Eine undatierte historische Postkarte des Nordseebads Wyk auf Föhr zeigt eine Strandpartie.
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Eine undatierte historische Postkarte des Nordseebads Wyk auf Föhr zeigt eine Strandpartie.

Die Postkarte

„Es gab heiße Diskussionen. Zum Beispiel: Dürfen Frauen Postkarten schreiben?“

  • vonSusanne Lenz
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Die Welt kennenlernen, Politik machen, etwas Hübsches sammeln: Liliane Weissberg über die Sensation eines Kommunikationsmediums, bei dem alle mitlesen und mitgucken konnten.

Frau Weissberg, wie sind Sie zu Ihrem aus heutiger Sicht unscheinbaren Forschungsgegenstand gekommen, der Postkarte?

Es fing vor vielen Jahren damit an, als ich mich mit den Postkarten eines Berliner Sammlers, Wolfgang Haney, beschäftigt hatte. Er sammelte unter anderem jüdische und antisemitische Bildpostkarten. Ich hatte sie mir zunächst wegen der Bilder angesehen, dann hat mich aber das Objekt Postkarte selbst interessiert und die Frage, ob es immer so unscheinbar gewesen war, so trivial, wie es uns heute erscheint.

War es das?

Die Postkarte war zu Beginn etwas Sensationelles, sie galt als das Kommunikationsmedium der Moderne. Ihre Erfindung verdankt sie dem Jahr 1840, damals wurde die erste Briefmarke in England eingesetzt: die Penny-Stamp. Bis dahin hatte der Empfänger die Post bezahlt, die Briefmarke aber zahlte nun der Absender. Und damit wurde nicht nur der Transportweg bezahlt, sondern gerade das Gewicht einer Sendung. Ein Kriterium der neuen Kommunikation war also Leichtigkeit – und eine Postkarte war nur ein kleines Stück Papier. Sie bot Konkurrenz zum Telegramm. Man konnte kurz und schnell mit der Postkarte Nachrichten verschicken. Da ihre Versendung billig war, galt sie als demokratisch.

Die Postkarte war auch insofern neu, weil sie keinen Umschlag hatte, oder? Sie bot keine Privatheit.

Dadurch wurde etwas anderes möglich: Eine Vielzahl von Lesern, die nicht mit dem Empfänger identisch waren. Die allererste Postkarte, die 1840 verschickt wurde, wurde von dem englischen Schriftsteller Theodore Hook an sich selbst versandt. Er versah sie mit einer selbst gemalten Karikatur von Postbeamten – und spekulierte darauf, dass sich Postbeamte die Karte anschauen würden; sie sollten die wahren Empfänger sein.

Ein neues Medium ruft oft Bedenken hervor. Wie war das bei der Postkarte?

Es gab heiße Diskussionen. Eine Frage war zum Beispiel: Dürfen Frauen Postkarten schreiben? Denn Frauen mussten ja auf ihr gutes Benehmen achten und ihre Briefe sollten privat bleiben. Oder: Was passiert, wenn ich als hochgestellter Mensch eine Postkarte schreibe und Dienstleute sie lesen können? Und: Eine kurze Nachricht ist gewünscht, aber verunstaltet man dabei vielleicht die Sprache? All das wurde diskutiert, als die ersten gedruckten Postkarten, noch als Korrespondenzkarten, in Umlauf kamen. Die allererste Karte war ja selbstgebastelt.

Und durften Frauen Postkarten schreiben?

Sie durften es schließlich, und das ist zum Teil Königin Victoria zu verdanken. Denn sie erklärte, sie möge die Postkarte.

Zur Person

Liliane Weissberg, geboren 1953 in Wien, ist eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte an der Freien Universität Berlin und Harvard. Zu ihren Publikationen gehören: „Hannah Arendt, Charlie Chaplin und die verborgene jüdische Tradition“, „Über Haschisch und Kabbala. Gershom Scholem, Siegfried Unseld und das Werk von Walter Benjamin“ und „Münzen, Hände, Noten, Finger: Berliner Hofjuden und die Erfindung einer deutschen Musikkultur“. Die Postkarte war ihr Forschungsprojekt an der American Academy in Berlin. Und zwar die Goldene Zeit dieses Mediums, das einst als höchst modern galt.

Wann wurden Postkarten offiziell zugelassen?

Es war ein deutscher Postbeamter, der sie 1865 für den Norddeutschen Bund einführen wollte: Heinrich von Stephan. Doch dies wurde wahrscheinlich wegen Kostenbedenken abgelehnt. Der erste Postkartenverkehr wurde dann 1869 in Österreich genehmigt. Emanuel Herrmann, ein Habsburger Beamter, hatte die neue Erfindung durchgesetzt. In Deutschland gab es die ersten offiziellen Postkarten dann ab 1870. 1870/71 war allerdings die Zeit des Preußisch-Französischen Krieges. Die erste Bildpostkarte war eine Militärpostkarte aus Frankreich. Die Tatsache, dass sie so leicht war, machte es möglich, sie sogar während des Krieges mit einem Ballon zu verschicken. Als 1871 dann das Deutsche Reich gegründet wurde, erlangte die Postkarte richtige Popularität. Das Post- oder Korrespondenzblatt, wie es zunächst genannt wurde, bekam Bilder, zu Beginn noch Lithografien. Verlage in Berlin und vor allem in Leipzig stellten sich darauf ein und begannen, Postkarten zu drucken.

Postkarte von 1910, die die Reaktionen der Bevölkerung auf die Ankunft des Halleyschen Kometen persifliert.

Wie reagierten die Deutschen?

Die Postkarte war ein riesiger Erfolg. Durch sie konnte man das gerade gegründete Deutsche Reich kennenlernen. Bilder aus der neuen Hauptstadt Berlin konnten nach Bayern geschickt werden und so weiter. Die Bildpostkarte war ein politisches Instrument. Deutschland war auch bis 1914 führend in der Produktion von Postkarten. Es war ein großes Geschäft. Man schätzt, dass zwischen 1895 und 1920 weltweit zweihundert Milliarden Postkarten verschickt wurden.

Wahnsinn!

Die Postkarte war bis 1914 ein deutscher Exportschlager. Eine Postkarte aus den nordafrikanischen Kolonien oder aus Frankreich, England oder den USA war wahrscheinlich in Deutschland gedruckt worden. Zu dieser Zeit kam auch der Tourismus auf. Drucktechniken änderten sich und es gab bald die Möglichkeit, farbige Karten zu drucken. Und immer wieder neue Gesetze, welche die Postkartenproduktion und ihre Versendung regulieren sollten.

Wie lauteten die denn?

Anfangs wurden auf manchen Karten sogar Anweisungen gedruckt: Man durfte nichts moralisch Anstößiges schreiben oder seine eigene Adresse nicht angeben. Bis 1905, 1906, 1907 – je nach Land – durfte auf der einen Seite der Postkarte nur die Adresse stehen und auf der anderen die Nachricht. Bild und die Nachricht mussten sich daher auf der gleichen Seite befinden. Dann kam die Bestimmung, dass eine Seite der Karte geteilt werden sollte, somit hatte die Nachricht auf der Seite des Adressfeldes Platz – das ist heute noch der Fall. Durch diese Regelung konnte die ganzseitige Bildpostkarte entstehen und auch Fotografien wiedergeben. Italienische Verlage begannen beispielsweise, Fotografien von Kunstwerken auf Karten zu drucken. Für die Tourismusindustrie war es wichtig, dass Landschaften und Städte wiedergegeben werden konnten. So wurden Postkarten verstärkt zu Souvenirs. Sie wurden wiederum in Postkartenalben gesammelt – zunächst vor allem von Frauen. Es gab Zeitschriften für Sammler, Postkartenbörsen. Es gab sogar Ratgeber, die beschrieben, wie man mit Postkarten Wände und Möbel tapezieren konnte.

Postkarten hatten auch Bedeutung für Künstler, für Literaten.

Walter Benjamin war ein eifriger Sammler von Postkarten, er hatte ein Album von seiner Großmutter geerbt und sammelte selbst Postkarten. Auch in Paris sammelte er Postkarten, und diese gingen in sein „Passagenwerk“ ein und bestimmten seinen Begriff des Flaneurs. Er entwickelte diesen nicht nur auf der Basis der Gedichte von Charles Baudelaire, sondern hatte auch Exemplare einer Postkartenserie des Fotografen Yvon gesammelt, die „Paris für den Flaneur“ hieß. Viele seiner Städtebilder schrieb er mit der Postkarte in der Hand. Das Märkische Museum besitzt übrigens eine Postkarte, die der allerersten Postkarte, die er sich als Kind gekauft hatte, entspricht, und die er immer wieder in seinen Werken beschreibt.

Liliane Weissberg

Welche ist das?

Es ist eine Postkarte vom Halleschen Tor, aber keine gewöhnliche, sondern eine „Halt-gegen-das-Licht-Karte“, eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Das ist eine Karte, bei der man die Fenster und den Mond herausgeschnitten hat; diese Öffnungen wurden mit einem transparenten Papier verdeckt. Die Karte leuchtet, wenn man sie gegen das Licht hält. Für Benjamin war sie das Jugenderlebnis schlechthin. Einmal erinnerte sie ihn daran, wie er mit der Mutter in die Oper ging, dann wiederum, wie er spät abends mit ihr einkaufen ging. Benjamin dachte daran, eine Philosophie der Postkarte zu schreiben, diese besondere aber war für ihn so etwas wie Madeleine und Lindenblütentee bei Proust.

Sie erwähnten eingangs antisemitische Postkarten. In welchem Zusammenhang sind Sie diesen begegnet?

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Paris die Dreyfus-Affäre.

Der Offizier Alfred Dreyfus, ein Jude, wurde völlig zu Unrecht des Landesverrats beschuldigt.

Jeder interessierte sich dafür, nur das breite Publikum hatte zu dem Militärprozess natürlich keinen Zugang. Aber Postkarten versuchten, Bilder zu schaffen, bildeten Personen und Ereignisse ab. Zeitungen popularisierten bereits politische Karikaturen; die Postkarten konnten sie versenden und auf ihre Weise verbreiten. Viele der Karten wurden dabei nicht einmal in Frankreich gedruckt, sondern in Deutschland. Die Affäre war ja eine um einen Hochverrat gegen Frankreich, bei dem militärische Informationen an Deutschland weitergegeben wurden. Somit hatte man die paradoxe Situation, dass deutsche Postkartenproduzenten auch Propaganda gegen Deutschland für französische Käufer produzierten; deutsche Verlage druckten Karten für und gegen Dreyfus. Die französischen antisemitischen Karikaturen, die zu dieser Zeit veröffentlicht wurden, sind Vorläufer von jenen, die später in Deutschland zirkulierten.

Springen wir zu Kafka. Auch er hat Postkarten geschrieben.

Kafka hat, als die Seiten der Postkarte neu geregelt wurden, diese neuen Bestimmungen ignoriert, ist auch mit seiner Nachricht oft auf der Bildseite verblieben und hat in das Bild hineingeschrieben – und manchmal auch hineingezeichnet. Das Bild wurde bei ihm zum Text und der Text zum Bild. In den Briefausgaben, die sich nur mit den Texten Kafkas befassen, geht diese Komplexität verloren.

Mit welchen Autoren haben Sie sich noch beschäftigt?

Mit Franz Rosenzweig zum Beispiel. Er war Philosoph und hat sein Hauptwerk „Stern der Erleuchtung“ auf Feldpostkarten geschrieben, die er von der Front nach Hause, nach Kassel, schickte. Was bedeutet es, Philosophie auf einer Feldpostkarte zu schreiben? Ich untersuche, wie sich diese Art der Produktion auf das Werk ausgewirkt hat und wie sie es strukturiert hat. Ein großer Postkartenschreiber war auch Sigmund Freud. Er fuhr in die Sommerfrische in die Berge und schickte Postkarten von Wasserfällen. Aber interessant sind seine Reisen nach Italien. In Rom war er von der Moses-Statue von Michelangelo fasziniert. Er schrieb über diese Skulptur wie auch später über die Gestalt Moses. Ich frage mich aber, wie es seinem Schüler und späteren Kollegen Sandór Ferenczi ergehen musste, als er von Freud eine Postkarte mit einer Abbildung von Moses mit den Gesetzestafeln bekam – schöne Grüße von Moses.

Was haben bildende Künstler mit der Postkarte gemacht?

Eine Kunstwissenschaftlerin und Galeristin namens Rosa Schapire hat sich einen Stapel leerer Korrespondenzkarten gekauft und diese an Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-Rottluff und andere Künstler verschickt – mit der Aufforderung: „Wenn Ihr etwas Neues macht, dann skizziert es da und schickt es den anderen.“ Die Brücke organisierte sich also über ein Postkartensystem. Und die Künstler verwandelten die Postkarten in Kunstwerke. Schapire sammelte die Karten, sie sind heute in Museen in Berlin und München zu sehen.

Auch Else Lasker-Schüler und der Maler Franz Marc haben einander Postkarten geschrieben. Hat Marc seine Kunst da eingebracht?

Ja, und in einem Fall ist es besonders dramatisch. Das Bild „Der Turm der blauen Pferde“, das als sein wichtigstes Werk gilt, ist im Krieg verschollen, heute gibt es nur noch eine Fotografie davon. Aber das Aquarell zum Bild existiert auf einer Postkarte an Else Lasker-Schüler. Es ist dort aber auch mit ihrer Signatur versehen. Lasker-Schüler hatte in viele ihrer Zeichnungen Sterne gezeichnet und auf dieser Karte hatte Marc, in Verbundenheit mit ihr, sein eigenes Bild mit ihren Sternen versehen.

Interview: Susanne Lenz

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