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„Es geht darum, Menschen – erneut – aus der Gesellschaft zu drängen“

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Von: Katja Thorwarth

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„Neben der Wissenschaftsfreiheit steht zum Beispiel die Wissenschaftsethik“, sagt Dana Mahr.
„Neben der Wissenschaftsfreiheit steht zum Beispiel die Wissenschaftsethik“, sagt Dana Mahr. © Privat

Die Medizinsoziologin Dana Mahr zur heftigen Diskussion über einen abgesagten Vortrag in Berlin und die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr.

Frau Dr. Mahr, als die Humboldt-Universität einen Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht zunächst absagte, sprach Vollbrecht bei „Bild“ vom „Einknicken vor radikalen, gewaltbereiten Aktivisten“. Wen meint sie hier?

Marie-Luise Vollbrecht bezieht sich mit dieser Aussage auf den „Arbeitskreis kritischer Jurist:Innen“ (akj). Hierbei handelt es sich um eine couragierte Gruppe junger Student:innen der Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität. Diese jungen Menschen setzen sich nicht nur für eine Reform des Jurastudiums ein, sondern engagieren sich auch für die Inklusion und die Rechte marginalisierter sozialer Gruppen.

Was war der Anlass?

Aufgerüttelt durch die bewusst ambivalente Titelwahl von Frau Vollbrechts populärwissenschaftlichem Vortrag hatte der akj zu einem Protest vor dem Hauptgebäude der Universität aufgerufen. Das Ziel dieses Protestes war es, den Vortrag der Biologiedoktorandin zu kontextualisieren, und zwar im Licht ihres teils aggressiven und persönlich übergriffigen Aktivismus gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz sowie die Selbstdeterminierung von Sexarbeiter:innen. Die Student:innen wollten zugleich darauf aufmerksam machen, dass Vollbrecht tief in reaktionäre und gruppenbezogen menschenfeindliche Netzwerke eingebunden ist, wie man sie bisher nur aus den Vereinigten Staaten kannte. Um diese Information zu teilen, hatte das akj Pressevertreter:innen zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Von „gewaltbereiten Aktivisten“ kann keine Rede sein.

Mit „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ ist der Vortrag überschrieben. Mit welchen Argumenten will Vollbrecht ihre These belegen?

Ich denke, es geht und ging in diesem Vortrag nicht um Argumente oder wissenschaftliche Thesen. Der Vortrag war und ist vielmehr Bestandteil einer regressiven Kommunikationsstrategie jener Akteur:innen, denen die (bis jetzt noch) bestehende Offenheit unserer Gesellschaft ein Dorn im Auge ist. Frau Vollbrecht, ihre Mitautor:innen des queer-feindlichen Gastbeitrags in der Springer-Zeitung „Die Welt“ sowie deren „flying monkeys“ der sogenannten „Siff-Twitter-Bubble“ (Zusammenschluss aus Nutzern, die nur trollen und verbrannte Erde hinterlassen, die Red.) zielen darauf ab, trans* Menschen, Sexarbeiter:innen und Menschen mit Behinderung als „die Anderen“, „die Gefährlichen“, die „Degenerierten“ zu labeln.

Können Sie das konkretisieren?

Beispielsweise werden von solchen Accounts Menschen wie die Journalistin Georgine Kellermann und der Behindertenaktivist Raul Krauthausen als „pädophiler Mann im Kleid“ oder „funktionsloser Raumstaubsauger“ bezeichnet. Häufig bedrohen und provozieren diese Zirkel auch jüngere queere Menschen in den sozialen Netzwerken.

Mit welchem Ziel machen sie das?

Um emotionale Reaktionen hervorzurufen, mit denen dann der „Beweis“ einer vermeintlichen Gefährlichkeit des Gegenübers für Frauen, Kinder oder für die Gesellschaft als Ganzes behauptet werden kann. Hierbei handelt es sich um eine klassische Strategie aus dem Handbuch der „alternativen Rechten“, der sogenannten Täter-Opfer-Umkehr. Wenn Marie-Luise Vollbrecht von den „radikalen gewaltbereiten Aktivisten“ spricht, dann tut sie genau dies. Sie kehrt die Rollen um. Der Köder war in diesem Fall die Verwendung des Begriffs „Gender“ im Vortragstitel. Wieso sollte in einem Vortrag über die geschlechtliche Biologie von Meerestieren das performative und soziale „Gender“ eine Rolle spielen – das bei nicht-menschlichen Tieren natürlich nicht gegeben ist?

Beantworten Sie mir die Frage?

Zur Person

Dana Mahr ist promovierte Medizinsoziologin und Wissenschaftshistorikerin. An der Universität Genf erforscht sie die sozialen Folgen der Präzisionsmedizin für marginalisierte soziale Gruppen.

Der Vortrag, den die Biologin Marie-Luise Vollbrecht in der Langen Nacht der Wissenschaft am vergangenen Samstag an der Humboldt Universität in Berlin hätte halten sollen, trägt den Titel „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der

Biologie zwei Geschlechter gibt“. Nach der Ankündigung von Protesten sagte die Universität den Vortrag ab und berief sich auf Sicherheitsbedenken. Kritisiert wurde einerseits die „rückgratlose“ Absage, andererseits aber auch die Einladung, die rückwärtsgewandten Thesen ein Forum biete.

Mit einer Podiumsdiskussion will die Humboldt-Universität nun am 14. Juli den Vortrag „aufgreifen, kontextualisieren und diskutieren“.

Ich bin mir sicher, dass Frau Vollbrecht und ihre Mitstreiter:innen queere Menschen und deren Verbündete – wie den akj – ins „offene Messer laufen lassen“ wollten. Dies ist ihnen, wie der Diskurs auf Twitter zeigt, gelungen, denn Vollbrecht stilisiert sich derzeit als ein Opfer des „Woke-Mob“ und einer angeblich „wissenschaftsfeindlichen Kultur“. Dennoch denke ich, dass die Aktion des akj wichtig und gut war. Denn – auch das stammt aus dem Spielbuch der alternativen Rechten – gegen die perfiden, oft multidiskursiven Aktionsformen der neuen Menschenfeindlichkeit kann man nicht so einfach gewinnen. Was man jedoch machen kann (und soll) ist, deren Gefahren aufzuzeigen, wo sie einem begegnen. Es geht und ging Personen wie Marie-Luise Vollbrecht übrigens nie um biologische Zweigeschlechtlichkeit, sondern darum, Menschen wie die Politikerin Tessa Ganserer oder auch mich selbst mithilfe einer rückwärtsgewandten Moral des „Normalen“ – erneut – aus der Gesellschaft zu drängen.

Sie sind selbst schon Ziel von Anfeindungen geworden. Was sind Ihre Konsequenzen?

Ich stemme mich trotzdem gegen den neuen menschenfeindlichen Aktivismus. Denn als Medizinsoziologin und Wissenschaftshistorikerin habe ich neben Forschung und Lehre auch den gesellschaftlichen Auftrag, die Öffentlichkeit über die Formen und Argumentationsmuster eines menschenfeindlichen Biologismus – wie es der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, so treffend benannt hat – aufzuklären. Umso erschreckender ist es, wenn einige Minuten später das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Entscheidung der Humboldt-Universität, Vollbrecht keine Bühne zu geben, als einen unhaltbaren Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit darstellt.

Warum löst die Absage eine solche Reaktion aus? Stichwort: Wissenschaftsfreiheit ...

Wie auch in den Vereinigten Staaten machen derzeit in Deutschland reaktionäre Kräfte gegen Vielfalt und Inklusion Propaganda. Mit der Aufmerksamkeit durch rechts-konservative Medien und verstärkt durch ihre Claqueure in den sozialen Medien wähnen sich derartige Gruppen gerade als Sieger eines von ihnen selbst imaginierten Kulturkampfes – auch wenn sie in der Wirklichkeit keineswegs eine Mehrheitsmeinung abbilden, sondern nur das Bild dieser generieren. Die Diskursfigur der „gefährdeten Wissenschaftsfreiheit“ passt gut in dieses Bild und entspricht funktional der Idee, dass auch die „Meinungsfreiheit“ gefährdet sei. Damit werden geschickt Assoziationsketten geschaffen und sprachliche Brücken zu jenen Menschen aufgebaut, die während der Corona-Pandemie ihre Möglichkeit dieses oder jenes „wohl doch noch sagen zu dürfen“ aus einem diffusem Gefühl der eigenen Ohnmacht heraus eingeschränkt sahen.

Was entgegnen Sie denen?

Wenn wir einmal analytisch von diesem Rauchbild der „Wissenschaftsfreiheit“ zurücktreten und die Wissenschaftsfreiheit als einen Wert des Wissenschaftssystems betrachten, dann zeigt sich, dass diese in ein weitaus komplexeres Netz von Werten, Mechanismen und Korrekturfaktoren eingebunden ist. Neben ihr steht zum Beispiel das Feld der Wissenschaftsethik. Zwischen dieser und der Freiheit der Forschung gilt es sorgfältig abzuwägen. Wozu eine einseitige Berufung auf die Wissenschaftsfreiheit führen kann, sollte gerade uns Deutschen vor dem historischem Hintergrund der Nazi-Medizin der 1930er und 40er Jahre sowie deren „Menschenversuchen“ noch schmerzlich im Gedächtnis sein. Mit dem Nürnberger Kodex von 1946/47 und dessen Nachfolgerichtlinien haben die Natur- und Lebenswissenschaften in Deutschland anerkannt, dass auch Wissenschaftsfreiheit da aufhören muss, wo die Verletzung von Menschenrechten droht.

Was ist der Bezug zu Marie-Luise Vollbrecht?

Im Falle der Wissenschaft kann das Werk nicht vollständig aus seinem Entstehungskontext und den sozialen Vorstellungen seiner Verfasser:in abgelöst werden. Es kann zum Beispiel gefragt werden, warum Frau Vollbrecht in ihrem Vortrag zwar über das Geschlecht von Seeanemonen und anderen wirbellosen Tieren, welche sich sowohl asexuell als auch zweigeschlechtlich vermehren können, nicht aber über andere Lebewesen wie etwa gewisse Schleimarten oder Pilze gesprochen hat, die in einem sehr generellen Sinn die Tendenz zur Zweigeschlechtlichkeit unterlaufen.

Die Uni will den Vortrag nun im Kontext einer Diskussionsrunde nachholen. Ist das der richtige Rahmen?

Marie-Luise Vollbrecht sollte ihren Vortrag halten. Dennoch sollte aus interdisziplinärer und transdisziplinärer Perspektive der Fall – beispielsweise mit einem Symposium – aufgearbeitet werden. Vielleicht sollten dabei auch jene zu Wort kommen, die durch Vollbrechts destruktiven Aktivismus zu Schaden gekommen sind. Auch sollte sich die Universitätsverwaltung bei den Student:innen des akj entschuldigen. Diese müssen schließlich als Sündenböcke herhalten.

Interview: Katja Thorwarth

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