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Die Idylle trügt: Hier fand vor 100 Jahren eine gewaltige Explosion statt, das "Tunguska-Ereignis".

Tunguska-Katastrophe

Fiktionale Milchstraße

Das Tunguska-Event vor 100 Jahren regt die literarische Fantasie bis heute an. Sie inspirierte Stanislaw Lem zu seinem ersten Science-Fiction-Roman.

Von CLAUDIA SCHMÖLDERS

Man stelle sich vor, kurz vor dem Ersten Weltkrieg hätte ein Meteoriteneinschlag ganz Petersburg samt Umland zerstört. Hätte es diesen Krieg, hätte es überhaupt eine russische Revolution gegeben? Wäre die Welt nicht in Panik verfallen? Solche Fragen sind heute nicht out. Seit Jahren forschen Geo- und Astrophysiker über die Wahrscheinlichkeit solcher Katastrophen; die Nasa hat Gutachten über mögliche "Impacts" in Auftrag gegeben, und vor wenigen Tagen diskutierten in Moskau Wissenschaftler aus aller Welt zum x-ten Mal über das berühmte "Tunguska-Event" (TE) des Jahres 1908. Gottlob fand es eben nicht in Petersburg statt, weil der Meteorit vier Stunden früher in einer ganz anderen Region detonierte: in Sibirien - wenn es denn überhaupt ein Meteorit war.

Ziemlich sicher weiß man nur folgendes: Am 30. Juni 1908 flog gegen 7 Uhr 15 ein leuchtendes zylindrisches Objekt mit ca. 20 Kilometern pro Sekunde über die Taiga und explodierte mit einer Kraft, die stärker als 1000 Atombomben war, in ungefähr 5 bis 10 Kilometer Höhe über einem tungusischen Fluss. Die Schockwelle drückte im Umkreis von 2000 Quadratkilometern rund 80 Millionen Bäume nieder, doch wie ein Wunder blieb der sonstige Schaden gering.

Augen- und Ohrenzeugen sprachen von Erdstößen, von gewehrsalvenartigem Lärm und großer Hitzeentwicklung, was noch in einer Entfernung von 70 Kilometern spürbar war. Sämtliche eurasische Seismographen registrierten das Geschehen; am genauesten die Station von Irkutsk, deren Direktor auch als erster Umfragen veranlasste. Das bläulich grelle, sonnenhelle Licht löste sich erst nach mehreren Tagen auf; man soll es sogar in London gesehen haben.

War nun ein Meteorit eingeschlagen oder ein Komet explodiert, hatte es vulkanische Eruptionen gegeben? Apokalyptische Visionen entstanden, man sprach vom Ende der Welt und zitierte damit den damals berühmtesten französischen Astronomen, Camille Flammarion. Aber dann kam der Erste Weltkrieg. Erst zwischen 1921 und 1938 unternahm der russische Mineraloge Leonid Kulik für die sowjetische Akademie drei Expeditionen. Von Beginn an plädierte er für die Meteoriten- Theorie - kein Wunder, denn seit 1915 suchte die junge Sowjetunion fieberhaft nach kriegstauglichen Rohstoffen, und Meteoriten bestanden aus Eisen. Doch weder Kulik noch seine Nachfolger fanden Einschlagskrater oder Meteoritensplitter. Das Ganze blieb ein Rätsel - und wurde gerade deshalb zu einer der sprechendsten anthropologischen Chiffren des letzten Jahrhunderts.

Ein Jahr nach Hiroshima veröffentlichte nämlich ein russischer Physiker namens Kazantsev eine Science-Fiction-Story mit der Botschaft, es könne sich beim TE nur um den Unfall eines atomgetriebenen außerirdischen Raumschiffs gehandelt haben. Kazantsev hatte in Hiroshima die Effekte der atomaren Schockwelle wiedererkannt.

Seine Spekulation öffnete eine fiktionale Milchstraße. Sie inspirierte Stanislaw Lem zu seinem ersten Science-Fiction-Roman, "Die Astronauten". Dessen Plot wurde zu einer Ikone des Kalten Krieges. Kurt Maetzig verfilmte den Stoff 1960 für die Defa; 1961 lief der Film auch in der Bundesrepublik, und 1962, mit einigen Varianten im Drehbuch, auch in den USA - pünktlich zur Kuba-Krise. Die Botschaft hieß immer: Atomwaffen bedeuten Weltzerstörung; wer sie einsetzt, ist ein Alien.

Oszillieren zwischen apokalyptischem Naturereignis und finsterster Verschwörung

Dieser erste blieb nicht der einzige Plot. Das Oszillieren zwischen apokalyptischem Naturereignis und finsterster Verschwörung rief zahllose Varianten auf den Plan: Romane, Erzählungen, Songs und Spiele, zuletzt Vladimir Sorokin mit seiner Meteoriten-Sekte in "Das Eis" und neuerdings das Computerspiel "Geheimakte Tunguska". Womöglich wäre das Thema 1989 fiktional erledigt gewesen, hätte es nicht immer auch wissenschaftliche Spekulationen gegeben, teils ohne Scheu vor Nonsens.

Die aktuellen - keineswegs unumstrittenen - Moskauer Forschungen zum 100. Gedenkjahr tendieren zur eher banalen Asteroiden-Erklärung. Demnach entzündete sich ein steinernes Projektil von 50 bis 80 Metern Durchmesser beim Eindringen in die Atmosphäre und explodierte; sämtliche Rückstände zerstoben in der Luft.

Wer auch immer bei der Moskauer Konferenz das Sagen hatte: Ein Experte musste unsichtbar bleiben, obwohl gerade er den atmosphärischen Kern des TE weltbekannt machte. Gemeint ist Immanuel Velikovsky, jener rätselhafte Jude aus Witebsk, der die Tunguska-Explosion 1908 in einem Moskauer Gymnasium miterlebte. Gewiss kannte er, als Schüler im weltraumbegeisterten Russland, auch das Kometen-Buch von Camille Flammarion. Er starb 1979. Heute gilt er als (Mit-)Begründer des so genannten Katastrophismus: der Lehre von der Impact-Geschichte der Erde; und das, obgleich er eigentlich Psychoanalytiker und Philologe war.

Freilich war er auch leidenschaftlicher Zionist und bezog seine unerhörte und lebenslange Motivation zur Impact-Forschung aus dem Buch Josua, Kap. 10, Vers 11 - 14. Hier fallen Meteorsteine vom Himmel, verlangt Josua von Gott buchstäblich astronomische Eingriffe - und rettet so das Volk Israel. So ein Wunder wünschte sich Velikovsky spätestens seit 1939 für die Juden, aber es kam nicht. Mit seinen, von der Fachwelt überwiegend verhöhnten Spekulationen, wonach Himmelskörper einander durch Einschläge aus der Bahn stoßen können, kommentierte er auf seine Weise den Impact des Hitlerreiches.

Sein Buch nannte er "Worlds in Collision", Welten im Zusammenstoß (1950). Mochte auch physikalischer Unsinn darin stehen: Es handelte von der Urszene der letzten 100 Jahre, von der apokalyptischen Explosion, noch naturförmig am 30. Juni 1908, aber dann menschengemacht in Hiroshima 1945, und erneut am 11. September 2001 in New York.

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