+
Um 1930 präsentierte die Firma Westinghouse zwei Roboter: „Herbert Televox“ und „Katrina Van Televox“.

Update

Falsche Roboter

  • schließen

Nicht in allem, was nach Digitalisierung aussieht, ist Computertechnik drin, man kann sich leicht täuschen lassen.

Heute ist auf den ersten Blick klar, dass der „Schachtürke“ von 1769 keine Maschine gewesen sein kann. Das konnte noch gar nicht gehen, also muss ein Mensch im Gehäuse gesteckt haben, auch wenn das unmöglich schien. So denkt man als Gegenwartsbewohnerin und fühlt sich dabei wie Sherlock Holmes. Aber wir genießen im Vergleich zum Publikum von damals einen wesentlichen Vorteil: Wir wissen wie lange es gedauert hat, zuerst die Hardware und dann die Software zu entwickeln, die im Schach gegen Menschen gewinnen kann. Das war im 20. Jahrhundert mühsam genug, im 18. ging es bestimmt noch nicht. Den zeitgenössischen Betrachtern des Schachtürken fehlt dieses Wissen. Wenn sie ihn für echt hielten, hatten sie ihre Gründe. Die um 1730 gebaute mechanische Ente von Jacques de Vaucanson hatte tatsächlich raffinierte Technik: sie konnte quaken, Wasser trinken, fressen und sogar verdauen. Na gut, die Verdauung war nur vorgetäuscht und der Entenkot bestand aus grün gefärbten Brotstücken, aber jedenfalls befand sich im Gehäuse keine echte Ente. Es war also nicht vollkommen absurd, die Existenz eines mechanischen Schachspielers für plausibel zu halten. Am Grundproblem hat sich seitdem nichts geändert: Bei neuen Technologien ist für Laien und manchmal selbst für Fachleute schwer einzuschätzen, wie glaubhaft die angeblichen Fähigkeiten des neuen Wunderwerks sind.

Um 1930 präsentierte die Firma Westinghouse zwei Roboter: „Herbert Televox“ und „Katrina Van Televox“. Beide wurden als mechanische Dienstboten beworben, Herbert konnte den Telefonhörer abheben und ließ sich mit einer Pfeife oder Stimmgabel telefonisch fernsteuern. Sowohl Herbert als auch Katrina konnten angeblich staubsaugen, was nicht sehr wahrscheinlich wirkt, denn Herbert ist auf Fotos ein Beistelltischchen mit menschenähnlicher Verkleidung, und erfolgreich staubsaugende Roboter gab es auch danach noch jahrzehntelang nicht. Gegen Ende der 1960er Jahre konnte man in den USA bei Kaufhausvorführungen „the housewife of tomorrow“ bestaunen. Es gibt Videoaufzeichnungen, und eine Suche danach, Stichwort „Miss Honeywell“, lohnt sich. Die Videos sind sehr lustig und zeigen ganz offensichtlich einen Menschen in einem idiotischen blauen Kostüm.

Aber es wäre auch hier wieder falsch, „haha, die leichtgläubigen Menschen von damals“ zu denken. Denn alle paar Wochen tritt auf irgendeiner Messe oder einem Bürgerfest in Deutschland „Nox the Robot“ auf: „Er interagiert mit seiner Umwelt, flirtet, gibt Filmzitate zum Besten und beweist sogar Humor. Das ist Digitalisierung zum Anfassen.“ Oder auch nicht, denn im Inneren von Nox steckt keineswegs die Digitalisierung, sondern ein Mensch. 180 bis 189 cm ist er groß, wie man der Website bühnenjobs.de entnehmen kann. Er braucht eine „Ausbildung oder ähnliche künstlerische Qualifikation als Schauspieler, Kenntnisse in Englisch, hohe physische Belastbarkeit, Disziplin und Durchhaltevermögen, Führerschein der Klasse B und Reisebereitschaft“.

Letztlich sind wir nicht schwerer zu täuschen als das Publikum im 18. Jahrhundert. Aber ein paar Anzeichen gibt es, an denen man Schachtürken erkennen kann. Nox ist schon durch seine Körpergröße verdächtig. Denn während viele Roboter-Prototypen des 20. Jahrhunderts wirklich so riesig wie Nox sein mussten, damit die sperrige Hardware Platz fand, gibt es dafür inzwischen eigentlich keinen technischen Grund mehr für solche Dimensionen. Deshalb haben die meisten neueren Messeroboter eher die Größe von Kindern. Auch die Betrachtung der Schulter- und Ellbogengelenke hilft beim Identifizieren von Fake-Robotern: Ob ein Menschenarm hineinpasst oder nicht, ist meistens ganz gut zu erkennen. Ein weiteres Warnsignal ist es, wenn es Roboter nicht zu kaufen gibt oder von Prototypen nur sehr wenige Produktvideos existieren. Roboter, die nicht nur aus Show und Schwindel bestehen, nehmen meistens die Form von Kästchen an, allenfalls mit Rädern untendran. Alles, was menschenähnlich aussieht, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Quatsch oder ein Messegag.

Schachroboter gibt es inzwischen wirklich, genau wie Anrufbeantworterroboter und Staubsaugerroboter. Irgendwann wird die Lüge zur Wahrheit, und vielleicht haben die Fake-Automaten dazu sogar ein bisschen beigetragen. Das bedeutet, dass es eines Tages tatsächlich ein Kästchen geben wird, das auf Bürgerfesten Witze erzählt und die Digitalisierung zum Anfassen darstellt. Vielleicht sogar mit Rädern untendran.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion