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Reinigungsarbeiten am Trevi-Brunnen in Rom.

Europa

Erzählung vom wüsten Land

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Im römischen Sommer auf der Suche nach einer Zukunft für und in Europa.

The nymphs are departed.
And their friends, the loitering heirs of city directors – 
departed, have left no 
addresses.

Europa, gibt es das überhaupt?, fragte mich ein römischer Freund beim Abendessen. Wir saßen an einem kleinen See am nördlichen Rand der mutmaßlich ewigen Stadt, Familien zogen an uns vorbei, an den Restauranttischen um uns wurde getafelt, als könnte nichts die Lebensfreude hier erschüttern, die ich mir früher, wie viele andere aus der Ferne wohl auch, als ein stetiges Bad unter dem Wasserfall des Fontana di Trevi vorgestellt habe, warm, sinnlich und mit dem Triumph der Kunst, hinter der sich Macht und Elitarismus leidlich schön verbergen. Rom könnte eine Idylle sein, aber idyllisch ist es in Rom vielleicht immer nur für die Touristen und Pilger gewesen. Sie sind auch die Einzigen, die heute noch in die römischen Brunnen springen, die meisten von ihnen etwas weniger hübsch als Anita Ekberg, weshalb die Stadt das Brunnenbaden mittlerweile mit einem Bußgeld belegt hat.

Mein Bekannter wohnte außerhalb, zwei Zimmer und vierzig Minuten Fahrtzeit, anderes konnte er sich trotz seines Professorengehalts nicht leisten. Bald wollte er umziehen, erzählte er, an die Piramide, dort, wo der cimitero acatolico mit seinen Platanen eine Hoffnung davon weckt, dass das Jenseits doch kein so schlechter Ort sein könnte. Bald, bald zöge er dorthin – wenn es die Republik Italien dann noch geben sollte, wie er zynisch (oder war es doch realistisch?) meinte. „Ein paar Monate haben wir noch bis zur Wahl, ein paar Monate, die ohne Staatsbankrott über die Bühne gehen müssen.“

Zynismus, zumindest Sarkasmus schien das Einzige zu sein, womit mein italienischer Freund durch den Tag kam, wenn er nicht auf seinem Motorrad so halsbrecherisch fuhr, dass ich als Mitfahrerin fürchtete, Zeugin und Mitleidtragende eines Suizids zu werden. Das Glück, die Fahrt überstanden zu haben, all das Adrenalin, das mein Körper während der Tauchgänge durch die Untertunnelung Roms ausgeschüttet hatte, ließ mir die Stadt und das Leben in ihr noch einmal strahlender erscheinen. Ich musste hier schließlich nur zu Abend essen, Freunde treffen, Kirchen besuchen, ich musste hier keine Rechnungen bezahlen und gottlob trotz der Motorradfahrt nicht zum Arzt, ich musste weder Kinder einschulen noch Eltern pflegen, ich brauchte keine Perspektive für diese Stadt, die ihre Realität so vielen Wandlungen unterzogen hatte, von einem Großreich über einen Kirchenstaat hin zur Hauptstadt eines vereinigten Italiens, und jetzt existierte sie vor allem für die Selfiesticks, mit denen sich Touristen aller Nationen ihre Handys vors Gesicht hielten. Reliquien als Bildschirmschoner. 

Jedes Mal, wenn ich in die Stadt zurückkehre, in der ich studiert habe und in der ich einmal leben wollte, erlebe ich dieselbe Resignation, eine Stimmung des allmählichen Untergangs oder vielmehr der Gewissheit: Hier ist kein Platz für uns. Das höre ich von meinen italienischen Freunden, die noch da sind, viele sind es nicht mehr. Kein Platz für unsere Generation. Kein Platz für jene, die nicht aus den wohlhabenden Familien kommen. Kein Platz für neue Ideen, für Bewegung, für Zukunft zwischen so viel Altertum. Rom sei die schönste Stadt der Welt, aber zum Leben unmöglich, sagte mir der Freund am See. Italien habe zwar eine gewaltige Geschichte, aber als Gegenwart nur Chaos und als Zukunft allenfalls den cielo azzuro, aber vermutlich nicht einmal mehr den.

Rom hatte sich auch dieses Mal wieder verändert. Am Corso standen Armeesoldaten, Maschinengewehre an die Schulter gelehnt. Die Parks verlotterten, weil die Mafia, wie mir mein Freund erzählte, die einzige Organisation gewesen sei, die sich um die Pflege gekümmert habe – das nun also sei das Ergebnis der Anti-Mafia-Gesetze. Die Partito Democratico verkam, weil Renzi auch nicht besser war als  ... nein, eher schlechter als alle anderen, hörte ich den Freund sagen, und dasselbe hätte ich wohl über so ziemlich jeden Politiker gehört, mit Ausnahme von Andreotti und Berlusconi, denen er nur noch ein betontes Ausatmen nachgeschickt hätte, unumstößlich waren sie wie die Hügel von Rom. Aber auch jenseits von ihnen blieb Politik ein verlorenes Spiel, weil bequeme Strukturen, Nepotismus, Korruption, Ämtergeschiebe so resistent sind gegen jeden Änderungsversuch und der Movimento Cinque Stelle, die neue politische Bewegung, die damit hatte aufräumen wollen, sich nur im Schlechten darin bewiesen hatte, was er am Anfang hatte werden können, aber nicht zwingend hätte werden müssen: ein Clownsladen, der, wo er regierte, wenig hinbekam und im Übrigen Italien aus der EU treiben wollte.

Ja, die EU, die gebe es wohl, aber, so klagte der Freund, sie verstehe weder die römischen noch die süditalienischen Probleme, überhaupt die südeuropäischen Sorgen nicht. So vieles gehe weiter den Bach runter und jene, die es eingebrockt hätten, seien verschwunden, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Die EU sehe und verstehe zu wenig, aber ohne EU gehe es eben auch nicht, ohne diese Institution mit Verwaltungsgebäuden, mit Ein- und Ausgängen,einer bestimmten Zahl von Angestellten, mit einer Struktur, die erkennbar ist, auch wenn man sie demokratisch nicht genügend legitimiert finden mag. Immerhin, es gibt sie. Aber Europa?

Welche Konturen hat Europa, welche Ein- und Ausgänge, welche Struktur? Welche Probleme umfasst es, die meine Berliner Bekannten und ich nicht wirklich begreifen, obwohl wir auf der Pulse of Europe-Demo Fähnchen schwenken? Probleme, die ich mir von meinem römischen Bekannten erzählen lasse, die aber sofort wieder schemenhaft, unwirklich werden, sobald ich zu Hause in Berlin an meinem Schreibtisch sitze, weil sogar in Berlin, diesem Schuldensündenpfuhl der Bundesrepublik, die Parks nicht von der Mafia gereinigt werden und die Armee nicht auf der Straße steht. Und was verstehen wir von Europa, wenn wir von Berlin aus nicht einmal verstehen, was an den Rändern Roms vor sich geht?

Europa, gibt es das überhaupt?

Und wo wohnt eigentlich Madame Sosostris?

II

Madame Sosostris, 
famous clairvoyante,
Had a bad cold, nevertheless
Is known to be the wisest 
woman of Europe,
With a wicked pack of cards. Here, she said, 
is your card, the drowned 
Phoenician Sailor.

Diese Zeilen stammen aus T.S. Eliots „The Waste Land“, jenem 1922 publizierten weltberühmten Langgedicht über das moderne, siechende Europa kurz nach dem Ersten Weltkrieg, ein ödes Land, die Menschen transzendental ausgetrocknet und selbst die Wahrsagerin verschnupft. Sie alle sind gezeichnet von der Müdigkeit der Nachkriegszeit und auf dem Weg in ein noch vernichtenderes Chaos. Dantes Inferno klingt in Eliots Gedicht herauf, aber auch Zeilen von Augustinus und William Shakespeare, von Charles Baudelaire und Richard Wagner, sie zeichnen ein literarisches Europa über Epochen und Länder hinweg, falten es auf in seiner Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit und finden ihren Schluss viel weiter östlich in den Upanischaden: shantih, shantih, shantih. Friede, Friede, Friede.

Als ich ein paar Tage nach dem Abendessen in Rom im Hafen von Genua stand, die Stadt bereits in das Dunkel eines Juniabends abgetaucht, hinter mir die hohen, mittelalterlichen Gebäude wie von einer unsichtbaren Hand zu eng zusammengeschoben, ein kleiner Basar fand unter den Arkaden statt, nur von Männern besucht, die von anderen Männern gebrauchte Elektrogeräte und Sportschuhe kauften und ich auf das Licht des Leuchtturms blickte, der wie aus einer anderen Zeit durch die Dunkelheit strahlte, die letzten Signale von Karthago zu senden schien, dachte ich weder an Eliot noch an den phönizischen Seemann aus dem Kartenspiel von Madame Sosostris, nur daran, dass das Wort Mittelmeer früher einen hellen, leichten Klang für mich gehabt hatte. Der Klang von Reisen und Sommerurlauben. Ich blickte in die vom Leuchtturm durchzuckte Dunkelheit und es war mit einem Mal gegenwärtig, dass Europa früher andere Regionen bezeichnet, sich während des Römischen Reichs um das Mittelmeer gezogen hatte, von Skandinavien nicht viel wusste und wissen wollte und Ägypten ernster nahm als das, was wir heute Norddeutschland nennen. Und wir, was verstehen wir unter Europa? Können wir es eigentlich begreifen, ohne davon zu erzählen und uns davon erzählen zu lassen?

Diese Frage, die schnell auch eine Forderung wird, habe ich immer häufiger gehört in den letzten Monaten, vielleicht Jahren: Es müsse wieder eine Erzählung von Europa geben. Europa begann mit einer Geschichte, einem Mythos, und somit, so scheint es, müssten wir wieder dahin zurück, zur Erzählung, dieser in den letzten Jahrzehnten skeptisch beäugten Form. Rettungspläne und Verwaltungsstrukturen, Plebiszite und Werbegeschenke allein genügten nicht, um eine Gemeinschaft, um Sinn zu stiften. Das hatten auch die nüchternsten Geister mittlerweile bemerkt.

Dabei gibt es eine Geschichte von Europa, die derzeit beständig erzählt wird. Die Geschichte handelt von Madame Sosostris, ihrem Schnupfen und ihrem Kartenstapel. Die Geschichte gibt es in vielen Varianten, mit mal schönem, mal dramatischem, mal katastrophalem und oft auch offenem Ende. Sie beginnt aber immer mit den gleichen Worten: 

Als Angela Merkel im Herbst 2015 die Grenzen öffnete ...

Die Variationen, die folgen, handeln mal von Mitgefühl, mal von Überforderung, sie handeln von menschlicher Größe und vom Chaos, von deutscher Hegemonie und historischer Verantwortung, von Verantwortungslosigkeit und von Humanität, von einem Taschenspielertrick, denn die Grenzen seien ja schon offen gewesen, sie wurden lediglich nicht geschlossen, sie handeln von österreichischen Pässen und italienischen Inseln, von diesem und von jenem Versagen, von Küstenwache, Seenot, von Schleppern und Flucht, von Überfremdung und von Massengräbern. Sie handeln wie die alten Mythen von Gut und Böse, nur sind sich die Erzähler uneins, was diese beiden Worte denn nun eigentlich bedeuten.

Und während sich die Erzähler uneins sind, geht die Erzählung in der Realität weiter, die schon lange vor Beginn der öffentlichen, lauten Erzählung begonnen hat. Und während die Erzählung weiterging, stand ich an der Uferpromenade von Genua, blickte in die vom Licht des Leuchtturms durchzuckte Dunkelheit und dachte daran, dass das Wort Mittelmeer früher einen hellen, leichten Klang für mich gehabt hatte. 

Mittelmeer aber ist heute das Wort einer von Menschen herbeigeführten Katastrophe geworden, wie Tschernobyl und Hiroshima. Es hat keinen roten Knopf gegeben, man ließ nur Dingen ihren Lauf. Madame Sosostris hatte einen Schnupfen und die Zukunft waren Bilder auf ein paar Karten, aber es wurden zu wenige gezogen.

III

Phlebas, the Phoenician, a fortnight dead,
forgot the cry of gulls

Auf dem Weg zurück zu meinem Genueser Hotel, das etwas höher am Hang lag, stieg ich durch schmale, schlecht beleuchtete Gässchen, in denen hin und wieder grelles Neonlicht aus einem Kiosk strahlte. Mir erschien hier nichts heimelig, die Häuser zu hoch, die Wäsche vor den Fenstern verloren, alles wie aus einem Traum von Charles Dickens oder Käthe Kollwitz, von den Hinterhöfen Europas, die noch ihre ursprüngliche, enge Struktur behalten und sich nicht in die modernen Wohnkomplexe der Satellitenstädte verwandelt hatten. Und dann trat ich auf einen Platz, an dem die vergessenen Gässchen in die nahegelegene Prachtstraße mündeten und auf dem etwa vierzig Männer standen. Ihre Gesichter nach Osten gewandt, hatten sie sich zum Abendgebet versammelt. Das Bild dieser plötzlich vor mir aufgetauchten, wie selbstverständlich mitten im Freien stehenden Männer strahlte eine berückende Ruhe und Versunkenheit aus und schien mir zu zeigen, wie sich in dieser Stadt vermischte, vermischen konnte, was sonst als so schwer vereinbar galt, wie hinfällig unsere Aufteilungen, unsere vermeintlichen Gegensätze sind, Innen und Außen, unterhalb und oberhalb von Rom, Orient und Okzident, diesseits, jenseits des Meeres.

Unterhalb von Rom höre Europa auf, dann beginne Afrika, hat mir eine Bekannte vor Jahren einmal gesagt, als Lampedusa noch eine kleine Insel, der südlichste, vergessenste Fleck Italiens zu sein schien und nicht allgemein als Synonym für die verzweifelten Versuche verstanden wurde, von der nordafrikanischen Küste aus sich nach dem eingeschlagenen Pfosten auszustrecken, daran festzuhalten, jenem südlichsten Punkt im Meer, der noch EU bedeutet, ein Nagel, der ein zu schweres Bild halten soll. Vielleicht hört auch nordwestlich von Rom Europa auf, in Genua, in dieser den Berghang hinauf gewachsenen, palimpsestartigen Stadt, in der die Zuschreibungen sich überlagern oder aber sie lässt vielmehr Europa wieder aufleben, die Idee von Europa, die einmal nicht durch Landfläche verbunden war, sondern durch das Fehlen von Land, sich rings um das Mittelmeer, das Mare Nostrum zog, durch Handelsrouten miteinander verbunden und sich vermischend.

Dabei war der Grund des Provisoriums der dort in Genua auf offener Straße vor mir betenden Männer weniger betörend als ihr Anblick in der Abendstimmung: Die Lega Nord, las ich später in meinem Hotelzimmer, hatte sich in Genua stark gemacht gegen den Bau von Moscheen. Etwas anderes, als das Freitagsgebet gedrängt auf diesem Platz im Zentrum zu feiern, blieb den Männern gar nicht übrig. Sie standen dort nicht, weil sie gewollt, sondern weil sie nicht gewollt wurden.

Vielleicht hört Europa heute in den Metropolen auf, die sich selbst genug sind oder in jener Provinz, in der man nichts von Fremde weiß und es umso mehr fürchtet. Vielleicht endet Europa dann, wenn jemand beginnt, vom Abendland zu sprechen, jenem Begriff, der erdacht wurde zur Abgrenzung von Persern und Osmanen, die dem europäischen Machtstreben, dem eigenen Selbstverständnis entgegenstanden und mit dem Begriff des Abendlandes erfand man zugleich eine Projektion von Geschlossenheit, die es in der Realität nie gab. Abendland, was sollte das sein? Das christliche Abendland? Das barbarische Abendland? Das ökonomische Abendland? Das werte- und haltlose Abendland? Wir verstehen Europa von jedem Fleck dieses Kontinents aus anders. Vor allem aber verstehen wir es oft gar nicht.

Eine Freundin erzählte mir von einer Idee, Europa jungen Leuten näher zu bringen: Ein gesponsertes Interrailticket für jede und jeden zum achtzehnten Geburtstag, so unprätentiös, praktisch und einleuchtend schien der europäische Gedanke sein zu können. Natürlich, nur durch Reisen und Begegnungen können wir verstehen, was Europa tatsächlich ist oder sein könnte und nicht bloß administrativ darstellt, darstellen soll. Und zugleich käme mir eine solche Reise als bloßes Urlaubsereignis, ohne historisches, ohne gegenwärtiges Bewusstsein, ohne Bewusstsein davon, dass Europa nicht ohne das verständlich wird, was jenseits davon liegt, was es ausschließt und zurückweist, doch naiv, ja falsch vor. Ein Werbegeschenk, um Sympathien für das europäische Projekt mit ein wenig Sangria, Grappa und Strandparty zu erkaufen. Mittelmeer. Der Klang von Reisen und Sommerurlauben.

Der Klang, der anders, wüst und düster, geworden ist. Fear death by water, warnt T. S Eliots Wahrsagerin Madame Sosostris ihren zukunftssuchenden Klienten, den lyrischen Erzähler. Fürchten Sie den Tod durch Wasser, übersetzt Norbert Hummelt und Eva Hesse schreibt es ins Deutsche als der nasse Tod. Was für eine harmlose, ja verharmlosende Wendung, dachte ich beim Lesen der Übertragung, doch dann, mit jeder weiteren Lektüre, sog sich das Bild mit seinem Schrecken voll, wie Kleider, die vom Wasser zu schwer werden und jenen, der sie trägt, mit sich hinabziehen. Und der Schrei der Möwen klingt von dort unten nicht mehr hinauf.

IV

What is that 
sound high in the air
Murmur of maternal 
lamentation

Es ist lange her, aber Europa hat Zeus drei Kinder geboren. Der Sex zwischen ihnen war nicht das, was man einvernehmlich nennen kann. Zeus verwandelte sich in einen Stier, lockte Europa an, entführte sie schwimmend durchs Wasser und vergewaltigte sie. Drei Kinder, drei Halbgötter hat sie ihm geboren. Das ist der alte Mythos von Europa. Der Gott, der schändet, hätte als Gründungsmythos abscheulich genug sein können, doch er wurde in der Geschichte Europas noch weit übertroffen. Europa ist heute Inbegriff der Freiheit und des Wohlstands, des Friedens und der demokratischen Rechtsstaatlichkeit. Es ist kein Paradies, aber doch, blickt man sich in der Welt um, ein fast beispielloses Idyll – eines allerdings, an dessen Rändern Krieg und staatliche Willkür herrscht und in dessen Innerem mancherorts Freiheit und Rechtsstaatlichkeit wieder bedroht sind. Es ist zudem ein Idyll, das sich auf Ruinen gründet. Ruinen von Häusern, von Städten und Landstrichen, aber mehr noch auf Ruinen einer Vernunft, die das hellenistische Europa groß gemacht hatte und sich schließlich selbst widerlegte und zerstörte.

Mehr als auf das Christentum ist Europa auf Verwüstung gebaut, mehr als auf Nächstenliebe auf die zeitweilige Missachtung von Menschenrechten, auf die Missachtung des Menschen selbst. Sollten wir das vergessen, sollte es nicht mehr gelingen, den Konnex zu vermitteln zwischen dem, was auf diesem Kontinent geschehen ist und dem, was wir uns im Morgen zu geschehen wünschen, wenn nicht mehr von einer Verantwortung gewusst wird, die aus der Geschichte heraus und in besonderem Maß aus den Gräueltaten des zwanzigsten Jahrhundert, aus zwei Weltkriegen und dem Völkermord an den europäischen Juden erwachsen ist, dann können wir die besten Werbeagenturen engagieren, um ein europäisches Narrativ ansprechend zu gestalten, wir können Fähnchen und Kugelschreiber verteilen, es wäre nicht anders als zynisch zu nennen, zynisch und blind, ein höhnisches Disneyland.

Dass die EU daran kranke, dass sie als friedensstiftendes Projekt nicht mehr überzeuge, hatte ich in letzter Zeit immer wieder gehört, dass sie nicht mehr nachvollziehbar sei, weil die jüngeren Generationen, also auch meine, in einem Europa des Friedens aufwüchsen. Und ich fasste es nicht, was ich da hörte, und fasste umso weniger, dass alle nickten, jaja, das verfängt nicht mehr: Um Frieden zu mögen, muss man Krieg erlebt haben. Dass Frieden eine außerordentlich attraktive Sache sei, wollte ich einwenden, die auch jene nicht so ohne weiteres hergeben, die nie etwas anderes erlebt haben. Dass derzeit viele Menschen in dem friedensstiftenden Projekt EU ankommen, die Krieg durchaus erlebt haben, wollte ich erinnern. Und zudem, wollte ich zuletzt noch rufen, nachvollziehbar kann und darf doch nicht allein sein, was in der eigenen Geschichte, in der eigenen Biografie erlebt wird. Wenn es soweit gekommen ist, dann ist etwas viel weiter im Argen, dann ist die Sensibilität für alles außerhalb unseres selbsterlebten Bezugssystems abgestumpft, unsere historische Imaginationskraft verkümmert.

Es sind vor allem die jungen Leute, die den Friedhof besichtigen, an die Gräber kommen, erzählte mir die Leiterin des cimitero acatolico. Wir standen auf einem römischen Empfang zusammen, neben den obligatorischen Tramezzini, Mignoni, Cannelloni in goldglänzenden Kartons, die es bei römischen Empfängen immer gibt, ganz gleich, wie es dem gerade geht. Es war bereits Dezember, Italien entgegen aller pessimistischen Prognosen meines Freundes als Republik noch nicht untergegangen und man genoss, wie man es eben in Rom gewohnt ist, den gestundeten Wohlstand auf goldglänzendem Grund.

Wenn die jungen Leute heute wieder zum Grab von Gramsci kämen, dann stecke doch offensichtlich eine Sehnsucht nach Identifikationsfiguren dahinter, glaubte die Leiterin, nach Idealen, die nicht bloß als Fassade wirkten. Heute sei man hauptsächlich skeptisch gegenüber dem Staat und den Politikern, die ihn verträten, in Italien, in Großbritannien, in Osteuropa. Und in Deutschland wohl auch?, fragte sie. Ich wiegte den Kopf. In Osteuropa sei es vermutlich schlimmer, antwortete ich nur und fragte mich im Stillen, wann und wo man in Italien je großflächig den Staat geliebt hatte, abgesehen von Turin vielleicht, von wo aus im 19. Jahrhundert die Vereinigung des Landes hegemonial vorangetrieben worden war. Und während ich für mich die Argumente durchging, ob und wenn ja, weshalb es derzeit in Osteuropa schlimmer stand um die Demokratie als in Deutschland, die Staatsskepsis ausgeprägter war, neue abgeschottete Klarheiten dringlicher herbeigesehnt wurden, warum zugleich das postnationale Denken vieler, die solchen neuen Nationalismus aufs Schärfste verurteilten, an den Grenzen Europas aufhörte und die glühendsten Europaverfechter im nationalen Denken gefangen blieben, ihr Nationalstaat lediglich eine größere Fläche umfasste als die von Polen oder Deutschland, nämlich die Trutzburg Europa, fragte ich mich vor allem: Waren denn tote Identifikationsfiguren die besseren? Oder waren sie schlicht die einzigen, die wir uns noch zutrauten?

Ich stand am Fenster mit Blick auf die Via del Corso und dachte zurück an das Abendessen im Sommer. Draußen, vor dem Fenster, kreisten die Seemöwen über den verwitterten und verwinkelten Straßen der Altstadt, vom Meer abgedriftet, dem Tiber nachgezogen, hingen sie über der Metropole, ihre weißen Bäuche sprenkelten den Himmel und gehörten für mich so sehr zum Stadtbild wie die Brunnen und Kirchen, das Pantheon und das Ghetto. In Wahrheit aber waren die Möwen erst viel später gekommen, als die Kirchen von Sandstrahlern gesäubert und von den Autoabgasen erneut verwittert waren, im Ghetto längst die Touristen Artischocke nach jüdischer Art in sich hinein schaufelten und zwischen den Ruinen ein Pianist spielte, dort, wo die jüdischen Bewohner im Oktober 1943 zusammengetrieben worden waren, um sie nach Auschwitz zu deportieren.

V

I sat upon the shore
Fishing, with the arid plain behind me
Shall I at least set my 
lands in order?

Vom cimitero acatolico aus kann man mit der Ostiense-Linie zum Strand von Ostia fahren, jenem von Büdchen und Badetüchern verbauten Sandstreifen, an dem das Mittelmeer Richtung Rom leckt und auf dem Pier Paolo Pasolini 1975 ermordet wurde. Pasolinis Tod galt meinem italienischen Freund, mit dem ich im Sommer zu Abend gegessen hatte, nicht nur als das Ende des linken politischen Diskurses in Italien, sondern zugleich als Beginn der Ära Berlusconi. Für ihn war damals nicht nur ein Leben verstummt, sondern eine Art, über Leben nachzudenken und sich für dieses Denken öffentlich Raum zu nehmen. Wir leiden weniger an einem Mangel an historischer Imaginationskraft, sagte er, als daran, dass wir uns keine andere Zukunft mehr vorstellen können. Was aber soll denn die Lehre aus der Geschichte sein, wenn sie sich in der Gegenwart als Schuld gegenüber der Vergangenheit und trotzdem als Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft zeigt?

Auch wenn ich die Zäsur nicht so absolut mit den Lebensdaten Pasolinis verbinden würde, wie es mein römischer Freund tat, brachte er doch nicht etwa nur ein italienisches, sondern ein europäisches Problem zur Sprache, vielleicht das Problem meiner Generation. Es scheint, als hätten viele von uns Helmut Schmidts Dogma verinnerlicht, demnach all jene zum Arzt gehen sollten, die noch Visionen haben, so sehr verinnerlicht, dass wir schon prophylaktisch von aller zukunftsgewendeten Fantasie die Finger oder besser die Gedanken lassen. Und in dem Moment, in dem die Zukunft schmal wird, wird es auch die Gegenwart, nicht nur die Erzählung von ihr, sondern ganz pragmatisch unser Umgang, unsere Fähigkeit, Lösungen zu denken. Doch wäre es falsch zu meinen, die Politik sollte nun schlicht nach Narration rufen, nach einem von der Literatur geborgten Kitt für die europäische Gesellschaft, der über das Auseinanderbrechende, sich Zersprengende gekippt wird, der dort aushelfen soll, wo politische und administrative Ideen und Fortentwicklungen geboten wären. So wirkt der Wunsch nach einer Erzählung wie der verzweifelte Hilferuf eines Schiffbruch erleidenden Systems. Und die Literatur wiederum würde sich lächerlich machen, ließe sie sich vor den verwaltungspolitischen Karren spannen.

Ob es Europa wirklich gab, das hatte mein römischer Freund mir im Sommer nicht beantworten wollen. Die Erzählung aber, an die glaubte er, an eine Erzählung gleichwohl, die sich nicht in einer mit EU-Mitteln geförderten PR-Maßnahme erschöpfte, zu einem Mantra wurde, das dann einsetzte, wenn der politische Gestaltungswillen nicht genügend überzeugte. Das töte die Erzählung, sagte er, und an ihre Stelle trete das Gerede vom fake, von Fälschung und Lüge. Die genuine literarische Erzählung aber eröffne jenen Imaginationsraum, ohne den wir uns weder vorstellen können, wie es gewesen ist noch wie es sein könnte. Die Erzählungen von Europa, die sich zu hören lohnten, würden mehr vom Düsteren zu berichten haben als von den gefälligen Seiten, glaubte mein Freund, von einem Kontinent als Konstrukt zwischen Hybrid und Hybris, in jedem Fall würden sie schroff, gebrochen und vielstimmig sein wie Eliots „The Waste Land“. Aber unser Europa, sagte er, gibt es ohne sie nicht, nur ein stummes Land, das von nichts sprechen kann und keinen Ort erfinden.

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