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Sie meldet sich gegen den Brexit zu Wort.

Europawahl

Die Stimme erheben für Europa

Europa steht seit langem unter dem Primat des Ökonomischen und des Egoismus, es muss aber wieder als Kulturraum gedacht und gepflegt werden.

Vor der Frankfurter Börse stehen zwei kolossale Tierplastiken: Nein, wahrlich nicht Ochs und Esel. Auch wenn es hier gleichfalls um eine Art Anbetung geht – aber es ist keine innige, die ein Wunder bestaunt, sondern eine höchst kompetitive zweier Rivalen um die Deutungshoheit eines Geschehens. Das durchaus für weltbewegend gehalten wird. Hier werden, von einem Bullen und einem Bären, die Aktienkurse auf die Hörner genommen – hausse, respektive mit den Tatzen getreten – baisse.

Die Auslegung von Bulle und Bär als Symbole für Auf- und Abschwung mag für Börsianer gelten. Meine Deutung wäre eine andere: Wir stehen nach dem Brexit-Votum wie der Ochs vorm Berge – das Referendum, eingebrockt von einem opportunistischen, kurzsichtigen Politiker, ein Bärendienst an Europa.

Woher der Begriff Europa kommt

Der Begriff Europa kennt zwei Herleitungen: Die eine, in ihr tritt unser Bulle wieder auf, stammt aus der griechischen Mythologie, der zufolge die Tochter des phönizischen Königs Agenor namens Europa das Verlangen des unersättlichen Erotomanen Zeus, oberster olympischer Gott, erregte und von diesem in Stiergestalt – damit die eifersüchtige Gattin Hera nichts mitbekam – auf die Insel Kreta entführt wurde. Das nach der Entführten benannte, deutlich über Kreta hinausgehende Liebesnest – wir müssen olympische Maßstäbe anlegen – wäre demnach der Erdteil, der sich als einer von sieben Kontinenten über ein Fünftel der eurasischen Landmasse erstreckt: Europa. Kontinent, das sei nebenbei angemerkt, bedeutet eigentlich Zusammenhalt.

Die zweite Herleitung ist wortgeschichtlich. Nach ihr stammt der Begriff Europa vom phönizischen erob beziehungsweise vom griechischen erebos ab. Das bedeutet dunkel oder Abend, bezeichnet also den Weltteil, in dem die Sonne untergeht, das Abendland. Was den Brexit betrifft, der nach neuestem Stand bis zum 30. Juni gestundet werden soll, immer vorausgesetzt alle anderen 27 Mitgliedsstaaten votieren einstimmig für diese zigste Verlängerung, befinden wir uns seit knapp drei Jahren im Dauermodus des Vorabends. Das Vorabendprogramm, wir wissen es, zeichnet sich nicht gerade allzu oft durch tief- oder scharfsinnige Beiträge aus, nein, gesendet werden vielmehr mit Vorliebe Soaps, zu Deutsch: Seifenopern. An dieser Konvention halten die Drehbuchautoren und Regisseure der Posse „To stay or not to stay“ eisern fest.

„Eurovision Song Contest“: Die populäre Form der verordneten Europa-Begeisterung

Dieser Tage erreichte mich per Email ein Aktionsaufruf des Baden-Württembergischen Städtetags, meine (Sing-)Stimme für Europa zu erheben: Nämlich „Freude schöner Götterfunken“ anzustimmen, aufzunehmen und ins Netz zu stellen. Das ist ein bisschen albern und ein bisschen naiv, und die musikalische Qualität des Votums wird vermutlich äußerst dürftig ausfallen, aber die Initiative illustriert trefflich das Chorische des Unterfangens Europa. Die mittlerweile reichlich kommerzialisierte, populäre Variante der Stimmerhebung gibt es in Gestalt des „Eurovision Song Contests“ bereits seit 1956, ausgerichtet von der EBU, der europäischen Rundfunkunion. Aber Harmonie kann nicht verordnet werden, und Wohlklang darf keinesfalls der Zuckerguss auf schrillen Misstönen und sozialen Verwerfungen sein. Die Auseinandersetzung um den diesjährigen ukrainischen Beitrag zum Song Contest – der Sängerin wird zu große Nähe zu Russland vorgeworfen – zeigt, dass das Politische und Strategische auch in Bereiche eindringt, die als unpolitisch gelten, wie zum Beispiel der (durch und durch kommerzialisierte) Unterhaltungsbereich. Die ukrainische Sängerin Maruv hat für sich die Konsequenz daraus gezogen und ihren Auftritt in Tel Aviv, dem diesjährigen Austragungsort, abgesagt.

Abgesänge auf Europa: Der Brexit ist nur das krasseste Beispiel

Das sollten Kulturschaffende, Bildungsbeauftragte und Künstler, überhaupt alle Bürgerinnen und Bürger, finde ich, gerade nicht: Absagen und Abgesänge gibt es zuhauf. Das Mittel der Wahl derzeitiger Politik – nicht nur in der EU –, ist immer öfter die Disruption, der Bruch, die Zerstörung. Der Brexit ist dafür das eindrücklichste Beispiel. Aber auch diesseits des Ärmelkanals werden Verträge aufgekündigt, Vereinbarungen ignoriert, Richter ohne rechtliche Grundlage in den Ruhestand versetzt, Gesetze per Handstreich auf den jeweiligen Machtinhaber zugeschnitten. Das entspricht dem binären sprunghaften Code des Digitalen: 0 1 0 1. Es kennt keine Kontinuität, keine Entwicklung und keine Geschichte, sondern nur die Mechanik der Digits. Kultur und Kunst dagegen sind einem anderen Code verpflichtet: dem der Kontinuität und wechselnden Spannung, altmodisch gesagt: dem Analogen. (Wobei damit keinesfalls gesagt sein soll, dass die Künste vom Digitalen nicht auch profitieren. Aber das ist ein anderes Paar Schuhe.) Die Kontinuität ist diskursiv, die wechselnde Spannung sorgt für Korrektive.

Wir, die Künstler und Kulturschaffenden, sind im besonderen Maße aufgerufen, die Esperanto-Qualität von Kunstwerken und Bildungsangeboten – keiner Zunge fremd, wie es im zukunftsfrohen Libretto (van Swietens) zu Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ heißt – offensiv einzusetzen und zur Darstellung zu bringen, als Vermittler, als Störenfriede, als Quer-, Frei- und Mitdenker. Wir sollten ein Europa vertreten und verteidigen, welches als Kulturraum verstanden wird, auch wenn, vielmehr gerade weil es als Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegründet wurde und im aktuellen Kürzel EU nicht aufgehen sollte. Wir sollten den echten Lobbyisten, die die Hand nur ausstrecken, wenn eine andere sie wäscht, Konkurrenz machen, als Lobbyisten, die für ein Vereinigtes (nicht unbedingt in allen Hinsichten einiges) Europa eintreten, das sich als lebendiges Zentrum der vielbeschworenen Wertegemeinschaft in der Verantwortung sieht – aber nicht zentralistisch sein will, mit dem Wasserkopf Brüssel und dem Kunstherz Schengen. Eine Wertegemeinschaft ist kein abgesteckter Claim, sondern ein dynamisches, vitales, gefährdetes, immer zu hinterfragendes, zu erneuerndes und zu pflegendes Gebilde.

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Pflege – da sind wir erneut bei der Kultur. Das heutige Europa ist als EU überwölbt vom neoliberalen Primat des Ökonomischen. Die Weichen dafür wurden vor vierzig Jahren gestellt, wie man in der profunden Studie „Zeitenwende. 1979“ des Historikers Frank Bösch eindrucksvoll nachlesen kann. Aber unter unseren Städten, Ackerflächen, zersiedelten Gewerbegebieten, ausgedehnten Wäldern, Seen, Flüssen und Bergen, im ständigen Hautkontakt mit uns, liegen die Ermordeten und die Toten zweier Weltkriege, bei jeder Großbaustelle gibt es Bombenalarm und kommt es zu einer Evakuierung der umliegenden Siedlungen, in unseren Meeren (Außengrenzen!) ertrinken Abertausende auf der Flucht.

Soll Nabokov, alias Pnin, mit seiner pessimistischen Einschätzung, dass Humanität und Humanismus erst als Humus zur wahren Vollendung finden, also dann, wenn wir alle zu Asche und Staub zerfallen, Recht haben, Recht behalten? Oder können wir Künstler, Kulturschaffenden, Bildungsbeauftragten in der Wirklichkeit des heutigen Europas durch unsere Literatur, unsere Filme, Theaterstücke, Schulen, Volkshochschulen und Universitäten eine lebendige Kontinuität, einen lebendigen Austausch bewerkstelligen? Der die Dichotomien überwindet – der Toten und der Lebenden, der Einheimischen und der Geflüchteten, der Mächtigen und der Ohnmächtigen? Können wir die Gesellschaften, in deren Mitte wir wirken, kritisch begleiten und beleuchten? Kann das in einem politischen Europa, das im Begriff ist, Ego-Zentren auszubilden, in alte, verheerende Zeiten nationalistischer Partikularinteressen zurückzufallen, demagogisch aufzurüsten, gelingen? 

Erste Bürgerpflicht ernstnehmen - und zur Europawahl gehen

Einem Europa, in dem die Beschwörungen (außer sonntags, da geht es auch um Werte) meist der EU als Währungs- und Handelsunion und als Wettbewerber im globalen ökonomischen Kontext gelten? In einem Europa, in einer Welt, in der das politische Mittel der Wahl, wie ausgeführt, immer öfter die Disruption ist? Und Abbrüche folglich als Aufbruch verkauft werden? In einer Welt, in der, bei allem Segensreichen, das die Möglichkeit der Vernetzung zu bieten hat, die Einladung zur Wortmeldung allzu oft als Aufforderung zur Selbstermächtigung verstanden wird. Insbesondere in den sozialen Medien verleitet die Pseudo-Teilhabe zum Pöbeln statt zum mündigen Diskurs, und das Modell der Repräsentation, wesentlich für parlamentarische Demokratien, wird klammheimlich ausgehöhlt.

In einem als Kulturraum gedachten und verstandenen Europa gibt es selbstverständlich (und gottlob) Kontraste und Unterschiede, aber diese müssen nicht zwingend zu Antagonismen und Konkurrenz führen, sondern können einen vitalen Stromfluss – der zwei entgegengesetzte Pole braucht – generieren, an dem wir alle, nicht nur die Künstler und Kulturschaffenden teilhaben können: als Übersetzer der wechselnden Spannungen in die jeweils heimische. Als echte Transformatoren. Immer vorausgesetzt, dass die sozialen Ungerechtigkeiten auszugleichen die Herzensangelegenheit sowohl nationaler wie europäischer Politik bleibt – oder muss man sagen: endlich wieder wird?

Ich habe keine abschließende Antwort auf die gestellte Frage nach dem Gelingen des Glücksfalls Europa. Aber wir müssen darauf bestehen, dass das Diktum keiner Zunge fremd in allen Bereichen gilt: ethnisch, religiös, sozial. Und wir müssen unsere erste Bürgerpflicht ernstnehmen: die Wahl. Und Politiker und Parteien wählen und fordern, die sich dafür einsetzen, dass Argumente, nicht Behauptungen zählen, dass Einsicht und nicht Angst Entscheidungen herbeiführen muss, dass Mitgefühl und Solidarität Gesellschaften befrieden, und nicht egozentrische Interessenvertretung und Abschottung.

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Wir müssen Politiker fordern und wählen, die wissen, dass zur Aussteuer einer offenen, demokratischen Gesellschaft Kunst und Kultur unabdingbar dazugehören und vor kommerzieller Ausbeutung bzw. dem Gebot der Profitmaximierung geschützt werden müssen. Die wissen, dass Bildung ein Gut ist, das unabhängig von Verwertungszusammenhängen zu würdigen ist und für alle erreichbar sein sollte. Wir müssen Politiker fordern und wählen, die die europäische Idee nicht ausverkaufen als eine Wirtschaftsunion, sondern ihr restituieren, was sie ausmacht: ein Kulturraum zu sein, in dem wir uns nicht nur zollfrei, sondern frei, mündig und schöpferisch bewegen können.

Das Reittier einer solchen Europa – die nicht entführt werden muss, sondern sich auf Reisen begibt – könnte dann durchaus der Pegasus sein, das geflügelte Wesen der Phantasie, robust gebaut, aber zart besaitet. Übrigens in schöner Ausgestaltung im Giebelfresko von Münchens Nationaloper zu bestaunen. Pexit– Austritt des Pegasus aus der Gemeinschaft der Weitsichtigen? Undenkbar! Er ist nicht nur geflügelt, sondern auch beflügelt: vom Zusammenhalt des Kontinents Europa. Und wir, die Träumer des Denkbaren, müssen für den nötigen Aufwind unter seinen Schwingen sorgen, damit die Gefahr eines Strömungsabrisses gebannt ist. Unter anderem am 26. Mai ist dafür ausgezeichnete Gelegenheit.

Dagmar Leupold lebt als Autorin in Tübingen. Im Herbst erscheint ihr neuer Roman „Lavinia“ bei Jung und Jung.

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