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Ferne Welten

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Kultserie auf Kultsender: „Raumschiff Enterprise“.
Kultserie auf Kultsender: „Raumschiff Enterprise“. © imago

Simone Emmelius will auf ZDFneo nicht das Fernsehen neu erfinden. Nur ein bisschen. So widersprüchlich wie das dortige Programm ist auch die Chefin. ZDFneo ist gutes Fernsehen jenseits des Mainstreams. Zuschauer könnten es allerdings mehr werden.

Von Jan Freitag

Gutes Fernsehen ist manchmal wie ein kluger Mensch mit Marotten: Ein bisschen absurd, ein bisschen gewöhnlich, bisweilen schwer erträglich, meist aber sehr nett, also kaum auszurechnen. Eine Wundertüte. ZDFneo zum Beispiel ist bei aller Klugheit voller Marotten und gerade deshalb so gut.

Der digitale Ableger des Zweiten zeigt Durchschnittsdokus wie „Terra X“ und Reportagen aus dem Abseits wie „Wild Germany“. Er kocht Abgehangenes wie „Lafer, Lichter, Lecker!“ auf und bereitet Frisches wie „Das Kneipenquiz“ zu. Er sendet Seniles wie „Die Wicherts von nebenan“ als letztes und Sensationelles wie „Mad Men“ als erstes. Er ist in einem Wort: Widersprüchlich.

Das schreit förmlich nach einer widersprüchlichen Chefin. Nach Simone Emmelius. Distinguiert ist sie und promoviert, zugleich goldbehangen und geschminkt. Trotz ihrer 53?Jahre kann sie blutjung wirken, allerdings auch steinalt erscheinen mit ihrer öffentlich-rechtlichen Gremienerfahrung. Das qualifiziert sie bestens für den jugendlichen Ableger des Seniorenfernsehens aus Mainz. ZDFneo sei eine „öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“, die man mit allem „außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren“ wolle, sagt sie.

ZDFneo will kaum jemand

Und doch: Seit dem Start im November 2009 hat sich der Spartenkanal reichlich Respekt erarbeitet. Schließlich ist ZDFneo gemeinsam mit seiner digitalen Schwester ZDFkultur nicht nur das Beste, was derzeit frei empfangbar ist, sondern auch erfüllter Staatsauftrag: relevant, lehrreich, spannend. Einziges Problem: Sehen will ZDFneo kaum jemand. „Es werden mehr“, beteuert Emmelius. Aber was ist schon ein halbes Prozent im Gesamtmarkt, was sind 0,9 im digitalen? Praktisch nichts. Und doch eine Menge, wenn sie sich für die Marke ZDF gewinnen ließen. Simone Emmelius geht es denn auch gar nicht so sehr ums Geschäft, sondern um „Köpfe, Formate, Genres“. Um unbekannte Gesichter wie den Sieger des „TVLabs“ Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch bekanntere wie das von Benjamin von Stuckrad-Barre.

Doch auch da hat sie plötzlich Baustellen, die sie sich wohl nicht hat träumen lassen. Höchstens in einem Alptraum. Benjamin von Stuckrad-Barre nämlich verlässt ZDFneo und geht zum Privatsender Tele 5. Sein Produzent Christian Ulmen erklärte dazu, das ZDF habe erst im Herbst über eine neue Staffel von Stuckrad-Barres Talkshow entscheiden wollen. Leider zu spät.

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind künftig exklusiv bei ProSieben unter Vertrag – oder jedenfalls „exklusiver“. Mit Turnschuh, Schlips und Schlagfertigkeit sind sie bisher Aushängeschilder des Senders. Ihr Hybrid aus albernem Abistreich und echter Late-Night, „neo Paradise“, sorgt für Strahlkraft ins Kommerzpublikum, also für Youtube-Klicks und Mediathek-Zugriffe. Wie lange noch, ist aber offen. Ins Hauptprogramm des ZDF werden die beiden, die auch als „Wetten, dass ..?“-Moderatoren zumindest vorstellbar waren, auf längere Sicht nicht mehr wechseln.

Jenseits des Mainstreams

Um 30 Millionen Euro Jahresetat zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, alles in einem und nichts zu sehr. Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem Zweiten, präzisiert Simone Emmelius, „wäre die Pest“, überzogene Abstraktion „die Cholera“. Um den Altersschnitt der Zuschauer unter die magischen 49 zu drücken, will man von der Zentrale „eine gewisse Mainstreamigkeit“ lernen. Mit dem Strom fließen will man nicht.

Das wäre die frische Seite. Auf der abgehangenen werden schon mal Altlasten versendet, derzeit die letzten Folgen der Telenovela „Spuren im Sand“, demnächst das reanimierte Rateshowrelikt „Die Pyramide“. Ganz abgesehen von „Soko“, „Die 2“, „Raumschiff Enterprise“, solchen Sachen. All dies wird durch neue Zutaten im Fernsehallerlei angereichert: dem „Kneipenquiz“ zum Beispiel mit dem Dittsche-Sidekick Jon Flemming Olsen. Und mit Sarah Kuttners Magazin „Bambule“, ein bisschen wie „Polylux“, nur besser.

Das Fernsehen neu erfinden, das weiß auch Simone Emmelius, kann ZDFneo nicht. Aber mit Leben füllen. Dafür begibt sich die Reportagereihe „German Angst“ ab August auf die Spur hiesiger Befindlichkeiten und das Wissensformat „Wie werde ich …“ auf die beruflicher Träume. Es gibt Serienimporte jenseits des Mainstreams, eine Dokusoap über Hamburger Assistenzärzte, sogar eine eigene Familienserie ist geplant, Tendenz Sitcom. Was man nicht alles so tut für das eine Prozent Marktanteil. (mit mi.)

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