Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Intensiv im ersten Aufzug: Barbara Haveman, Khatuna Mikaberidze, Marco Jentzsch. Karl und Monika Forster
+
Intensiv im ersten Aufzug: Barbara Haveman, Khatuna Mikaberidze, Marco Jentzsch. Karl und Monika Forster

Fall ohne Knall

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

„Tristan und Isolde“ in Wiesbaden, szenisch peinlich, musikalisch beglückend

Der erste Aufzug ist sehr ansprechend. Richard Wagners Tristan und Isolde, in der Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg am Staatstheater Wiesbaden ein stimmiges, attraktives Paar, werden uns statuarisch, aber als Menschen vorgestellt. Tristan, Marco Jentzsch, steht da in breitbeiniger Brust-raus-Pose, sein Kurwenal, Thomas de Vries, treu an seiner Seite. Die Frauen, Isolde, Barbara Haveman, und Brangäne, Khatuna Mikaberidze, sitzen unruhig, zum Warten gezwungen.

Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind zeitlos klassische Wagner-Gewänder, was dann Markes, Young Doo Parks, Hof betrifft, leicht asiatisierend. Rolf Glittenbergs Bühne wird von der großen Leinwand beherrscht, auf der passenderweise Wasser zu sehen ist. Alles konzentriert sich ohnehin auf die vier vorne, die befangen sind, aber unexaltiert. Umso unangestrengter zeigt sich, dass die Liebe längst da ist. Als sie mithillfe des Tranks endlich ausbrechen darf, wird nächtlich bläuliches Licht über die Bühne gegossen.

Der zweite Aufzug hat die zurückhaltende Möblierung durch einige Podeste und seidige Tücher ersetzt. Während das Publikum der größten und längsten Liebesnacht aller Zeiten entgegenhört, huschen vier Pärchen in weißen Ganzkörperstrumpfhosen unter die Tücher, die nachher das Paar umtanzen und vielleicht klar machen sollen, dass es hier unter anderem um Erotik in höchstem Ausmaß geht. Zunächst wirken die vier Paare auch wie Gipsfiguren, sie stellen kleine Tableaus, die einen neugierig machen, aber dann merkt man, dass sie eh einfach alles Mögliche unternehmen.

Auf der Leinwand tauchen jetzt äußerst unerwartet Colin Farrell und Q’orianka Kilcher in Bildern aus dem Film „The New World“ auf, Q’orianka Kilcher als Pocahontas. Kornfeld, Blicke, Softblende. Und auch Szenen aus einem anderen Liebesfilm („Tristan und Isolde“ von 2005/6?). Denn das Misstrauen gegen die Wirksamkeit der Szene scheint immens zu sein und die Furcht vor den Kitschbildern bei weitem zu überflügeln, die vielleicht nicht im Zusammenhang des Films, aber hier auf der Leinwand unbezweifelbar entstehen.

Weltkriegs-Schlachtenbilder (??) leiten über zur unwillkommenen, freilich zivilen Rückkehr Markes. Schließlich wirft sich Tristan ins Schwert, indem er es so sagenhaft offensichtlich zwischen Oberarm und Brust steckt wie im Kasperletheater. Ernsthaft.

Dann erstarrt die Szene in nicht sehr sorgfältig ausgearbeiteter Verzweiflung, aber immerhin ohne weitere Peinlichkeiten. Hat keiner gemerkt, dass das notfalls ausreicht, ausreichen muss?

Der dritte Aufzug legt Tristan in das wohl obligatorische Krankenpflegebett. Vielleicht um Jentzsch mehr Bewegungsfreiheit zu geben, tritt er aber gleichsam bereits aus seinem Körper, während sich ein nackter Statist mit Brustwunde ins Bett legt. Man muss allerdings sagen, dass Erik Biegel als Hirte auf den aus sich herausgetretenen Tristan-Geist starrt, Kurwenal indes auf den Statisten im Bett.

Hinten scheint sich ein Grab oder Abgrund auf der ansonsten nun kahlen Bühne aufgetan zu haben, in die eine endlose Reihe von Statisten und Statistinnen erst Lilien, dann sich selbst gleiten lässt. Das Gleiten will gelernt sein. Wer in Frankfurt die „Gespräche der Karmeliterinnen“ gesehen hat, weiß, wie entsetzlich und überwältigend es aussehen kann, wenn Menschen sich ins Bodenlose fallen lassen. In Wiesbaden wird es, sagen wir einmal, unterschiedlich gut ausgeführt. Nachher steigen etliche Mitwirkende doch eher offensichtlich eine Treppe herunter. Auch Kurwenal, Tristan und Isolde.

Denn Tristan ist zuvor ins Bett zurückgeschlüpft, während der nackte Statist fortgegangen ist, in der kurz noch einmal auf die Bühne geschickten Tanztruppe so läppisch versteckt, als wären wir in einer Otto-Schenk-Opernparodie. Auch ein Sarg steht mittlerweile bereit, aber Tristan steht ohnehin wieder auf und schreitet mit Isolde dem Licht entgegen bzw. dann doch in das Grab, aus dem es einen anderen Ausgang zu geben scheint, da Kurwenal inzwischen wieder da ist. Das Bett ist leer.

Musikalisch hingegen gestaltet es sich nicht nur stark, sondern auch mit einer Steigerung, die im Langstreckenereignis „Tristan und Isolde“ eine besondere Leistung darstellt. Am erstaunlichsten in dieser Hinsicht der Tenor Jentzsch, ein lyrischer, wunderbar jugendlich wirkender Schönklang-Tristan mit wenig heldenhaften Ambitionen, so dass man sich zunächst vielleicht Sorgen macht. Aber langer Atem und Stehvermögen bescheren ihm und uns auch im Marathon des dritten Aufzugs Farbenreichtum und Feinmodulation. Das Liebesduett im zweiten geht zwischen dem Kintopp nicht ganz verschütt, geschmeidig und weit erotischer als die sie Umtanzenden fügen sich Jentzschs mühelos in Höhen wandelnder Tenor und Havemans schwerer, dunkeltimbrierter, warmer Sopran zusammen. Wenn sie am Ende zum golden gestalteten Liebestod an ihre Grenzen kommt, weiß sie glänzend damit umzugehen.

Auch die anderen Rollen überzeugen, Young Doo Park ist ein abgeklärter, großer Marke, Mikaberidze eine reizvoll grundmelancholische Brangäne, de Vries ein markanter Kurwenal, Biegel als Hirte wie immer auf den Punkt und hellwach. Der Chor verschliert von der Seite klanglich ziemlich, offenbar ein Corona-Kompromiss, wie überhaupt das Gleichgewicht auch zwischen Ensemble und Orchester nicht immer gewahrt ist. Dirigent Michael Güttler geht es kraftvoll an und lässt im vollbesetzten Wagner-Orchester vor allem die Streicher groß und sämig ausholen, ja, es ist eine Freude. Allein das Regieteam wurde doch recht kräftig ausgebuht.

Güttler ist für den GMD Patrick Lange eingesprungen, der, wie berichtet, wegen „künstlerischer Differenzen“ mit dem Intendanten das Haus vorzeitig verlassen wird. Auch Laufenberg hat angekündigt, seinen Vertrag nicht über 2023/24 zu verlängern. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die Bedingungen für die Produktion nicht einfach waren.

Staatstheater Wiesbaden: 13., 28. November, 5. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare