Wie S. zu einer professionellen Zahnreinigerin aufstieg.
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Wie S. zu einer professionellen Zahnreinigerin aufstieg.

Times Mager

S. geht gern zum Zahnarzt

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Nach einer Familienpause: Der souveräne Karriereweg der Frau B., genannt S. 

Frau B., beziehungsweise S., wie sie hier allgemein genannt wird, die allerdings nicht zu verwechseln ist mit der lieben Nachbarin S. – S. also (nicht die Nachbarin!) geht offenbar gern zum Zahnarzt. Sie tut das jeden Tag, und wenn nicht alles täuscht, tut sie es sogar jetzt noch viel lieber als vor, sagen wir, fünf Jahren.

Frau S. ist ungefähr das, was für Leute mit Haaren vielleicht die Friseurin ist. Sie interessiert sich deutlich, aber unaufdringlich für die Lebensumstände des Kunden, wie der Patient hier in der unternehmerisch straff organisierten Praxis gern genannt wird, was einen auch wieder nicht wundert, seit es zu den zwei positiven Ergebnissen der Schröder’schen Agenda 2010 gehört, auch die Menschen, die ebenso zwangsweise beim „Jobcenter“ erscheinen wie der Kunde beim Zahnarzt, als „Kunden“ zu bezeichnen. Was war noch mal das andere positive Ergebnis?

Vor, sagen wir, fünf Jahren arbeitete Frau B., genannt S., sich nach einer Familienpause gerade wieder als Zahnarzthelferin ein, falls die Bezeichnung heute noch erlaubt ist. Und um es rundheraus zu sagen: Es hakte und klemmte an allen Ecken und Enden, die Handgriffe waren noch nicht recht mit der Ärztin abgestimmt, und der Patient, obwohl Kunde, spürte eine gewisse Spannung und Unzufriedenheit im Behandlungszimmer.

Jetzt, ungefähr fünf Jahre später, ist S. zur professionellen Zahnreinigerin aufgestiegen, und vollkommen autonom fuhrwerkt sie dem Kunden im Munde herum, dass es nur so eine Art hat, während sie, einer erfahrenen Friseurin gleich, so diskret wie deutlich nach den neuesten Entwicklungen und Ereignissen im Leben des Kunden fragt, wohl wissend, dass sie aus dessen weit geöffnetem Mund vorerst keine Antwort erhalten wird.

Kurz gesagt: Frau B., genannt S., hat in den letzten, sagen wir, fünf Jahren Karriere gemacht. Der Kunde, der ja nicht täglich in die Praxis kommt, kann die erfolgten Schritte im mehrmonatigen Rhythmus umso besser beobachten, und da geht es nicht nur ums professionelle Zahnreinigen, sondern um diese bescheidene Souveränität, die nur Menschen besitzen, die zwar wissen, was sie können, es aber nicht jedem auf die Nase binden müssen, was im Zusammenhang mit Zähnen ohnehin mal wieder eine ziemlich verfehlte Metapher wäre.

Die Nachbarin S., nicht zu verwechseln mit Frau B., genannt S., gestand übrigens dieser Tage, dass auch sie gern zum Zahnarzt gehe, obwohl sie etwas ganz anderes arbeitet. Sie empfinde dort deutlich, dass es Menschen gebe, die nichts anderes im Sinn hätten, als ihr Gutes zu tun. Um das noch deutlicher zu spüren, lasse sie sich auch keine Spritzen geben. Das tat dann doch ein bisschen weh.

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