Sportmoderator Heinz Florian Oertel.
+
Sportmoderator Heinz Florian Oertel.

Reporterlegende Oertel

Das Fernsehen kam 50 Jahre zu früh

Ein neues Buch und ein RBB-Porträt zum Geburtstag: Die Reporterlegende Heinz Florian Oertel wird 85 Jahre alt.

Von Torsten Wahl und Michael Jahn

Seine sonore Bassstimme füllt noch immer jeden Saal. „Unverwechselbar“ nennt sie der Fußballtrainer Bernd Stange, der kürzlich wie viele frühere DDR-Spitzensportler und Trainer in den voll besetzten Münzenberg-Saal am Berliner Franz-Mehring-Platz gekommen war, um Heinz Florian Oertel zu sehen, zu hören und zu ehren. Morgen feiert der Reporter seinen 85. Geburtstag. Der RBB zeigt morgen ein Porträt, das einige seiner legendären Reportagen enthält, von den Siegen des Radsportlers Täve Schur bei Friedensfahrten und Weltmeisterschaften in den 1950ern bis zu den Olympia-Siegerküren von Katarina Witt in den 1980ern. Natürlich fehlen auch nicht Oertels viel zitierte Sentenzen zu den Marathon-Siegen eines Waldemar Cierpinski: „Wenn man steht, ist die Verbeugung tiefer!“ und „Väter, haben Sie Mut: Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge ruhig Waldemar!“

Obwohl er eine echte Fernsehlegende ist und häufig vor die Kamera trat, sieht sich Heinz Florian Oertel bis heute als Radio-Mann. „Das Fernsehen ist für mich 50 Jahre zu früh erfunden worden“, scherzt er im Münzenberg-Saal. Im Gespräch mit dieser Zeitung, für die er selbst viele Jahre lang eine Kolumne geschrieben hat, ergänzt er: „Fernsehzuschauer haben mit mir immer mehr Probleme gehabt als Radiohörer.“ Oertel preist die Arbeit beim Radio als Schule, die die Konzentration fördere und gut auf unvorhergesehene Situationen vorbereite. Bei Leichtathletik-Übertragungen hat er gern die Langläufe übernommen – da konnte er seiner Lust am Fabulieren mehr freien Lauf lassen.

Oertels besondere Qualitäten waren auch im Westen anerkannt. Sein SFB-Kollege Jochen Sprentzel attestiert ihm im RBB-Porträt „allererste Klasse“. Das ZDF lud Oertel, der ja immer als Stimme des DDR-Sports wahrgenommen wurde, sogar ein, das „Aktuelle Sportstudio“ zu moderieren. Dieses Angebot hätte er gern angenommen, doch der DDR-Fernsehchef Heinz Adameck hatte seine Probleme mit diesem brisanten Gastspiel, „eierte herum“, wie sich Oertel erinnert – so kam es nie zustande. In einem gerade erschienenen Buch, in dem sich Oertel mit Jan Hofer über sein Leben unterhält, beurteilt er auch seine damaligen West-Pendants, nennt Heribert Fassbender „einen guten Kollegen, aber leider keinen besonders guten Reporter“, erinnert sich an die Freundschaft mit Harry Valerien und nennt Dieter Kürten einen Angeber und Wichtigtuer, der auf den Osten gern herabsah. Unter den aktuellen Sportreportern findet Heinz Florian Oertel keinen einzigen, der richtig gut und originell wäre – so manches Schreien klingt in seinen Ohren jämmerlich.

Auf der „Erika“-Schreibmaschine

Die Dominanz des Fußballs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet Oertel nicht gut. „Dieses Überangebot entwertet sich und wird entwertet“, sagt er. Dass sich ein Heinz Florian Oertel an den Spielfeldrand stellt, nur um ein paar Sätze der „total überbezahlten Balltreter“, wie er sie in einem Buch nennt, einzufangen, ist schlichtweg nicht vorstellbar. Das Geld ist für ihn das schlimmste Doping überhaupt. Wenn er 50 Jahre jünger wäre, würde er sich nicht auf den Sport konzentrieren, sondern sich als „Mehrkämpfer“ in Unterhaltungsdisziplinen wagen – genauso wie zu DDR-Zeiten. Seine Sendereihe „Porträt per Telefon“ gilt heute als eine der ersten Live-Talks des deutschen Fernsehens. Dass die berühmte Studiowand, auf der sich alle 254 Gäste verewigt hatten, 1991 einfach auf den Müll geworfen wurde, ärgert Oertel bis heute.

Als Medientraditionalist, der jeden Morgen die Berliner Zeitung und den Tagesspiegel liest und dabei stets mit dem Sportteil anfängt, kann Oertel mit den neuen Medien, die auch die Sportübertragungen bereits stark verändern, nicht viel anfangen. „Da bin ich hinterwäldlerisch“, erklärt er offen. Seine Bücher hat er auf seiner „Erika“-Schreibmaschine geschrieben. Sein 14-jähriger Enkel Jonathan aber nutze die moderne Technik ganz selbstverständlich: „Wenn ich den nebenbei frage: Wann ist Emil Zatopek geboren?, dann tippt er ein bisschen herum und hat Sekunden später die Antwort.“ Vielleicht sollten man einige legendäre Oertel-Reportagen mal bei YouTube einspeisen – die mit „Waldemar“ ist schon drin.

Das Buch „Ein Leben für den Sport. Jan Hofer im Gespräch mit Heinz Florian Oertel“ ist im Verlag Das Neue Berlin erschienen, 128 S., 12,95 Euro.

Das TV-Porträt „Heinz Florian Oertel – Eine Reporterlegende“ läuft am Dienstag um 22.45 Uhr im RBB.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare