+
Chinas Gegenoffensive: Zensierte Bilder zeigen manchmal eine gefälschte Wahrheit.

Lügen und Wahrheit

Falsche Bilder empören Chinesen

Pannen in der westlichen Tibet-Berichterstattung kommen dem Regime zupass.

Von FLORIAN BRÜCKNER

Lügen und Wahrheit. Über Tibet. Über die Unruhen. Über den Dalai Lama. Ohne westliche Propaganda, ohne Fehler westlicher Medien, die viele Chinesen CNN, BBC und anderen unterstellen. Das verspricht jedenfalls "Lügen und Wahrheit", ein Buch, das, so die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, "die von einigen westlichen Medien hervorgebrachten Zerrbilder über die Unruhen in Tibets Hauptstadt Lhasa vom 14. März widerlegen" soll.

Seit Anfang April liegt "Huangyan yu Zhenxiang", so der chinesische Titel, in Buchhandlungen. Veröffentlicht hat es der staatliche Verlag SDX Joint Publishing Company - nur drei Wochen nach Beginn des Widerstands der Tibeter.

Nachdem einige westliche Medien mit "erfundenen Geschichten und der Verdrehung von Tatsachen" die Öffentlichkeit in Aufregung versetzt hätten, habe Chinas Verlagsindustrie handeln müssen, erklärt Zhang Weimin, Sprecher der Sanlian Verlagsbuchgruppe. Die Verlagsleitung, sagt er, sei sehr stark an der Veröffentlichung interessiert gewesen. Kein Wunder. Soll das Buch doch das Bild der Volksrepublik gerade rücken, das nach dem Empfinden vieler Chinesen durch die westlichen Medien beschädigt worden sei - auch durch fehlerhafte Berichte.

Die gibt es tatsächlich, wobei vor allem Bilder und Bildunterschriften gemeint sind. So zeigte der deutsche Nachrichtensender n-tv unter der Überschrift "Neue Proteste in Tibet" das Bild eines Mannes, der von Uniformierten festgehalten wird - die aber nicht chinesische, sondern nepalesische Polizisten waren. Ähnliche Beispiele gab es auf der Internetseite von Bild.de genauso wie auf der des Fernsehsenders RTL, der US-Zeitung Washington Post oder des Senders Foxnews. Da wurden mitunter Berichte aus Tibet bebildert mit Aufnahmen aus Indien oder Nepal.

Wie es dazu kommen konnte? In jeder Redaktion, so ein Sprecher von n-tv, würden Fehler gemacht. Im konkreten Fall sei ein falsches Bild verwendet worden, aber versehentlich und nicht aus böser Absicht. Die Fehler seien von der Redaktion erkannt und umgehend korrigiert worden, heißt es in einer Stellungnahme.

Das hat auch die Berliner Morgenpost getan. Das Blatt hatte den Bericht eines Korrespondenten auf der Webseite mit einer Standbildaufnahme aus dem chinesischen Fernsehen bebildert, das die Nachrichtenagenturen AFP und Reuters versandt hatten. In den mitgelieferten Bildunterschriften habe Reuters geschrieben, so die Morgenpost, dass ein Mann "eskortiert" werde, bei AFP hieß es, ein Junge sei "gewaltsam" durch Lhasa geführt worden.

Auf Grundlage dieser Informationen schrieb die Berliner Morgenpost von einem "Aufständischen", der "während der Proteste in Tibets Hauptstadt Lhasa von Sicherheitsbehörden abgeführt" worden sei. Nach chinesischen Angaben war der vermeintliche tibetische Aufständische aber wohl ein Chinese, der von Polizisten in Sicherheit gebracht wurde. Kein Fehler der Redaktion, sagt Carsten Erdmann, Chefredakteur der Berliner Morgenpost. Vor allem keine bewusste Manipulation.

Da in Tibet keine freie Berichterstattung möglich gewesen sei, habe sich die Redaktion auf das wenige Bildmaterial verlassen müssen, das die Agenturen angeboten hätten. Die wiederum seien auf Berichte aus dem chinesischen Fernsehen angewiesen. "Immer dann, wenn Zensur herrscht, wird Berichterstattung ungenau", sagt Erdmann. Das gelte für Tibet genauso wie für die ersten Monate des Irak -Krieges . Im Endeffekt, so Erdmann, gehe es um eine Abwägung: zwischen dem Informationsbedürfnis der Leser auf der einen Seite und der unsicheren Quellenlage auf der anderen. "Wichtig ist in jedem Fall, den Leser darüber zu informieren, unter welchen Umständen und äußeren Zwängen die Berichte und Fotos entstanden sind ", sagt Erdmann.

Dafür sind die Folgen auf chinesischer Seite gravierend. Seit Wochen wird in China über Fehler westlicher Medien debattiert und protestiert, auf der Straße, in Internetforen wie etwa Anti-Cnn.com, in Zeitungsartikeln oder Büchern wie "Lügen und Wahrheit". Korrespondenten wurden beschimpft und bedroht. Deswegen wollen sich manche Zeitungen gar nicht mehr zum Medienkonflikt mit China äußern. "Wir haben kein Interesse daran, dass die ganze Angelegenheit weiter hoch kocht", so ein Verlagssprecher zur FR. Deswegen gilt: Kein Kommentar.

Denn die werden genau registriert. Die chinesische Regierung hat genaue Dossiers - eines liegt der FR vor - über Fehler in der Tibetberichterstattung angelegt. Für Heike Holbig, Chinareferentin am GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg, hat vor allem die einst hohe Glaubwürdigkeit der westlichen Medien in China gelitten - was chinesische Studenten im Gespräch bestätigen. "Früher hat jeder versucht, CNN oder BBC zu sehen, das ist jetzt vorbei", so ein in Deutschland lebender Student der Wirtschaftsinformatik.

Für den Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker steht dennoch fest: Die Medien müssten sich nicht etwa bei den Chinesen für Fehler entschuldigen, sondern diese schnell und klar korrigieren, "damit die Glaubwürdigkeit erhalten bleibt, doch leider hapert es daran manchmal".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion