„Fokus Lyrik“

Aus der Nische heraus, in die Gesellschaft hinein

Der Festivalkongress „Fokus Lyrik“ nimmt sich viel vor und bietet eine Fülle an Debatten und Anregungen

Von sehr ambitionierter Art und hohem Aufwand war am Wochenende der Festivalkongress Fokus Lyrik in Frankfurt. Über die vergangenen zwanzig Jahre einer erfolgreichen Entwicklung von deutschsprachiger Lyrik vor allem sollte Bilanz gezogen werden: Wo steht die Lyrik momentan? Was ist noch möglich? Um diese Fragen zu beantworten, sollten sich alle an einen Tisch setzen. Und so diskutierten Lyriker, Verleger, Kulturmanager, Wissenschaftler, Pädagogen und sonstige Teilhaber des geschriebenen Wortes im Rahmen verschiedener Podien zur Lage und Zukunft der Lyrik und zu einem möglichst breiten Spektrum lyrischer Tätigkeitsfelder. Unter anderem waren Dichter wie Ann Cotten, Jan Wagner, Daniela Seel, Safiye Can, Nora Gomringer, Daniela Danz und Durs Grünbein zugegen. Da ging es um Perspektiven des Creative Writing, Sprachgewalt, Tradition, Gesellschaft und Umwelt, aber auch Fragen der Kanonisierung, Literaturgeschichte und Literaturvermittlung im Schulunterricht. Man hatte sich viel vorgenommen.

Der Start sollte davon bereits eine Idee geben: In reflexiver Manier fragte man nach der idealen Eröffnung (FR v. 9. März). Methodisch wurde danach die Reflexion zur Grundlage dieses Kongresses gemacht, schließlich befragten sich die Akteure, darunter viele Lyriker, zur Lage der Lyrik.

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig ging so weit, der Lyrik die gesellschaftliche Funktion einer Opposition gegen sprachliche Verrohung im Internet zukommen zu lassen. Aber ist dieser Anspruch nicht etwas hoch gegriffen? Hat die Lyrik überhaupt das Potential, aus ihrer Nischenposition heraus in gesellschaftliche Prozesse entscheidend einzugreifen? Kann Lyrik, die doch hauptsächlich von einigen wenigen rezipiert und verfasst wird, überhaupt die Möglichkeit entfalten, innerhalb eines Klimas der Anfeindungen etwas Frieden zu stiften?

Neben den vielen Podien, in denen diskutiert wurde, muss man die Veranstaltung „Nachtblende Lyrik – Frankfurter Abend“ hervorheben, die gemeinsam vom gutleut Verlag und dem Salon Fluchtentier kuratiert wurde. Man konnte hier sehr gut sehen, wozu es führen kann, wenn kreative Akteure aus der Szene, ein Verlag und eine Gaststätte zusammenarbeiten.

Salon Fluchtentier ist ein Zusammenschluss Frankfurter Autoren, die sich zusammengefunden haben, um regelmäßig Lesungen zu halten. Die Veranstaltung fand abends in lauschiger Armosphäre im Frankfurter Salon statt. Hier konnte man, unter der Moderation von Yevgeniy Breyger und Michael Wagener, die junge Frankfurter Lyrikszene live erleben. Neben Caroline Danneil und Julia Drinberg, die aus ihren Debutbänden lasen, konnte man auch Unveröffentlichtes von Alexandru Bulucz hören. Er las unter anderem die Gedichte „Die Erinnerungskutsche“, „Lieber Welimir 1 und 2“ und „Zum Isenheimer Altar von Grünewald“. Fesselnd war aber auch die Leseperformance von Martin Piekar: Er las aus dem berühmten Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“ des im Dezember verstorbenen Frankfurter Lyrikers Paulus Böhmer, dem dieser Abend gewidmet war. Mit eindringlicher Vortragsweise bannte Martin Piekar die Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Alle Lyriker stellten zum einen ihr Können und den Bezug ihres Werks zur Gegenwart unter Beweis, zeigten aber auch ihre Verwurzelung in der Literaturgeschichte auf. Die zeitgenössische Szene ist lebendig und vielfältig – und vor allem förderungsbedürftig, das schien die Botschaft dieses großartigen Abends zu sein.

Inwiefern der Kongress seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden konnte, muss sich erst noch zeigen. Er diente ja unter anderem dazu, die Szene besser zu vernetzen und Strukturen zu schaffen, um sich effektiver für eine öffentliche Förderung von Lyrik in Deutschland zu engagieren. Das könnte gelungen sein, schließlich haben beinahe sämtliche Akteure der zeitgenössischen Lyrik auf dem Festival zusammengefunden.

Jedenfalls präsentierte man sich auf dem Kongress jung und dynamisch, kontaktfreudig, kreativ und lösungsorientiert. Man versuchte, die Grenzen zwischen Dichtung und ihrer Organisation aufzuheben, erzeugte eine kreative Atmosphäre. Und keineswegs war die Veranstaltung nur etwas für Leute, die selbst Teil der Szene sind. Sie war so offen gestaltet, dass man auch als Außenstehender eine gute Idee von den Möglichkeiten der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik bekommen konnte.

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