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"Daten werden in unserer Gesellschaft inzwischen als öffentliches Gut behandelt."

Alternativen zu Facebook

"Fairbook statt Facebook"

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Privatsphäre als Grundpfeiler und eine völlig neue Form von Eigentümerschaft: Der Ökonom Hans-Jörg Naumer kann sich auch andere Modelle für soziale Netzwerke vorstellen.

Er bezeichnet sich als „Social-Media-Freak“, dem es nicht in den Sinn kommen würde, sein Facebook-Konto zu löschen. Dennoch glaubt Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse beim Frankfurter Vermögensverwalter Allianz Global Investors, dass sehr schnell Alternativen zu Facebook entstehen könnten – genossenschaftlich organisiert.

Herr Naumer, Ihrer Meinung nach ist es in Ordnung, dass man, um Facebook nutzen zu können, als Gegenleistung Daten kostenfrei zur Verfügung stellt. Persönliche Daten also zugunsten von Teilhabe und Bequemlichkeit – ist das der Deal?
Daten werden in unserer Gesellschaft inzwischen als öffentliches Gut behandelt. Es wird so getan, als sei die Phase der Privatsphäre mittlerweile vorbei. Das sehe ich anders. Die Privatsphäre ist unser höchstes Gut und der Grundpfeiler einer soliden Demokratie.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat angekündigt, die Daten seiner Nutzer besser zu schützen. So richtig glauben mag das kaum einer.
Der ökonomische Druck wird dazu führen, dass Zuckerberg hier nachbessert. Das ist sein Anreiz, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Glaubwürdigkeit ist ein sensibles Thema. Wenn jemand seine Glaubwürdigkeit verspielt, dann springen die Nutzer ab und wechseln die Plattform.

So viele Alternativen gibt es aber bisher nicht …
Das stimmt. Aber das kann schnell kommen, in dem man sich mal ein ganz anderes Modell ausdenkt. Statt Facebook wäre ein ‚Faithbook‘ (übersetzt ‚Vertrauensbuch‘) oder ‚Fairbook‘ denkbar. Das heißt, ein Anbieter wird lediglich für die Dienstleistung bezahlt. Jeder Nutzer des Netzwerkes ist Eigentümer wie bei einer Genossenschaft. In dieser Datengenossenschaft wird jeder Gewinn unter den Eigentümern aufgeteilt – zum Beispiel nach dem Datenvolumen, das der einzelne generiert.

Was wäre der Vorteil dieser Daten-Genossenschaft?
Der Vorteil liegt auf der Hand: Jeder ‚Genosse‘ ist Herr seiner Daten und kann über die Privatsphäre-Einstellungen mitbestimmen. Zum zweiten kann sich jeder am Ertrag beteiligen und hat daher ein Einkommen. Der Dienstleister wird von den Eigentümern bezahlt. Dieser stellt nur noch die technischen Möglichkeiten wie zum Beispiel Programmierung bereit oder kümmert sich um die Vermarktung. Dafür gibt es aber keinen Konflikt mehr zwischen Privatsphäre und Nutzungsrechten. Den Nutzern gehört diese Datengenossenschaft. Wer am meisten Informationen bereitstellt und die Erlöse der Genossenschaft steigert, bekommt auch mehr Ertrag aus den Daten durch das Eigentumsrecht.

Würde so ein Netzwerk nicht Gefahr laufen, dass es sich kommerzialisiert, wenn derjenige am meisten bekommt, der auch am meisten Datenvolumen einstellt – Stichwort Linkschleuder?
Da ist schon eine gewisse Schwäche, denn dann gibt man noch mehr von sich preis. Das stimmt schon. Ich könnte aber auch zusammen mit dem Dienstleister und den anderen Genossen eine Kappungsgrenze beschließen. Oder aber entscheiden, dass jeder Eigentümer den gleichen Ertragsanteil bekommt – egal ob aktiv oder inaktiv. Es gibt da durchaus Spielraum. Es gibt Nachteile, aber diese Idee ist allemal besser als das jetzige Modell, wo ich meine Daten entgeltlos zur Verfügung stelle.

Aber wo kommt das Geld her?
Man kann natürlich eine gewisse Summe verlangen, wenn man der Genossenschaft beitreten möchte. Das wäre eine Variante. Oder die Genossenschaft entscheidet sich selbst dazu, gewisse Datensätze zu verkaufen. Auch Werbung wäre möglich. So wie es andere Plattformen auch machen. Aber immer in Einstimmung mit der Gemeinschaft. Und: Der Gewinn wird geteilt. Man hat also etwas davon. Technisch ist das alles möglich. Wir müssen eben nur die Eigentumsrechte anders definieren.

Wie verhindert man, dass so eine Plattform so groß wird, dass sie ein Monopol bildet?
Das ist ein entscheidender Punkt. Wettbewerb muss gegeben sein. Sinnvoll wären daher offene Plattformen, über die man nach außen kommunizieren kann. Man kann ja auch per Mail miteinander kommunizieren, obwohl man verschiedene Provider hat. Ein GMX-User kann mit einem Hotmail-User E-Mails austauschen. Dann könnte ein Facebook- oder Xing-Nutzer auch mit einem Mitglied einer anderen Plattform kommunizieren, ohne in das gleiche Netzwerk wechseln zu müssen. Dann haben wir einen fairen Wettbewerb.

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