables“, zwei Unberührbare stehen im Mittelpunkt der Handlung, wobei das französische Wort durchaus den Beiklang von Zynismus haben darf. Philippe ist ein schwerreicher Erbe, zu Hause in einem Pariser Palais, dessen Wände mit wertvollen Gemälden und die Kommoden mit Fabergé-Eiern satt dekoriert sind. Diverse Angestellte und Anwälte stehen bei Fuß. Das soll ein Unberührbarer sein?

Nun, Philippe ist vollständig gelähmt, schwerstbehindert; ein Sportunfall. Er braucht 24 Stunden am Tag beste Betreuung, die er sich auch leisten kann. Und hier kommt der frisch aus dem Knast entlassene, arbeitslose Driss ins Spiel. Der Schwarzafrikaner bewirbt sich nur pro forma als Pfleger bei dem kultivierten Philippe, um Sozialhilfe beziehen zu können, wird aber zu seiner Überraschung von diesem eingestellt. Denn Philippe gefällt gerade, dass Driss ihn nicht wie einen Behinderten behandelt, nicht betüttelnd, sondern robust bis zur Schmerzgrenze – nur dass Philippe keine Schmerzen mehr spürt. Die Authentizität von Driss verdankt sich allerdings dessen Desinteresse und Inkompetenz. Die anderen Angestellten finden ihn unverschämt.

Der Film begleitet die beiden Männer nun beim gegenseitigen Kennenlernen im alltäglichen Umgang, ohne sich weiter mit Sentimentalitäten, Motiven oder sonstigen Erklärungen aufzuhalten. Die Regisseure Nakache und Toledano lassen vielmehr (das fast im Wortsinn) zwei Welten aufeinander prallen und zeigen in dieser Konfrontation wie nebenbei, was jedem der beiden Männer fehlt an Perspektive.

Aber auch mit Integrationsphrasen hält sich dieser Film nicht auf – und ist bei aller Alberei gerade deswegen glaubhaft, weil er die Konflikte nicht allein bewusst macht, sondern stehen lässt, aushält.Letztlich geht es um die Frage, wie viel Kontrolle über ihr Leben Außenseiter in der Gesellschaft haben können, ob nun vorbestrafte Migranten oder Behinderte. Philippe ist eben nicht der arme reiche Krüppel, sondern ein Mensch, der mit so extremen physischen Einschränkungen leben muss, dass ihm nicht viel mehr bleibt, als zu beobachten und zu formulieren.

In allem ist er abhängig, auch darin, welche Beobachtungen ihm zugänglich gemacht werden. Immer muss er bitten darum und bezahlen dafür. Dass Driss wiederum an einem entscheidenden Punkt steht, wird ihm überhaupt erst im Umgang mit Philippe klar: Verantwortlich handeln zu müssen, verändert ihn.

Ohne Klischees geht das nicht ab, doch das vorzügliche Spiel der Hauptdarsteller François Cluzet (Philippe) und Omar Sy (Driss) vertieft hier vieles. Wenn Driss’ Getto-Methoden auf Philippes Rebellionswunsch treffen, schwingt doch Melancholie mit. Das ist hier die Kunst: Man lacht sich kaputt, etwa wenn Driss Philippe in die Oper begleiten muss und dort fassungslos eines singenden Baums ansichtig wird.

Aber die Differenzen, die Lasten und Defizite beider Existenzen werden nicht weggewitzelt. Dass die extremen Erfahrungen, die Prekariat und Bourgoisie hier miteinander machen, gleichermaßen Komik wie Spannung und eine Ahnung von Tragik produzieren – damit kann man als Zuschauer bestens leben. Auch ihn wird die Begegnung mit dem Bourgois und dem schwarzen Proll aus Frankreich verändern. Zumindest wird er danach etwas vermissen im deutschen Kino.

Ziemlich beste Freunde (Intouchables) Frankr. 2011. Buch & Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache, Kamera: Mathieu Vadepied, Darsteller: François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny u. a.; 112 Minuten, Farbe. FSK ab 6.

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