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Kruzifix im Klassenzimmer: Ist es als kulturelles oder religiöses Symbol zu deuten?

Populismus

"Der Fehler der Kirche ist die Annahme, dass Europa christlich ist"

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Der Fundamentalismusforscher Olivier Roy spricht im Interview mit der FR über die Kruzifix-Offensive nicht nur in Bayern.

Professor Roy, in Italien und Deutschland wird über Kruzifixe im öffentlichen Raum lebhaft debattiert. Man will, so die Befürworter, die jeweilige Identität stärken. War und ist Europa überhaupt christlich?
Früher war Europa christlich, die meisten Menschen praktizierten den Glauben und waren vor allem Gläubige. Natürlich gab es die Reformation, die dann zwei Christenheiten hervorbrachte. Europa war also lange Zeit christlich in religiöser Hinsicht. Seit den 60er Jahren haben die säkularen Werte wie sexuelle Befreiung, Abtreibung, Homo-Ehe die christlichen Werte säkularisiert. Noch zu Beginn der 60er gab es keine großen Unterschiede zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen in Bezug etwa auf Geschlechtergleichheit, also dass Männer mehr Macht haben sollten als Frauen und diese zuallererst Mütter seien und für den Haushalt zu sorgen hätten. Diese Werte wurden allgemein geteilt. Gleiches gilt für das Bild der Familie oder dass sexuelle Freiheiten kontrolliert werden sollten. Erst seit den 60ern haben wir eine wachsende Kluft. 

Mit welcher Folge?
Seitdem sind die in Europa dominierenden Werte nicht mehr länger die der christlichen Kultur. Das päpstliche Edikt vor einigen Wochen war hierüber von großer Klarheit. Er sagte, dass die in Europa dominante Kultur die des Todes sei. Die Kirche war also im Grunde die erste Instanz, die erklärte, dass wir nicht länger dieselben Werte teilen. Alle Werte, die seit 1968 denen der Kirche entgegenstehen, sind solche der Sexualität und Familie: von der Verhütung bis zur Homo-Ehe. Die dominante Kultur und die Kirche teilen nicht mehr länger, was Sexualität, Verhütung und Familie sein sollen. Es gibt also eine große Kluft zwischen der dominanten Kultur und den Werten und Normen der Kirche. 

Wie bewerten Sie die Position der Kirche?
Es gibt drei Beispiele, wo Kardinäle die Konservativen oder Populisten vorschlagen, das Kruzifix mehr zu fördern. In Wien hat der Kardinal Schönborn im Jahr 2009 der FPÖ vorgeworfen, das Kreuz gegen die Migranten zu gebrauchen. In Italien hat der Kardinal Tettamanzi von Milan beklagt, dass dies das kirchliche Ansinnen unterlaufe, weil es die Kirche in einen Gegensatz zu Migranten bringe. Und nun gibt es den Fall von München. Der Fehler von Seite der Kirche ist die Annahme, dass Europa christlich ist, auch wenn die Menschen nicht zur Kirche gehen, was ja der Fall ist. Nur zehn Prozent der Christen praktizieren ihren Glauben. Wenn die Kirche nun die Identitätspolitik mit dem Kreuz kritisiert, da das Kreuz ein Symbol des Glaubens sei, hat sie im Grunde Angst, dass der kulturelle Gebrauch des Kreuzes in öffentlichen Räumen der Säkularisierung weiter Vorschub leistet. Denn so wird in der Tat einer kulturellen Identität gehuldigt und weniger dem Glauben. 

Und hilft die Debatte also nicht, die Kluft zwischen Säkularen und Gläubigen zu überbrücken?
Das Kruzifix wird keine Brücke über der Kluft sein, die Menschen werden nun nicht deshalb in die Kirche gehen, weil Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden zu finden sind. Es wird die Zahl der Gläubigen auch in Bayern nicht anwachsen lassen. Zudem wird es auch keine Schnittmenge zwischen den Gläubigen und Nicht-Gläubigen schaffen, außer in einem einzigen Punkt: den Islam.

Inwiefern?
Es ist die einzige Sache, die die dominierende säkulare Gemeinschaft und die Gläubigen gemein haben. Sie identifizieren sich ganz offensichtlich nicht mit dem Islam. Für die Gläubigen ist die Kirche die einzige Quelle der Autorität und für die Säkularen existiert die einzig reale Bedrohung ihres Wertesystems durch die Muslime. Das Problem ist, dass in Bezug auf die Werte wie Familie und Sexualität die Kirche mehr auf der Seite des Islam denn auf der der Säkularen steht. Deshalb ist die Frage, ob das, was wir Christenheit nennen, etwas ist, was kulturelle Identität stiftet oder ist es ein Teil des Glaubens. Die Populisten in Oberitalien zum Beispiel gehen nicht zur Messe. Man findet mehr praktizierende Katholiken in der Demokratischen Partei als in den Fünf Sternen oder der Liga. Die Frage des Kruzifixes ist daher nicht einfach eine Entscheidung der Regierung in Bezug auf Folklore. Vielmehr liegt ihr eine wirkliche Debatte in Europa zugrunde: die Kluft zwischen säkularen und christlichen Werten. 

Deshalb handeln die Politiker so?
Sie handeln sicher aus parteipolitischen Gründen, erkennen aber nicht die wirkliche Dimension dahinter. Hauptsächlich ist es ihr Anliegen, dass muslimische Migranten keinen Platz in Europa haben. Sie erkennen aber nicht, dass sie die Kluft zwischen Säkularen und Christen vergrößern und zudem den Glauben für die sogenannte christliche Identität unterlaufen. Ein sehr vager Begriff, der rein negativ aufgeladen ist. Es hat letztlich wohl keine Folgen und ist mehr ein Spiel als etwas anderes.

Ist die Debatte über Kruzifixe in öffentlichen Räumen wie jetzt in Bayern neu oder hat sie Vorläufer?
Es ging los mit der Kruzifix-Debatte in Italien, das war im Jahr 2009. Die Sache ist, welche Bedeutung Kruzifixe unter diesen Umständen erhalten: sind sie ein kulturelles Zeichen der Identität oder ein Symbol des Glaubens. Für einen Katholiken ist es natürlich ein und dasselbe. Aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hielt Kruzifixe in Schulräumen aus dem Grund für unproblematisch, weil sie kein Symbol des Glaubens darstellen. Sondern es handele sich um ein kulturelles Symbol der italienischen Identität. Das stellt für die Kirche ein Problem dar. Die Kritik des Münchner Erzbischofs Marx an Ministerpräsident Söder ist gängig in der Kirche aus einem Grund: Sie haben Angst, dass nun ein partikulares Verständnis des Kreuzes im Sinne einer kulturellen Identität die universale und transzendente Bedeutung der Kirche unterlaufen könnte. 

Auch die andere Seite hat Bauchschmerzen damit. 
Exakt, ein anderer Punkt ist die Religionsfreiheit: Wenn man das Kruzifix in den öffentlichen Räumen aufhängt, suggeriert man, dass dieser Raum christlich ist. Das ist zumindest die Sichtweise der bayerischen Landesregierung. Im Falle eines Akt des Proselytismus, im Sinne, eine religiösen Einzigkeit zu verkörpern, würde es vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und auch vom Bundesverfassungsgericht verboten werden. Kreuze werden normalerweise dort akzeptiert, wo es eine Trennung zwischen Staat und Kirche gibt. Das ist nur dann anders, wenn das Kruzifix kulturell verstanden wird. In dem Fall muss man den Frieden zwischen den Gläubigen und Nicht-Gläubigen voraussetzen. Denn letztere könnten sich beklagen, dass sie in Amtsräumen mit der christlichen Symbolik konfrontiert werden. 

Gibt es einen Ausweg?
Der einzige Weg, das Kruzifix zu retten, dort zu retten, ist zu sagen, dass es kulturell ist. Wenn man dies sagt, trennt man es vom Glauben. Das Kruzifix ist bei Definition ein christliches Symbol als Tod Christi am Kreuz. Die Debatte um das Kruzifix legt den Finger also auf eine richtige Frage: Ist für Europa das Christentum die führende Religion, also ein kultureller Marker. 

Interview: Michael Hesse

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