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Erfahrung ist keine Garantie für brauchbare Auskünfte. 
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Erfahrung ist keine Garantie für brauchbare Auskünfte. 

Update

Falsche Beratung

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Fachleuten wird viel zugetraut, wenn sie auf einem Gebiet Kompetenz bewiesen haben. Doch was wissen sie wirklich?

Im Mai 2012 hielt ich beim „Frankfurter Tag des Onlinejournalismus“ einen Vortrag darüber, wie man vermeiden kann, sich den eigenen Informationskonsum im Netz übertrieben bequem einzurichten. Der Vortrag endete mit einer Reihe von Ratschlägen. Einer lautete: „Klugen Leuten folgen, egal, worüber sie schreiben.“ An dieser Stelle verziehe ich beim Wiederlesen meiner Notizen das Gesicht. „Kluge Leute“ war eine unglückliche Formulierung, ich meinte damit „Menschen mit einer bestimmten Fachkompetenz, deren Beiträge zum Thema ich bisher mit Gewinn gelesen habe“. Aber das ist nur ein Nebenproblem. Das Hauptproblem dieses Ratschlags liegt darin, dass Kompetenz auf einem Gebiet leider gar keine überdurchschnittliche Kompetenz auf anderen Gebieten mit sich bringt. Was ich da empfohlen habe, ist genau das, wovon die Forschung zum „Halo-Effekt“ seit mehr als 100 Jahren abrät. So heißt der Denkfehler, aus den bekannten Eigenschaften einer Person auf ihre unbekannten Eigenschaften zu schließen.

Eine erste Ahnung von diesem Sachverhalt befiel mich ein halbes Jahr nach dem Vortrag. Ich war zu einem kurzen Aufenthalt im „Forschungskolleg Humanwissenschaften“ in Bad Homburg eingeladen. Dabei fand ich heraus, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die innerhalb von vier Wochen erfolgreich so etwas wie Forschung betreiben können – falls es solche Menschen überhaupt gibt. Vor allem aber stellte ich fest, dass die in ihren eigenen Fachgebieten sehr kompetenten Gäste des Kollegs bei jedem Mittagessen ganz normal undurchdachte Meinungen über Internet- und Technikthemen vortrugen. Eine wissenschaftliche Ausbildung führt offenbar gar nicht dazu, dass man allgemeine Denk- und Argumentationsweisen erlernt, mit deren Hilfe man dann auch in fremden Fachgebieten den naheliegendsten Unfug vermeidet.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Das wurde 2020 noch ein bisschen deutlicher, als alle, die schon mal etwas über irgendein Thema gewusst hatten, über Nacht ihre Leidenschaft für Virologie, Epidemiologie und Pandemiepolitik entdeckten. Eine verbesserte Variante meines Ratschlags hätte also lauten können: Es lohnt sich, Leuten, die sich in einer Angelegenheit als kompetent erwiesen haben, auch auf Gebiete zu folgen, mit denen sie sich ebenfalls auskennen. Wenn ich eine Person wegen ihrer Beiträge über Softwareentwicklung schätze und dann herausfinde, dass sie außerdem über Erfahrung im Homeschooling oder im Umgang mit Schlittenhunden verfügt, bietet mir das eine günstige Gelegenheit, auch darüber etwas zu lernen, obwohl mich diese Themen bisher gar nicht interessiert haben. Wenn dieselbe Person plötzlich anfängt, über Finanzpolitik oder Pandemiebekämpfung zu schreiben, ist die Wahrscheinlichkeit aber nicht höher als bei jedem anderen Menschen, dass ich etwas Nützliches erfahren werde.

Erfahrung ist keine Garantie für brauchbare Auskünfte. Selbst auf ihrem eigenen Gebiet liegen Fachleute gelegentlich daneben. Das war 2020 dank der schnellen Erkenntnisfortschritte sichtbarer als in Zeiten, in denen es von der Aussage bis zur Widerlegung länger dauert. Auch jahrelange Arbeit an einer Spezialfrage führt manchmal in die Irre. Aber ohne die nötigen Vorarbeiten ist es noch unwahrscheinlicher, dass man richtig liegt.

Mein schlechter Ratschlag von 2012 ist noch gefärbt von der Vorstellung einer Welt, in der der Zugang zu kompetenten Auskünften schwierig ist und man deshalb am besten jeden Menschen, der sich einmal mit Sachverstand zu irgendwas geäußert hat, festhält, bis man alles Wissen aus ihm herausgewrungen hat. Dabei sind wir – und waren es vermutlich auch damals schon – überall von Fachleuten auch für die entlegensten Themen umgeben.

Zuerst fiel mir das im Bereich der Literaturkritik auf: Gelegentlich lese ich im Netz Buchbesprechungen von Leuten, die sich sehr gründlich im Gesamtwerk der Autorin oder des Autors auskennen. Es kommt nicht häufig vor, aber doch etwas häufiger als im gedruckten Feuilleton. Das hat nichts damit zu tun, dass das Netz und seine Strukturen dem Papier grundsätzlich überlegen sind oder hier schlauere Leute am Werk wären als dort. Es liegt an der Arbeitsweise von Redaktionen: So eine Person mit Superspezialkompetenzen schreibt vielleicht nur alle fünf bis zehn Jahre mal eine Buchrezension. Das macht es unwahrscheinlich, dass Redaktionen überhaupt von ihrer Existenz wissen. Ich als Publikum bin darauf angewiesen, dass sie sich selbstständig und ungefragt zu Wort meldet.

Dieser Weg in die Öffentlichkeit ist auf allen Gebieten einfacher geworden, nicht nur in der Literaturkritik. Es ist auch einfacher geworden, Menschen, die nur alle paar Jahre mit ihren entlegenen Kenntnissen in Erscheinung treten, bei Bedarf zu finden. Die weniger schlechte Version meines Ratschlags von damals müsste also lauten: Man kann sich ruhig anhören, was eine Autorität auf einem Gebiet über ein zweites meint, so lernt man neue Themen kennen. Recht hat aber vermutlich jemand anders.

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