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„Nördlicher Ort“ ,1923, Klee zerschnitt sein Aquarell – der Brechung halber.
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„Nördlicher Ort“ ,1923, Klee zerschnitt sein Aquarell – der Brechung halber.

Johannes Itten und Paul Klee

Esoteriker trifft Analytiker zum Paarlauf

  • vonIngeborg Ruthe
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Am Mittwoch beginnt im Martin-Gropius-Bau die faszinierend dialogische Schau „Kosmos Farbe. Itten – Klee“. Sechs Säle gehören dem Dialog der berühmten Bauhauslehrer. Es geht um Theorien und auch um Sinnlichkeit.

Am Mittwoch beginnt im Martin-Gropius-Bau die faszinierend dialogische Schau „Kosmos Farbe. Itten – Klee“. Sechs Säle gehören dem Dialog der berühmten Bauhauslehrer. Es geht um Theorien und auch um Sinnlichkeit.

Ein Kosmos aus allen Farben dieser Welt ist aufgespannt. Pünktlich zum säumigen Frühling und passend zum ambitionierten Galerien-Wochenende der jungen Kunst beginnt am Mittwoch im Gropius-Bau eine Schau der Klassiker der Moderne. Es geht um Theorien und auch um Sinnlichkeit.

Da haben sich zwei mit nichts anderem als Kunst aus Farbe und Licht befasst. Sechs Säle gehören dem Dialog berühmter, in ihrer Kunst nachhaltiger Bauhauslehrer in Weimar und Dessau: den Malgefährten Johannes Itten (1888-1967) und Paul Klee (1879-1940). Eine Zwiesprache, die aus den dunklen Tönen der frühen Bilder hinausleuchtet und die Farbformen des anderen strahlend reflektiert. Neuere Forschungen belegen, wie sehr sich beide auf gemeinsame Quellen – auch auf Goethes Farbenlehre – bezogen und gegenseitig anregten. Das Kunstmuseum Bern hat die Schau ermöglicht und zuerst gezeigt, Leihgaben aus aller Welt besorgt.

Am Anfang steht das Naturstudium der beiden, deren Lebenswege sich mehrmals kreuzten. Die Sujets poetisch, die Farben noch dunkel-melancholisch, sie suchen nach Licht, nach Befreiung von allen Schatten. Und doch liegt hier das Fundament für alles Kommende, Aufgelöste, Reflektierte: Beide Maler kamen bei ihren koloristischen Experimenten von der Anschauung, vom Vokabular der Landschaft, der Figur. Das verraten Ittens biblischer, von Cézanne inspirierter „Barmherziger Samariter“ ebenso wie Klees architektonisch gegliedertes „Haus in der Schlucht“.

Am Ende leuchtet – in der Blickachse bis zum letzten Saal sichtbar – Ittens rekonstruierter „Turm des Feuers“, 1923. In ihm hat der exzentrische Esoteriker das Bewegungsmotiv der Spirale zum dreidimensionalen Monument (womöglich auch zur Paraphrase von Tatlins futuristischem Turm) geformt. Das nach mathematischen Proportionen hin berechnete, zwölfteilig abgestufte, gläserne Farbuniversum Ittens sollte Symbol fürs Welt-Ganze sein: für Mineralien, Organismen, astrologische Konstellationen, für Erde, Feuer, Wasser Luft.

Dies nun korrespondiert fast elektrisierend mit Klee, etwa dessen zwei leicht kubistischen, orange-braunen Bildern, in denen Figürliches aufscheint. Der verspielte Analytiker und einstige Blaue-Reiter-Expressionist hatte das vormals ganze Motiv zerschnitten und an Sammler in zwei – einzeln perfekt funktionierenden – Teilen verkauft. Und dies nun ist eine Wiedervereinigung auf Zeit.

Eigene Farbenlehre

Itten, der aus der Zürcher Schule der Konkreten Kunst kam, Anhänger einer Mischreligion aus zarathustrischen, hinduistischen, christlichen Zutaten, glaubte ebenso wie Klee, den er ans Bauhaus holte, an eine gesetzmäßig strukturierte Ordnung der Farben als in sich geschlossenen Kosmos. Beide entwickelten ihre eigene Farbenlehre: Darin untersuchten sie die Wahrnehmung und das Empfinden von Tönen und Kontrasten. Bei Ittens „Farbtypenlehre“ wirkte der Einfluss seines Stuttgarter Lehrers Adolf Hölzel. Klee hingegen kam auf der Tunisreise 1914 zu der im Tagebuch niedergeschriebenen Erkenntnis: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins ...“

Derartige Euphorie eines doch eher analytischen Künstlers wird von Itten, es ist an den Wänden auch nicht zu übersehen, gar noch gesteigert: „Farbe ist das Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint wie tot.“ Klee wie Itten, schufen sich eine eigenständige Ordnung zwischen der exemplarischen „Kosmologischen grauen Farbkugel“ des Romantikers Philip Otto Runge und den Polen Schwarz und Weiß. Und beide befreiten sich von der Abbildlichkeit. Bei Itten passierte das beinahe totalitär, bei Klee mit spielerischer Distanz, immer auf Grundlage der harmonischen Regenbogenfarben und deren Dynamik.

Die jeweilige Ordnung der Farben indes stellte sich her in Etappen, die man Wand für Wand nachvollziehen kann. Den theoretischen Überlegungen folgt bildreich, anhand von kapitalen Werken wie kleinen Studien, die allmähliche bis überwältigende Entdeckung der Farben: Itten malte seine abstrakten Horizontalen-Vertikalen. Klee verwendete die Farben immer freier.

Dann, am Bauhaus, setzte bei beiden eine Rationalisierung des Farbigen ein. Klee fasste die natürlichen Hell-Dunkel-Übergänge in klar gegliederte, oft geometrische, zugleich aber leicht groteske Abstufungen: Streifen, Kästchen, Kreise, Dreiecke, Felder.Vegetativ hingegen gerieten Motive von (Nacht-)Pflanzen, Vögeln, Märchentieren wie verwunschenen Gärten. Farbton-Stufen nannte der Maler im Sinne von Bachs Musik, gar „Fugen“. Auf anderen Bildern deuten Pfeile die Bewegungsrichtung an und seltsame Bauwerke (Pyramiden, Höhlen) weisen auf den spielerischen Umgang mit Architektur.

Bei Itten gewann während der Bauhausjahre das Figürlich-Gegenständliche wieder an Macht. Manche Bilder oder Teppiche – das Amsterdamer Stedelijk Museum lieh die Webarbeit „Velum“ aus – werden nun fast ornamental, etwa „Vögel am Meer“, und er arbeitete mit ostasiatischer Tuschmalerei.

Dann aber kehrte er zurück zur reinen Abstraktion. Das Esoterische der Farben, ihre Autonomie und Ordnung behandelte Johannes Itten bis zuletzt als deren missionarischer Prophet und Paul Klee eher als selbstironischer Sarkastiker.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. 25. 4. – 29. 7. Kuratoren: M. Schäfer/ Chr. Wagner. Mi–Mo 10–19 Uhr. Katalog (Schnell+Steiner) 20 Euro.

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