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Eure Schuld, unsere Schuld

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Blick in die Wehrmachtsausstellung.
Blick in die Wehrmachtsausstellung. © epd

Ein Kongress in Frankfurt befasst sich mit den Folgen der Wehrmachtsausstellung für die deutsche Erinnerungskultur.

Von Matthias Arning

In Frankfurt sollte sich klären, wie es mit der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht weitergehen sollte. Damals, vor zwei Jahrzehnten. Als die Schau des Hamburger Instituts für Sozialforschung in der Paulskirche gezeigt wurde – zwei Jahre nach der erstmaligen Präsentation. Was nach dem „großen Schweigen“ bis in die 90er Jahre und nach dem „großen Aufschrei“ angesichts der Dokumentation geblieben ist, das bilanzierte jetzt eine Konferenz im Frankfurter Haus am Dom.

Für die Macher der Ausstellung, die die Dokumentation zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, also zum 8. Mai 1995, erstmals gezeigt hatten, stand bei der Eröffnung der Ausstellung in der Paulskirche außer Frage: Die Auseinandersetzung mit der Dokumentation sollte erweisen, dass sich Bürger „ernsthaft mit dem zweiten deutschen Völkermord befassen“, wie es der damalige Ausstellungsleiter Hannes Heer jetzt in Frankfurt bezeichnete.

Zuvor hatte es viel Aufregung gegeben. Heftigen Widerspruch fand die grundlegende These der Ausstellung, es sei nicht allein Hitlers Mörderbande bei der SS gewesen, die Europa mit Gewalttaten erschüttert habe, vielmehr habe sich auch die Wehrmacht spätestens während ihres Feldzuges gegen die Sowjetunion an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt. Ehemalige Soldaten der Wehrmacht fühlten sich durch die Ausstellung pauschal verunglimpft, der CSU-Politiker Peter Gauweiler machte sich bei der Präsentation der Ausstellung in München zu deren Sprecher.

Ins Recht gesetzt sahen sich die Gegner der Ausstellung, als Historiker zeigten, dass zentrale Dokumente der Ausstellung, Fotos, falsch zugeordnet worden waren.

Jan Philipp Reemtsma, Chef des Hamburger Instituts für Sozialforschung, stoppte die weitere Präsentation der Dokumentation daraufhin 1999. „Reemtsma tat gut daran, die Ausstellung zurückzunehmen“, befand jetzt Ulrich Raulff, Direktor des Literaturarchivs Marbach. Das sah Hannes Heer vollends anders. Zumal die ursprünglich geplante Präsentation der Ausstellung in den USA große Resonanz hätte finden können. Bei den zu diesem Zeitpunkt laufenden Verhandlungen über Entschädigungen für frühere NS-Zwangsarbeiter hätte die Schau die Zahlungen in die Höhe trieben können, unterstrich der Historiker. „Diese Befürchtung“ habe bei Reemtsma wohl dazu beigetragen, Vorsicht walten zu lassen, so die Einschätzung Heers.

Die Wehrmachtsausstellung habe „den zweiten Völkermord“ der Deutschen zum Thema gemacht und damit „die deutsche Schuld nicht allein auf den Holocaust fixiert“, betonte Heer. Dem widersprach Hanno Loewy entschieden. Der damalige Direktor des in Frankfurt ansässigen Fritz-Bauer-Instituts nannte es „zweischneidig, den Krieg und den Holocaust“ in einem Atemzug zu nennen. Verbrechen der Wehrmacht und Verbrechen der SS könne man nicht „in so enge Verbindung bringen“. Vielmehr sei „der Antisemitismus ein Grund des Krieges gewesen“.

Die Ausstellung, darauf bestand die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, habe „ein Ende früherer Schutzbehauptungen“ gebracht. Seitdem könne es kein Hindeuten auf „die böse SS“ und gleichzeitig „die sauber gebliebene Wehrmacht mehr geben“. Zu einer Wendung in der Erinnerungspolitik habe auch die Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes beigetragen, als er die Niederlage der Deutschen im Zweiten Weltkrieg als Befreiung bezeichnete. Das sei eine neue Qualität der Betrachtungen in der Nachkriegszeit gewesen, so Assmann. Zumal der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in seiner Regierungszeit vor allem darum bemüht gewesen sei, „das Bekenntnis der deutschen Schuld vom Leiden der Deutschen zu überlagern“.

Mit der Wehrmachtsausstellung sei es möglich geworden, dass es nicht mehr die Zuweisungen „eure Schuld“ gebe, sondern Nachgeborene die Frage nach „unserer Schuld“ stellten, hob Assmann hervor. Dieser Frage ging der Publizist und Historiker Moritz Pfeifer nach. Angeregt durch die Wehrmachtsausstellung befragte er seinen Großvater, bis 1944 überzeugter Berufsoffizier. Er wollte wissen, welche „Erinnerungen, Umdeutungen, Verdrängungen“ es für seinen inzwischen verstorbenen Opa gegeben habe. Damit wollte er „einen Beitrag zum Gedächtnis der Familie liefern“.

Außer Frage stand dabei für ihn: „Ich wollte für meinen Großvater keinen Persilschein liefern, aber auch keine Pauschalanklage.“ Ebenfalls eine Folge der Ausstellung. Siehe auch Lokales

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