30 Jahre Mauerfall

Feiern zum Mauerfall: Hauptsache auf der Höhe der Zeit

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Die Feiern zu 30 Jahre Mauerfall setzen arg auf Budenzauber.

Wer sich mitten im Getümmel befindet, verliert schnell den Überblick. Und so ist es denn auch kein Zufall, dass eine der aufregendsten Bilddokumentationen über die Zeit des Mauerbaus von jemandem stammt, der eher mit einem Blick von außen auf die dramatischen historischen Entwicklungen zu schauen vermochte. Aufgrund seines schwedischen Passes konnte sich der Fotojournalist Bernard Larsson, der später, am 2. Juni 1967, auch das berühmte Foto von dem niedergeschossenen Studenten Benno Ohnesorg gemacht hat, weitgehend frei und selbstständig in der Sektorenstadt Berlin bewegen. Zwischen 1961 und 1964 fotografierte er nicht nur Grenzanlagen und Stacheldraht, sondern auch die Menschen, die sich den weltpolitischen Entscheidungen ausgesetzt sahen, in ihrem Alltag.

Ein flüchtiges Blättern in dem opulenten Bildband (Verlag Schirmer/Mosel) reicht aus, um die bevorstehenden Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls als erinnerungspolitischen Vorgang aufzufassen, der immer wieder neu zu erschließen ist. Es gibt eben nicht nur den einen Blick zurück. Geschichtliche Erinnerungsdaten sind weniger ein gesellschaftspolitischer Zielpunkt als vielmehr Anlass für Abschweifungen, Selbstreflexion und Neupositionierungen.

Triumphale Gesten

In diesem Sinne sollte man auch den Veranstaltungsmarathon, den der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Montag vorgestellt hat, als Berliner Angebot verstehen, die Geschehnisse, die vor 30 Jahren zum Ende der DDR geführt haben, so nachdenklich wie nötig und so bunt und vielfältig wie möglich zu begehen. Das geht heute wohl nicht mehr ohne triumphale Überbietungsgesten. Wie anders soll man das Nebeneinander von einem Popstar wie Patti Smith, dem Berliner DJ Westbam und die Staatskapelle unter der Leitung von Daniel Barenboim verstehen? Die Woche rund um den 9. November wird als Festival mit sieben Open-Air-Ausstellungen, über 100 Einzelveranstaltungen und verschiedenen Aktionen inszeniert, das zudem darauf aus ist, die partizipativen Möglichkeiten digitaler Medien auszuschöpfen. Niemand soll sagen dürfen, man sei nicht auf der Höhe der Zeit. Besinnlichkeit und Kontemplation sehen jedenfalls anders aus.

Zudem hatte sich im politischen Raum zuletzt die Ansicht verstärkt, dass es gar nicht so viel zu feiern gebe. Die lange für plausibel gehaltene Vorstellung, dass sich mit der zeitlichen Entfernung von der einstigen Existenz zweier deutscher Staaten die gesellschaftliche Normalität eines geeinten Landes einstelle, hat sich als Trugschluss erwiesen.

„Wie alles anders bleibt“ ist der aktuelle Titel eines Buches, in dem die Autorin Jana Hensel ihre Texte und Analysen aus den letzten 15 Jahren in dem verbindenden Gedanken zusammenfasst, dass Ostdeutschland als neuer politischer Raum jetzt überhaupt erst entsteht. Das hat sehr viel mit oberflächlichen politischen Zuschreibungen von außen zu tun.

Was etwa haben politische Kommentatoren, die die neue rot-rot-grüne Regierung in Bremen ausdrücklich als erstes Bündnis in den alten Ländern mit der Linkspartei hervorgehoben haben, anderes getan, als an alten ideologischen Unterscheidungen festzuhalten? Der starre Blick auf Umfragen zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen hat ein unerfreuliches Drohgemälde heraufbeschworen, das Ostdeutschland als eine von politischen Orks bewohnte Landschaft ausweist. Kaum jemand hat sich dabei die Mühe gemacht, die sehr unterschiedlichen Stimmungslagen etwa in der Lausitz oder in Nordbrandenburg kenntlich zu machen. Stattdessen ist eine obsessive Beschäftigung mit Herkunfts- und Gesinnungsfragen zu beobachten, die das gebotene Einfühlungsvermögen in einzelne Geschichten und die wechselvollen Biografien der Beteiligten weitgehend verdrängt hat.

Die Feierlichkeiten aus Anlass von 30 Jahren friedlicher Revolution und Mauerfall haben sicher keine Agenda für einen neuen deutschen Gemeinsinn auf dem Programmzettel. Vielleicht aber bieten sie abseits des Budenzaubers die Gelegenheit, das Erlebte und Bekannte in ein neues Licht zu tauchen.

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