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Am Wochenende eröffnet: Der Kulutrpalast Dresden.

Kulturpalast Dresden

Fast eine Elbphilharmonie

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Dresden buttert richtig rein ? Der alte Kulturpalast, für 100 Millionen Euro renoviert, ist nach fünf Jahren Umbauzeit fertig und Teil eines großen Plans: 2025 trotz Pegida-Makels europäische Kulturhauptstadt werden.

Die Quälerei hat ein Ende, die Musiker können aufatmen. Sie können spielen, sie werden überall gehört. „Wir Streicher mussten die Instrumente wirklich malträtieren, um auf den Rang zu kommen“, meint Ralf-Carsten Brömsel, Erster Konzertmeister der Philharmonie Dresden über den alten Saal. Der ist nun nur noch Vergangenheit, der neue, 1750 Plätze, eine cremefarbene Pracht in Weinberganordnung für Augen und vor allem Ohren. Fast „Elphi“ der „Kulti“, fast Hamburger Elbphilharmonie, heißt es nun stolz. Vielleicht sogar genau so gut. Höchste Klangqualität, aber ohne hanseatische Kostenexplosion. Das dortige Konzerthaus und neue Wahrzeichen der Stadt, im Januar eröffnet, kostete am Ende fast 800 Millionen Euro.

Dresden hat seinen Kulturpalast, 1969 errichtet, umgebaut und verfeinert, die riesige Stadtbücherei zieht mit ein, im Keller wurde die „Herkuleskeule“, ein Kabarett, einquartiert. Für Publikumsverkehr ist also gesorgt. Fünf Jahre hat es gedauert, rund 100 Millionen Euro gekostet, das gesamte Gebäude, ein flacher, unaufdringlicher Glaskasten, ist entkernt und dann von innen neu zusammengesetzt worden. Am Wochenende war Eröffnung: Musizieren, Angucken und Hören. Die Philharmonie unter Chefdirigent Michael Sanderling spielte, draußen gurgelte der Springbrunnen, Laserkunst huschte blau und eilig über die Fassade, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hielt die ordentliche Festrede. Erster Eindruck: Alle zufrieden. „Ein hervorragender Saal für ein hervorragendes Orchester“, meinte Dirk Hilbert, der FDP-Oberbürgermeister. „Optisch fantastisch, behutsam saniert, verspricht große Konzerterlebnisse“, urteilte der 81-jährige Dirigent und Tenor Peter Schreier.

Das reiche Dresden buttert gerade eine Unmenge Geld in seine Kultur. Es ist auch Geld für dringende Korrekturen am Pegida-beschmutzten Image. Vor ein paar Monaten feierte Dresden die Eröffnung des umgebauten Kraftwerks im Zentrum zur hochinteressanten und äußerst gelungenen neuen Spielstätte für Operette und Theater Junge Generation, Baukosten ebenfalls knapp 100 Millionen Euro.

Die Stadt an der Elbe ist zauberhaft schön, das weiß jeder, der einmal da war und sich ein wenig zwischen Schloss, Oper, Zwinger, Frauenkirche umgesehen hat oder einmal nach Pillnitz rausgefahren ist oder in die Gartenstadt Hellerau. Für viele Dresdner geht sowieso nichts darüber: Die Schönheit der alten Barockresidenz hätten die Dresdner stets so selbstverständlich eingesogen wie „Försterskinder die Waldluft“, schrieb Erich Kästner einmal, selbst Dresdner, groß geworden in der Neustadt. Aber Dresden hat auch hässliche Flecken, ein „Imageproblem“, der Oberbürgermeister spricht offen über die „Enthemmung“, Pegida und Schreihälse. Seit dem 3. Oktober 2016, als Dresden den Tag der Deutschen Einheit ausrichten durfte und einige Hundert Hassbürger die Festgäste und Kirchenbesucher vor der Frauenkirche und der Semperoper selten niederträchtig anpöbelten, ist Hilbert ein anderer Mann. Seitdem geht er öffentlich offensiv gegen das üblich gewordene Gepöbel und Hassgeschrei vor.

Und die Wut sucht die Kunst, um dagegen zu wüten: Bis vor kurzem waren es die drei neben der Frauenkirche hochkant stehenden Schrottbusse des Deutsch-Syrers Manaf Halbouni, ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt, das an als Barrikade gegen Scharfschützen dienende Busse in der umkämpften Stadt Aleppo erinnern sollte. Anfangs schrien einige Hundert, es gab Versuche, das Kunstwerk zu beschädigen. Schließlich Morddrohungen gegen Oberbürgermeister Hilbert.

Kurze Zeit später Beschimpfungen gegen die „Lampedusa“-Installation vor der Semperoper, die an im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge erinnerte. Und schließlich der Nachfolger der drei Busse: Vergangenen Dienstag wurde gegenüber der Frauenkirche eine seltsame Installation mit dem Titel „Denkmal für einen permanenten Neuanfang“ aufgestellt. 300 Demonstranten mit Trillerpfeifen und Rufen: „Schande!“, „Schämt euch!“, „Merkel muss weg!“

In Dresden hat sich die Kunst- und Kulturszene angesichts der muffigen Erfahrungen mit dem Oberbürgermeister solidarisiert. Es geht um den Kern der Stadtgesellschaft, um den Gesprächsfaden, der nicht weiter einreißen darf, um Einbindung, Offenheit, Kultur, Offenheit für Neues oder Anderes, Freude an Fremdem. Es geht darum, dass sich die Vielen nicht von einer aggressiv gewordenen Minderheit schikanieren lassen sollten. Das Geld, das Hilbert in Kulturbauten steckt, soll irgendwann in kulturvollerem Umgang miteinander enden und belohnt werden. Sein Ziel ist hoch gesteckt: Dresden soll 2025 den Titel der „Europäischen Kulturhauptstadt“ holen.

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