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Die US-Schauspieler Bing Crosby (v.l.n.r.), Rosemary Clooney, Vera-Ellen, und Danny Kaye singen zusammen im Film "White Christmas" aus dem Jahr 1954.

Gastbeitrag von Oliver Sacks

Festtagsklänge

Die segensreichen Wirkungen der Musik für unser Gehirn hat der Neurologe Oliver Sacks erforscht. Festtagsmusik hat eine ganz besonders starke Wirkung auf uns, sagt der Experte.

Von Oliver Sacks

Es ist nicht verwunderlich, dass fast jede Kultur ihre Festtage mit Musik begeht. Chanukka, Weihnachten oder das afroamerikanische Kwanzaa-Fest haben alle ihre eigenen Melodien und Rhythmen. Musik vereint uns in Gesang und Tanz, im Ritual und Spiel. Sie kann uns trösten und beflügeln, und sie verbindet eine Generation mit der nächsten. Festtagsmusik hat eine ganz besonders starke Wirkung, weil wir sie von klein auf hören und sie mit Familienfesten, besonderen Speisen, Gerüchen und anderen Sinneseindrücken assoziieren.

Der Mensch gehört zu den seltenen Gattungen, die Musik hören und auch machen können. Dabei ist Musik nicht nur eine unserer elementaren Kommunikationsmethoden, sondern sie formt auch unser Gehirn - wahrscheinlich, weil sie so viele verschiedene Bereiche unseres Gehirns in Anspruch nimmt (Emotion, Motorik und kognitive Funktionen), sogar noch mehr, als wir für unsere andere große Errungenschaft benutzen: die Sprache. Deswegen kann Musik Lernprozesse vereinfachen.

Es ist kein Zufall, dass wir unseren Kindern Dinge mit Reimen und Liedern beibringen. Dass wir einen Werbe-Jingle oder einen Radiohit nicht mehr aus dem Kopf bekommen, zeigt, wie tief Musik in unserem zentralen Nervensystem verankert ist, so tief, dass selbst bei Menschen mit schwersten neurologischen Leiden die Musik normalerweise das letzte ist, das ihnen entgleitet.

Ich habe das in den langen Jahren meiner neurologischen Praxis immer wieder erlebt. Die richtige Art von Musik kann jemanden aus der Parkinson-Starre befreien, so dass er singt und tanzt, auch wenn er sonst weder sprechen noch gehen kann. Viele Patienten mit Aphasie, einem meist durch einen Schlaganfall ausgelösten Verlust des Sprachvermögens, können durch Lieder wieder Wörter benutzen, die sie sonst nicht aussprechen können.

Menschen mit Tourette-Syndrom, die durch physische und manchmal auch verbale Tics behindert sind, erlaubt Musik oft, ihre Tics zu umgehen. Ich habe Patienten mit schweren Formen von Amnesie erlebt, die sich nicht erinnern konnten, was vor fünf Minuten war, die aber in der Lage waren, komplizierte Musikstücke zu singen und zu spielen oder sogar ein Orchester zu dirigieren.

Das musikalische Gedächtnis bleibt verschont

Selbst Patienten mit Alzheimer und anderen Demenz-Erkrankungen reagieren noch auf Musik, auch wenn alles andere sie nicht mehr erreicht. Alzheimer-Patienten vergessen ihre Angehörigen und Ereignisse aus ihrem eigenen Leben, aber das musikalische Gedächtnis bleibt merkwürdigerweise von den Verheerungen der Krankheit unangetastet. Selbst in Fällen von fortgeschrittener Demenz kann Musik oft persönliche Erinnerungen und Assoziationen wachrufen, die sonst unwiederbringlich verloren sind.

Vor einiger Zeit habe ich Mary Ellen Geist getroffen, eine ehemalige Radiosprecherin, die ein Buch geschrieben hat, "Measure of the Heart: A Father's Alzheimers, A Daughter's Return". Sie wandte sich an mich wegen ihres Vaters, Woody, bei dem sich vor 15 Jahren, im Alter von 67, Symptome von Alzheimer bemerkbar machten. Inzwischen, so sagte sie, "kann er sich an fast nichts mehr erinnern. Er weiß nicht, welchen Beruf er einmal hatte, wo er jetzt wohnt oder was er vor zehn Minuten gemacht hat. So gut wie alle Erinnerungen sind weg, bis auf die Musik."

Mary Ellen kam mit ihrem Vater und ihrer Mutter nach New York, um sich mit mir zu treffen. Mr. Geist trat in mein Büro mit einer sorgfältig zusammengerollten Zeitung unter dem Arm, schien aber nicht zu wissen, was eine Zeitung ist. Er war sehr gepflegt und schick gekleidet. Allerdings, so sagte mir seine Tochter später, hatte es dazu fremder Hilfe bedurft, denn auf sich allein gestellt könne es passieren, dass er sich die Hose verkehrt herum anzieht, seine Schuhe nicht findet, sich mit Zahnpasta rasiert und so weiter. Ungeachtet dessen war Woody (wie er sich gleich selbst vorstellte) überaus liebenswürdig und zuvorkommend.

Trotz der offensichtlichen Auswirkungen der Krankheit - der Verlust sowohl seiner persönlichen Erinnerungen als auch von Allgemeinwissen, seine Orientierungslosigkeit und Wahrnehmungsstörungen - war Woodys sanftes und freundliches Gemüt auf einer sehr viel tieferen Ebene erhalten geblieben, und er unterhielt sich mit mir in äußerst liebenswürdiger Weise.

Bald jedoch wurde er meiner Fragen, die er nicht beantworten konnte, überdrüssig - einfache Fragen wie "Können Sie das lesen?" oder "Wo sind Sie geboren?".

Mary Ellen hatte mir erzählt, dass Woody, Rosemary und ihre drei Töchter stets gesungen hätten und dass der Gesang ein zentraler Bestandteil ihres Familienlebens sei. Also bat ich Woody, "Somewhere Over the Rainbow" zu singen, und bald fielen Rosemary und Mary Ellen ein. Sie sangen sehr gut, mit verschiedenen Harmonien, und Woodys Minenspiel und Bewegungen passten zum Lied und zum Singen in der Gruppe (er drehte sich zu den anderen um, wartete auf ihren Einsatz und so weiter). Ob es sich nun um beschwingte Jazznummern, romantische Liebeslieder, komische oder traurige Stücke handelte - im Singen ging Woody völlig auf.

Musik kann ihn beflügeln, beruhigen und stimulieren

Woodys Musikalität war ebenso wie sein liebenswürdiges und ausgeglichenes Gemüt völlig intakt. Er schien so gesund, so "normal" während des Gesangs, dass seine hinterher wieder zutage tretende Desorientierung und Verwirrung völlig überraschend wirkte.

Für Woody, der sich nicht mehr alleine anziehen kann, ist das Singen von größter Wichtigkeit. Sich daran zu erinnern (jedes Mal aufs Neue), dass er singen kann, ist für ihn zutiefst beruhigend. Es ist eine der wenigen Fähigkeiten, die ihm geblieben sind, und sie kann wie nichts anderes seine Gefühle stimulieren, seine Fantasie, seinen Humor und sein Identitätsgefühl.

Sie kann ihn beflügeln, beruhigen und stimulieren. Sie kann ihm sein ansonsten entglittenes Selbst wieder zurückgeben, und nicht zuletzt kann sie andere Menschen erfreuen und ihr Erstaunen und ihre Bewunderung hervorrufen - Reaktionen, die sehr wichtig sind für jemanden, der in seinen lichten Momenten sich seines tragischen Zustandes schmerzhaft bewusst ist und dann sagt, dass er sich "innerlich zerbrochen" fühle.

Die Auswirkungen von Musik - Verbesserung der Stimmung, des Verhaltens und sogar der Wahrnehmung - können bei Demenz-Patienten manchmal Stunden, ja Tage vorhalten. Die Forschung beginnt erst jetzt, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Durch Patienten wie Woody wissen wir nun, dass Musik eine wirksame Therapie für fast alle neurologischen Störungen ist. Musik ist weitaus mehr als eine schöne Zerstreuung. In ihr kommt auf elementare Weise unser Selbst zum Ausdruck - und oft ist sie unsere beste Medizin.

Also werde ich mich in der kommenden Festzeit mit soviel Musik wie möglich umgeben. Ich werde die Chanukka-Lieder meiner Kindheit wieder singen; ich werde mir Bachs Weihnachtsoratorium anhören, und ich werde mit Freunden in die Carnegie Hall gehen und Händels Messias, gesungen vom himmlischen St. Cecilia Chor, genießen. Außerdem werde ich viel Klavier üben, denn nach einer Pause von 60 Jahren habe ich nun wieder angefangen, Stunden zu nehmen.

Übersetzung: Andrian Widmann

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