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Feuchtwangers „Erfolg“ im Studio Naxos: Machtlos in München

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Von: Judith von Sternburg

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Selten am Boden: Florian Mania als Siegbert Geyer.
Selten am Boden: Florian Mania als Siegbert Geyer. © Robert Schittko

Das Studio Naxos zeigt den Schlussteil seiner kleinen, aber starken Trilogie „Erfolg“ nach Feuchtwangers Roman.

Der jüdische Münchner Rechtsanwalt Dr. Siegbert Geyer gehört zu den modernsten Figuren im ohnehin modernen Roman „Erfolg“ von Lion Feuchtwanger, 1930 erschienen. Geyers nüchterner Blick erlaubt ihm keine Illusionen über das Hochkommen der Rechtsextremen und über das dafür erschütternd geeignete Niveau seiner bayerischen Heimat, der er sich gewissermaßen stoisch zugehörig fühlt. Er arbeitet an einer „Geschichte des Unrechts im Lande Bayern vom Waffenstillstand 1918 bis zur Gegenwart“. Aber wie wir alle kann er nicht in die Zukunft schauen.

Im Roman ist er der Anwalt des offenkundig aus politischen Gründen juristisch verfolgten Kunsthistorikers Martin Krüger, in der „Erfolg“-Trilogie im Frankfurter Studio Naxos ist er die dritte Figur, die sich das Kollektiv „Eleganz aus Reflex“ aus dem großartigen Feuchtwanger-Personal gegriffen hat: Auf „Johanna“ (Krügers Freundin als Vertreterin der widerständigen Einzelnen) und „Otto“ (der Justizminister als Vertreter der politisch Mächtigen) nun „Siegbert“.

Ein Solo für Florian Mania, den Regisseurin Carolin Millner in der Naxoshalle auf einen eisblauen, samtigen, unterhöhlten Bergzipfel stellt (Ausstattung: Maylin Habig & Nils Wildegans). Hier lässt es sich eindrucksvoll in Zeitlupe jodeln, aber nicht Volkstümlichkeit ist ihr Begehr, sondern eine gute Stunde lang der Blick in den Kopf eines Menschen mit Übersicht und ohne die Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu ändern. Mania klettert, tippelt, starrt, wechselt auch minimalistisch, aber effizient die Rolle, wenn er Momente aus dem Gerichtssaal nachspielt. Manchmal verschwindet er im eisblauen Samtberg und taucht an unerwarteter Stelle wieder auf. Er erzählt, reflektiert, nicht verbissen, aber auch nicht lässig. Vielleicht ist da ein Hauch von resignativer Verwunderung darüber, dass die Menschen noch dümmer und schlechter sind als eh erwartet.

Präzision im Umgang mit Worten ist Geyers Metier, auch das macht Mania deutlich. Er wird nie laut, er stellt die schreckliche Geschichte mit Geyers Sohn so lakonisch vor wie die Berechnungen des Juristen zur rechtsextremen im Verhältnis zur linksextremen Gewalt. Florian Mania ist durchaus ein Typ, der eine Weile herumstehen kann, hängende Arme, lustige Kopfbedeckungen, die das „Erfolg“-Publikum schon kennt. Die Dinge sind lächerlich, Manias Geyer ist es nicht. Er hält wunderbar Abstand zu allem, auch zu uns auf der Tribüne. Die Textfassung überzeugt erneut, sie ist überhaupt kein Versuch nachzuerzählen und trotzdem spannend.

Studio Naxos in der Naxoshalle, Frankfurt: 3., 4., 5. Dezember (dann jeweils um 21 Uhr und vorher, 19 Uhr, die Produktion „Chöre des Spekulativen“). studionaxos.de

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